88-jährige Zeitzeugin aus Eschwege

Buch von Ursula Vaupel: Ergreifender Vortrag über die Zeit als Hitler-Mädchen

+
Ungeschminkte Worte als Mahnung: Autorin Ursula Vaupel (links) las mit ihrer Tochter Milena Vaupel-Kenter.

Bad Sooden-Allendorf. Ursula Vaupel erinnert sich in ihrem Buch an die Zeit als Hitler-Mädchen.

„Hasset niemanden. Denn Hass zerstört. Es ist an euch, die Menschenwürde zu bewahren.“ Im überfüllten Hochzeitshaus in Allendorf verband Ursula Vaupel diesen Appell mit einer Mahnung zur Wachsamkeit gegenüber Rechtspopulismus und Nationalismus.

Vor Zuhörern aus allen Generationen, darunter auffallend vielen Jugendlichen, legte die 88-Jährige aus Eschwege am Freitagabend eine Art Lebensbeichte ab, als sie aus ihrem gleichnamigen Buch las und bekannte: „Auch ich war ein Hitler-Mädchen“. Der Titel, an dem sie nach eigenen Angaben 18 Jahre lang gearbeitet hat, war eine späte Abrechnung mit dem Nazi-Regime und darf wohl auch als Versuch gewertet werden, am Abend ihres Lebens mit sich selbst ins Reine zu kommen. Ja, das Schreiben sei „wie eine Befreiung“ gewesen, so die frühere Gymnasiallehrerin, die vor vielen Jahren auch Deutschlehrerin von Regine Henke war, der Vorsitzenden des Kulturforums Bad Sooden-Allendorf, das diese denkwürdigen 120 Minuten organisiert hatte.

Schuldgefühle und Scham empfinde sie, weil auch sie „antisemitisch aufgehetzt“ gewesen sei, beschreibt Ursula Vaupel ihre Eltern als treue Gefolgsleute Hitlers und ihre Mutter sogar als „glühende Verehrerin“ des „Führers“. In diesem sozialen Umfeld gab es keinen Widerspruch gegen die NS-Ideologie, auch nicht von ihrem Bruder, der kurzzeitig sogar bei der SS war. „Meine Herkunftsfamilie - das war kein Ruhmesblatt.“ Ausführlich ging Ursula Vaupel auf das Schicksal der jüdischen Bevölkerung ein, die nach dem Willen Hitlers total ausgerottet werden sollte. Das Rezitieren der aufwühlendsten Passagen überließ sie dabei ihrer Tochter („Wenn ich weinen muss, macht Milena weiter.“).

Sie erinnerte an die Reichspogromnacht mit brennenden Synagogen, verwüsteten Geschäften des jüdischen Nachbarn, an arrestierte Männer und an Deportationen, so dass selbst ihr Vater damals gesagt habe: „Nein, so weit dürfen sie (die Nazis), nicht gehen. Das ist Unrecht.“

Ursula Vaupel, die nach der Leseart der Nazis selbst ein „minderwertiger Mensch“ war, weil ihr von Geburt an der linke Unterarm fehlte, wollte ihre ungeschminkten Aufzeichnungen als Mahnung eigentlich nur für ihre Kinder und Enkelkinder festhalten, entschloss sich aber, an die Öffentlichkeit zu gehen, weil Gleiches ihr jüdischer Freund aus der Kindheit zuvor schon getan hatte. Paul - so heißt der heute 86-Jährige - hatte sich vor der Verschleppung seiner Eltern und Angehörigen in die Vernichtungslager der NS ins Ausland abgesetzt. Er lebt heute in Los Angeles. Nach 76 Jahren traf sie ihn wieder bei seiner Buch-Präsentation in der damals gemeinsamen Heimatstadt Wiesbaden.

Die Erkenntnis der einst irregeleiteten Zeitzeugin: „Man kann alles erklären, aber nicht entschuldigen.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.