Vor 50 Jahren stand besonderer Weihnachtsbaum an  Grenze zur DDR

Hermann Mühlenberg

Oberrieden. Anfang der 1960er-Jahre, wohl 1961 oder 1962, steht kurz vor Weihnachten eine fünf Meter hohe Fichte bei Oberrieden neben der B 27. Daneben eine Nachricht für die Menschen in der DDR.

Auf dem Schild neben dem Baum, das nur von Nordosten zu lesen ist, steht: „Die Bürger der Stadt Dudweiler/Saar grüßen die Brüder und Schwestern jenseits der Grenze! Ihr seid nicht vergessen!“

Dokumentiert ist dies auf kleinen Schwarz-weiß-Aufnahmen, die der Oberrieder Karl Kanngießer jetzt beim Durchstöbern seines Fotoarchivs entdeckte. Mit den Bilder kam auch die Erinnerung wieder:

Georg Gastrock, der damalige Bürgermeister von Oberrieden, bekam Geld überwiesen mit der Bitte, am Parkplatz an der B 27 zwischen Oberrieden und Ellershausen einen Weihnachtsbaum mit Beleuchtung aufzustellen - in Richtung Lindewerra, also über die erst 1990 gefallenen DDR-Sperranlagen der innerdeutschen Grenze. Georg Gastrock war auch Kanngießers Onkel.

Karl Kanngießer

Auftraggeber war ein früherer Bürgermeister der Stadt Witzenhausen: Hermann Mühlenberg (1904-1987) war von April 1953 bis 15. Oktober 1956 Rathauschef in Witzenhausen, dem 1958 erst Günther Bock (bis 1964) in dem Amt folgte. Mühlenberg, der durch eine bürgerlich-konservative Mehrheit im Stadtparlament gestützt wurde, wechselte nach Dudweiler. Schon am 23. Oktober 1956 wurde der gebürtige Elsässer als Erster hauptamtlicher Bürgermeister des heutigen Stadtteils der saarländischen Landeshauptstadt Saarbrücken eingeführt und blieb dies zehn Jahre. Über die Motivation, den weihnachtlichen Gruß an die Bewohner von Lindewerra zu richten, ist nichts bekannt.

Karl Kanngießer war damals Lehrling bei der Firma Elektro-Schmidt in Bad Sooden-Allendorf, und sein Onkel bat ihn damals, für den von Dudweiler gewünschten Weihnachtsbaum die Beleuchtung und die elektrische Zuleitung zu besorgen. Was genau, weiß der heute 71-Jährige noch gut: 100 Meter Gummi-Kabel und zwei wasserdichte Lichterketten samt Steckern und Kupplungen.

Die Leitung spannte Kanngießer dann vom heute nicht mehr existierenden Stellwerk der Bundesbahn oberhalb des Parkplatzes über die Bundesstraße zu einem Baum am Parkplatz. Und der Beamte im Stellwerk namens Siebold übernahm die Aufgabe, jeden Abend den Stecker in die Steckdose zu stecken, damit der Weihnachtsbaum wie gewünscht über die Grenze in Richtung Nordosten leuchtete.

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