500-seitiges Gesamtwerk mit CDs und DVD

Dr. Jakob Eisler sichert jüdische Musikkultur aus der NS-Zeit

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Rarität: Dr. Jakob Eisler mit der Schellack-Platte der Serenade D-Dur von Wolfgang Amadeus Mozart, die weltweit einmalig ist. Rechts seine 516-seitige Dokumentation und einige der elf CDs mit jüdischen Liedern aus der NS-Zeit.

Bad Sooden-Allendorf. „Die Stimmen leben fort - die Nazis, die alles Jüdische vernichten und zum Verstummen bringen wollten, haben nun doch verloren." Dieser Satz kam Dr. Jakob Eisler über die Lippen, als er das Gesamtwerk über jüdische Künstler in der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland präsentierte.

Dies umfasst elf CDs, eine DVD und einen 516-seitigen, zweisprachig angelegten Dokumentationsband. Auch eine restaurierte alte Schellackplatte und eine jüdische Achva-Platte aus Karton mit Schellacküberzug hatte der jüdische Historiker, der im Grenzmuseum Schifflersgrund als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig ist, dabei.

Inspiriert wurden Eisler, Dr. Rainer Lotz (Deutsche National-Discographie) und der Historiker Horst Bergemeier 1992, als die Akademie der Künste in Berlin in ihrer Ausstellung über den jüdischen Kulturbund berichtete, dass trotz intensiver Forschung nur noch zwei jüdische Platten des Kulturbundes existieren, die zwischen 1933 und 1937 in Nazi-Deutschland aufgenommen worden seien.

Bei der Vertreibung und Vernichtung der Juden hatten die Nationalsozialisten sämtliches Vermögen dieser Menschen beschlagnahmt und die Schallplatten als Rohstoff an „arische“ Plattenfirmen weitergeleitet.

Insidertipp war Glücksfall 

Eisler selbst besaß bereits 13 Schellackplatten, die er während seiner Militärzeit aus einem zum Abriss freigegebenen Geschäftshaus in Tel Aviv sicherte. „Das war ein Insidertipp, in dem mir der Abrissunternehmer eine Stunde zubilligte, das umfangreiche Platten-Material zu sichten“, erinnert sich Eisler noch an den Tag, als der Abrissbagger anschließend tausende von Platten zermalmte.

Unter dem gesicherten Material befanden sich 25 Achva-Aufnahmen deutscher Schlager, die unter anderem von Joseph Goland in Hebräisch gesungen wurden. Sechs Schellackplatten der Plattenfirma Lukraphon hatte Eisler bei Prof. Tom Loevy an der Universität Tel Aviv ausfindig gemacht, dessen Vater Rudolph von 1934 bis 1937 im Orchester des jüdischen Kulturbundes in Berlin spielte, wo die Platten aufgenommen wurden.

Vom Orchesterleiter und Trompeter des Kulturbundorchesters Sigmund (Shabtai) Petruschka, den er 95-jährig im Altersheim in Jerusalem antraf, erhielt Eisler einige besonders wertvolle Lukraphon-Platten von den jüdischen Sängern Willy Rosen, Dora Gerson und Paula Lindberg, die klassische Opernmelodien von Bach und anderen Komponisten aufnahmen.

„Als besonders schwierig erwies es sich, die Biographien einiger jüdischer Künstler zusammenzutragen“, berichtete Dr. Jakob Eisler. Bis die Biographie des jüdischen Kantoralsängers „L. M. Goldwasser“ über Reparationsakten, Lexika sowie Internet rekonstruiert werden konnte, musste erst einmal der Vorname ausfindig gemacht werden. Unter Nachvollziehung seines Flucht- und Lebensweges kam der Forscher über die Stationen Zürich und London bis auf den jüdischen Friedhof Muizenberg (Südafrika), wo „Liepe Meyer“ Goldwasser mit Geburts- und Sterbetag auf dem Grabstein eingemeißelt war.

Von Hartmut Neugebauer 

Wie schwierig die Restaurierung war, lesen Sie in unserer gedruckten Ausgabe.

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