Jeden Abend ein Bierchen

Georg Lohse feiert seinen 100. Geburtstag

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Ausnahmsweise mal ein Glas Sekt: Immer in Maßen Alkohol genossen hat Bierliebhaber Georg Lohse, der heute 100 Jahre alt wird. 

„Eine halbe Flasche, mehr nicht“, sagt Georg Lohse bestimmt und meint damit das Bierchen, das er sich jeden Abend als Schlummertrunk gönnt. Ob es an dieser maßvollen Dosis liegt, dass er ein beinahe biblisches Alter erreicht hat, kann er nicht sagen.

Wie auch immer: Im Kreise seiner Familie feiert Georg Lohse am Dienstag in Bad Sooden-Allendorf seinen 100. Geburtstag.

Mit dem Gerstensaft kennt sich der gebürtige Dresdner bestens aus. Nach dem Volksschulabschluss erlernte der jüngste Sohn eines Straßenbahnschaffners den Beruf des Brauers und Mälzers. Das war in Radeberg, das für sein Spitzenbier noch heute bekannt ist. Fünf Flaschen Haustrunk waren jeden Tag gratis. „Zuviel“, befand er, und verschenkte jedes Mal mindestens zwei.

Ein einziges Mal im Leben, erinnert er sich, habe er über die Stränge geschlagen, als es bei einem Firmenjubiläum Freibier gab: „Mir war hundeelend. Nie wieder!“ , habe er sich geschworen.

Ein Jahr noch verdingte er sich als Geselle, ehe er mit 18 Jahren zum Reichsarbeitsdienst und im selben Jahr noch zur Wehrmacht einberufen wurde.

Als Infanterist wurde er in Polen schwer verwundet. Noch schlimmer erging es ihm auf dem Russland-Feldzug, als ein Granatsplitter seinen Unterschenkel zerfetzte: „Die Wunde vereiterte und wurde dick wie eine Melone.“ Zum Glück wurde er in der Heimat verarztet: „Im Feldlazarett hätten sie das halbe Bein amputiert.“ Wieder halbwegs genesen, schob Lohse zwei Jahre Dienst als Feuerwerker in einer Munitionsanstalt nahe dem ostpreußischen Königsberg, wo er im Spätherbst in russische Kriegsgefangenschaft geriet, die er dreieinhalb Jahre in Odessa am Schwarzen Meer verbrachte.

Zwei Tage nach der Rückkehr in die Heimat starb sein Vater: „Ich hab ihn noch lebend gesehen. Es war, als hätte er nur noch auf mich gewartet.“

In seinem erlernten Beruf fand Lohse keine Arbeit mehr, holte das Abitur nach, wurde Diplom-Bauingenieur und hielt seiner Firma 30 Jahre die Treue.

1951 hatte er in Radeberg seine Frau Jutta geheiratet, die nur 48 Jahre alt wurde und ihm Sohn Matthias als einzigen Nachkömmling schenkte. Der lebt als Zahnarzt und Vater zweier lediger Töchter im bayerischen Rosenheim. In Dresden lernte der Witwer eine Frau kennen, deren Sohn nach der Wende in den Westen ging und seine Mutter folgen ließ – nach Bad Sooden-Allendorf. So kam auch Georg Lohse in die Kurstadt, kaufte dort eine Wohnung im selben Haus, in das seine neue Lebensgefährtin eingezogen war. Ihren Lebensabend verbringen beide wohl umsorgt im Seniorenzentrum Nettling.

„Ich wollte noch was von der Rente haben“, begründet der noch frische Jubilar, warum er „schon“ mit 67 Jahren in den Ruhestand trat. Selbstbewusst fügt er hinzu: „Hätte ich gewusst, so alt zu werden, hätte ich noch länger gearbeitet.“

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