Geschichtsverein stellt Naturdenkmale vor

Linde bei Kammerbach: Hier wurden einst Auswanderer verabschiedet

Sie ist mehr als 300 Jahre alt: die Abschiedslinde an der Landesstraße bei Kammerbach
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Sie ist mehr als 300 Jahre alt: die Abschiedslinde an der Landesstraße bei Kammerbach

In der Serie „Naturdenkmale im Altkreis Witzenhausen“ stellt der Verein für Hessische Geschichte und Landeskunde, Zweigverein Hessisch Lichtenau Naturdenkmale vor. Heute: die Auswandererlinde.

Kammerbach – An diesem Baum wurden vermutlich viele Tränen vergossen: Hinter dem Naturdenkmal mit der Nummer 36 verbirgt sich die sogenannte Auswanderer- oder Abschiedslinde zwischen Kammerbach und Dudenrode/Hilgershausen Sie wurde am 1. August 1936 in die Liste der Naturdenkmale aufgenommen. Das Bundesnaturschutzgesetz vom Dezember 1976 bestätigte nochmals die Eintragung als Naturdenkmal.

Der Weg zum Baum

Von Kammerbach auf der Landesstraße kommend, zeigt sich schon die mehr als 300 Jahre alte Linde gegenüber dem Wasserbehälter und dem Gedenkstein für einen im April 1945 gefallenen Soldaten auf einer Höhe von 319 Metern. Nur ganz wenige Linden oder Lindengruppen weisen im Altkreis Witzenhausen ein Alter von mehr als 300 Jahren auf (unter anderem in Neuseesen).

Die Linde ist knorrig, mit hartem Auswuchs in der Wurzel und dick im Stamm mit mehr als sechs Meter Umfang und einem Durchmesser von 2,20 Metern. Die Krone vielverzweigt mit mindestens 13 dicken Astgabeln: So präsentiert sich heute die Auswanderer- oder Abschiedslinde am Dorfausgang in nordwestlicher Richtung. Drahtseile und Eisenstangen sichern sie seit 1977 gegen den Verkehr. Die Linde wird auf mehr als 19 Metern Höhe geschätzt.

Der jetzt sichtbare Sockel für die Linde erhielt zuletzt von der Straßenbauverwaltung des Landes Hessen ein Stahlkorsett. Nur wenig Beachtung findet die Linde bei Autofahrern, außer als Engstelle auf der Landesstraße in diesem Straßenabschnitt. Um die Linde zu Fuß zu erreichen, kann man am Parkplatz der Dorfkirche in Richtung Dudenrode starten – nach etwa 300 Metern erreicht man Linde, Wasserbehälter und Gedenkstein. Eine Parkmöglichkeit direkt vor Ort nicht vorhanden.

Die berührende Geschichte

Warum wird der Baum als Auswanderer- oder Abschiedslinde bezeichnet? Die wirtschaftliche Situation, Missernten und Hungersnöte im 19. Jahrhundert veranlassten viele Bewohner in den Dörfern am Meißner und im Vorland, auszuwandern oder sich für einen Soldateneinsatz im 18. Jahrhundert in Amerika zu melden.

Um das Jahr 1823 werden Auswanderer aus dem Raum Kammerbach erwähnt, die hier an der Linde Abschied nahmen. Zwischen 1845 und 1857 werden 109 Auswanderer genannt. Neben Amerika war England im 19. Jahrhundert für die Auswanderer wegen der einsetzenden Industrialisierung ein Ziel. Die Dorfbewohner begleiteten die Auswanderer mit ihrem Gepäck bis auf die Kuppe bei Kammerbach und zu der Linde – daher der Name Auswandererlinde. Ein letzter Blick ins Dorf blieb als Erinnerung in den Köpfen der Menschen zurück. Wiederum war die Linde für die Dorfbewohner ein Erinnerungssymbol als Soldaten 1870/71 in den Deutsch-französischen Krieg zogen und hier Abschied nahmen. So kam der imposante Baum zu seinem zweiten Namen: Abschiedslinde.

Ob Soldaten 1776 für den Einsatz von Truppen aus Hessen-Kassel im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg (1776-1783) hier an der Linde verabschiedet worden sind, konnte nicht festgestellt werden. Im Internetportal Hetrina (Hessische Truppen in Nordamerika) werden 50 Personen aus Kammerbach zwischen 1775 und 1783 erwähnt. Die Linde war zu diesem Zeitpunkt etwa 80 Jahre alt.

Leider wird die Linde in den Listen und Veröffentlichungen nicht immer mit dem Zusatz „Auswanderer- oder Abschiedslinde“ geführt. Als Naturdenkmal hat die Linde bei Kammerbach eine überaus überregionale Bedeutung. Zudem rankt sich so manche Liebesgeschichte um den alten Baum. (Hans Gold) 

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