Beweis-Video vom Nagetier

Biber in Bad Sooden-Allendorf gesichtet

Entdeckung im Solegraben von Bad Sooden an der Holzbrücke zwischen Gradierwerk und Söder Tor: ein Biber. Foto: Christoph Riehm / nh

Bad Sooden-Allendorf. Er ist wieder da: der Biber. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts durch Verfolgung und Zerstörung des Lebensraumes großflächig ausgerottet, erobert Europas größtes und inzwischen streng geschütztes Nagetier wieder heimische Gewässer.

So wurde ein Biber in diesen Tagen in Bad Sooden-Allendorf unter einer kleinen Holzbrücke zwischen Gradierwerk und Söder Tor am Ufer des Solgrabens gesichtet.

Bei diesem Abzweig von der Werra handelt es sich um ein etwa vier Kilometer langes und gut fünf Meter breites künstliches Fließgewässer. Es wurde nach Angaben des Heimatforschers Gerhard Rademacher im 16. Jahrhundert angelegt, um in Sooden über zwei Wasserräder mit einem Durchmesser von sechs Metern die Pumpen anzutreiben. Diese beförderten die Sole aus den Heilwasserquellen aufs Gradierwerk.

Entdeckt hat den Biber ein Spaziergänger aus Stuttgart mit familiären Bindungen zu Bad Sooden-Allendorf: Christoph Riehm (37) war mit Mutter, Ehefrau und Tochter im Städtchen unterwegs, als er am Gradierwerk einen Mann ganz aufgeregt schreien hörte: „Da ist eine Riesen-Bisamratte.“ Riehm eilte zum Brückchen, wo sich die vermeintliche Ratte schnell als Biber entpuppte. Mit seinem Handy machte der 37-jährige technische Zeichner ein - allerdings unscharfes - Beweisfoto, das den seltenen vierbeinigen Gast dank seines typischen, flachen und unbehaarten Schwanzes, auch Kelle genannt, eindeutig identifiziert. Auch ein kurzes Video hat er gemacht:

Nach Erkenntnissen von Naturschutz-Experte Wolfram Brauneis handelt es sich bei dem Nager um ein etwa einjähriges Tier, das sich auf der Suche nach einem geeigneten Quartier befindet. Bei einer - allerdings nur flüchtigen - Absuche des Solgrabens wurde in diesem Gewässer ein Biberbau bislang jedenfalls nicht entdeckt. Als reiner Vegetarier ernährt sich der Biber von jungen Trieben, Blättern, Weichhölzern, aber auch Gräsern.

Als größtes Nagetier Europas, erreicht der Biber eine Kopf-Rumpf-Länge von 80 bis 102 Zentimetern. Der Biberschwanz, nach dem auch ein Dachziegel benannt ist, wird zudem bis zu 35 Zentimeter lang.

Das spindelförmige Tier bringt es auf ein Gewicht von 23 bis über 30 Kilogramm. Die sehr weit oben liegenden Augen und Nase befinden sich auch beim untergetauchten Körper über Wasser. Zum Greifen ausgebildet sind die fünf Finger der Vorderfüße. Zwischen den Zehen der vergleichsweise großen Hinterfüße hat der Biber Schwimmhäute. Die vier Schneidezähne des Tiers wachsen ständig nach und schärfen sich von selbst.

Bislang nur wenige Biber im Werra-Meißner-Kreis gesichtet

Nach Auskunft von Tierschützer Wolfram Brauneis (Eschwege), Vorsitzender des Kreisverbandes der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON), wurden, seitdem der Biber unter Schutz steht, erst drei dieser Tiere in unserer Region gesehen.

Danach entdeckte Helmut Siebert aus Sontra-Breitau ein lebendes Exemplar Anfang vorigen Jahres an der Werra bei Herleshausen. Von einem Auto überfahren aufgefunden wurde ein Biber im vergangenen Herbst auf der Bundesstraße 249 bei Schwebda. Und nun der Biber in Bad Sooden-Allendorf.

Der ist laut Brauneis ein Nachkomme jener Biber, welche die HGON mit Erlaubnis der damaligen DDR-Behörden im Jahr 1987 an der Elbe eingefangen und auf westdeutschem Gebiet unterhalb des Spessarts zur Wiederansiedlung ausgesetzt hat. Die Elbe ist noch heute das dichteste Verbreitungsgebiet des Vegetariers, der sich vorzugsweise von 150 krautigen Pflanzen und mehr als 60 Gehölzarten ernährt. Eindeutige (Nage-)Spuren des Bibers lassen sich bei Herleshausen auch auf Werra-Inseln finden, die von einer Aufspaltung des Flusses durch die HGON herrühren, die dafür 15 Hektar eigener Fläche zur Verfügung gestellt hat. Erste Erkenntnisse über einen Biber dort gab es 2014/2015, so Kreissprecher Jörg Klinge. Wolfram Brauneis sagt dazu: „Jede Windung des Flusses schafft neuen Lebensraum für den Biber.“

Dass es auf das richtige Biotop ankommt, um den Biber wieder heimisch werden zu lassen, weiß auch Hessisch Lichtenaus Forstamtsleiter Matthias Dumm: „Wenn der Lebensraum stimmt, dann kommt er auch.“ Erst recht, wenn sich das dämmerungsaktive und nicht übermäßig scheue Tier gut verstecken könne. Dumm: “Der Biber kriegt schnell mit, dass er nicht mehr bejagt wird.“

Nachgestellt bis zur fast kompletten Ausrottung wurde dem Biber einst, weil er in Gewässern gern Dämme baut und so Wasser staut, das angrenzende Ackerflächen überfluten kann. Laut Klinge benötige Biber für ihre Reviere zirka ein bis drei Kilometer Fleißgewässerstrecke, je nachdem, wie das Nahrungsangebot ist. Sie kommen aber auch in stehenden Gewässern vor. Ob das in Bad Sooden-Allendorf gesichtete Tier bleibt, werde die Zeit zeigen.

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