Lastwagenfahrer steuern gern Imbiss an B27 an

Kostenlose Waschgelegenheit: „Bekki“ Baude hat ein Herz für Trucker

Macht sich frisch für neue Taten: Nicht nur für Steffen Römbb sind Duschen und WC am Truckstopp in Bad Sooden-Allendorf kostenfrei zu benutzen.
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Macht sich frisch für neue Taten: Nicht nur für Steffen Römbb sind Duschen und WC am Truckstopp in Bad Sooden-Allendorf kostenfrei zu benutzen.

Sie versorgen uns mit Lebensmitteln, aber niemand versorgt sie. Viele Fernfahrer stehen während der Corona-Krise auf Rasthöfen vor verschlossenen Türen - aber nicht in Bad Sooden-Allendorf. 

„Willi“, ruft Rebekka Baude mit einem spitzen Schrei des Entzückens, als sie den 69-Jährigen in der offenen Tür erblickt. „Meine Herzallerliebste“, schallt es ihr freudig zurück. Bekki, wie jedermann sie nennt, ist die Chefin der Schlemmermeile direkt hinter der Shell-Tankstelle an der B 27 in Bad Sooden-Allendorf. Und Willi Höffner, der selbstständige Fuhrunternehmer aus Koblenz, lässt keine Gelegenheit aus, das Fernfahrerlokal anzusteuern, um sich von der 45-Jährigen aus Ellershausen bewirten zu lassen.

Mahlzeit im Schatten seines Trucks: Willi Höffner lässt sich von Rebecca Baude bewirten.

Die ausgebildete Köchin hat allen Corona-Einschränkungen zum Trotz eine Sondergenehmigung der Behörden, um ihre Gäste mit Speisen und Getränken zu versorgen. Das darf sie aber nur außerhalb des Lokals. Tische und Stühle im Innern sind hochgeklappt. An diesem sonnigen Spätnachmittag hat Willi extra einen Umweg in Kauf genommen. Von Kassel kommend, hätte er auf kürzestem Weg und ohne Zeitverlust seinen mit Baumaterialien beladenen 40-Tonner über die Autobahn zur letzten Abladestation nach Nordhausen steuern können.

Denkste! In Hessisch Lichtenau bog er ab auf die B 7, um Kurs auf die Schlemmermeile zu nehmen und sich nicht zum ersten Mal mit einem frisch zubereiteten Jägerschnitzel zu stärken. „Bei Bekki war ich der erste Gast, als sie am 16. November vergangenen Jahres aufgemacht hat“, sagt Willi nicht ohne Stolz. Schon seit 50 Jahren ist er als Kapitän der Landstraße unterwegs: „Mein Leben war immer: Lenkrad in der Hand.“

„Schlemmermeile? Die kann ich nur empfehlen“, sagt auch Steffen Römbb. Der 62-Jährige aus Schmalenberg im Hochsauerland, der in Hamburg regelmäßig Überseecontainer abholt und in ganz Deutschland verteilt, weiß, dass Bekkis Herz für die Trucker schlägt: „Wenn ich hier durchfahre, halte ich jedes Mal an.“ Auch er gönnt sich eine warme Mahlzeit, die er im Führerhaus verzehrt, und lässt sich für nur einen Euro einen Becher Kaffee reichen. „Das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht“, kommentiert er den Pächterwechsel. Als Gebühr fürs Parken der Sattelschlepper wurden einst zehn Euro verlangt. Das kostet heute nichts. Auch die Körperpflege gibt’s zum Nulltarif. Wer mag, kann duschen, ohne in den Geldbeutel greifen zu müssen.

Und begeistert ist der Stammgast auch von der reichhaltigen Angebotspalette der preiswerten Küche. Nichts werde vorgekocht. Fertiggerichte, Tiefkühlkost und Konserven seien tabu, versichert Bekki, die auf Frische größten Wert legt. Gemüse bezieht sie aus Hitzerode, Wurst und Fleisch vom Metzger in Hohengandern und Eier aus Kammerbach.

Die Wirtin und Köchin in einer Person, die am Stück oft 13 und mehr Stunden am Herd steht, setzt auf „richtige Hausmannskost“ und erfüllt gern auch Sonderwünsche, die nicht auf der Speisekarte ausgewiesen sind. „Ich mache es unwahrscheinlich gern und mit Herzblut“, gesteht die Mutter eines 20-jährigen Sohnes und einer acht Jahre alten Tochter.

Ihr Faible für die Trucker mag auch daran liegen: Bekkis Mann Daniel (45) gehört selbst zu den Fernfahrern, die in diesen Zeiten dafür sorgen, dass der Laden Deutschland am Laufen bleibt.

Manche nutzen doch die Büsche

Wie in jeder Zunft und in allen Generationen gibt es auch unter den Fernfahrern – wenn man so will – schwarze Schafe. Diese leidvolle Erfahrung hat Rebecca Baude gemacht, die Pächterin nicht nur der Schlemmermeile, sondern auch des angrenzenden Parkplatzes und der Grünflächen ist. Obwohl sie darauf hingewiesen worden seien, die sanitären Anlagen des Lokals kostenlos benutzen zu dürfen, sei es in Einzelfällen dazu gekommen, dass Fernfahrer ungeniert auf dem Parkplatz uriniert hätten. Als krassesten Fall habe sie sogar erleben müssen, dass ein Trucker sich bei einem großen Geschäft in der Grünanlage erleichtert habe. „Wenn’s hier stinkt, kommt doch keiner“, sagt sie. Nach eigenen Angaben hat sie zuletzt 800 Euro für die Reinigung des Areals bezahlen müssen, auf dem maximal 50 Trucks parken können. In der ganz großen Mehrzahl, fügt sie ausdrücklich hinzu, seien die Trucker aber „tolle Menschen“.

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