Stolperstein für Nazi-Opfer?

Kulturforum Bad Sooden-Allendorf will an jüdischen Fabrikanten Bodenheim erinnern

Die Villa Sooden im Profil
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Sein letztes Zuhause in Freiheit: Unter dem Dach dieser Villa in Sooden wohnte Rudolf Bodenheim.

Mit einem Stolperstein will das Kulturforum an einen großen Sohn der Badestadt erinnern: Rudolf Bodenheim war der letzte Besitzer der Allendorfer Papierwarenfabrik.

Bad Sooden-Allendorf – Wegen seiner jüdischen Abstammung war Rudolf Bodenheim von den Nazis ins Konzentrationslager Theresienstadt (heute Tschechien) deportiert und im Januar 1943 im Alter von 55 Jahren umgebracht worden. In einem Brief bittet die Vorsitzende des Kulturforums, Regine Henke, den Magistrat der Stadt um die Genehmigung, einen Stolperstein im öffentlichen Raum durch den aus Berlin stammenden Künstler Gunter Demnig (73) verlegen zu lassen. Er ist der Erfinder dieses dezentralen und europaweiten Mahnmals.

In seiner jüngsten Sitzung verständigte sich der Magistrat darauf, die Angelegenheit dem Stadtparlament zur Entscheidung vorzulegen. Dies soll schon am 4. Dezember geschehen, bestätigte auf Anfrage Bürgermeister Frank Hix, der selbst dem Vorhaben aufgeschlossen gegenüber steht.

Zur Vorbereitung hatte das Kulturforum ursprünglich an öffentliche Informationsveranstaltungen gedacht, die in Corona-Zeiten allerdings kaum realisierbar sind. Unter den gegebenen Umständen sei das Stadtparlament wohl das größtmögliche Gremium für eine öffentliche Diskussion, räumte Regine Henke ein. Sie freue sich auf „qualifizierte Redebeiträge“, fügte sie hinzu.

Sollten die Stadtverordneten die Absicht des Kulturforums unterstützen, könnte man das als eine Art „Entschädigung“ ansehen für den im März gescheiterten Versuch, den Johannes-Rädlein-Weg in Bodenheim-Weg umzubenennen. Dafür hatte sich der Anlieger Dr. Hans Bachmann eingesetzt.

Der Lehrer und Heimatdichter Rädlein war ein Verehrer Adolf Hitlers, propagierte die arische Rasse und bezog von dem Diktator sogar einen Ehrensold. Das hatte Stadtarchivarin Dr. Antje Laumann-Kleineberg nach umfangreichen Recherchen schon zwei Jahre zuvor publiziert. Letztendlich war die nur rund 200 Meter kurze Straße am Ortsrand Allendorfs in Hainsbachweg umbenannt worden.

Rudolf Bodenheim ist der Enkelsohn von Gumpert Bodenheim, der im Jahre 1853 die Papierwarenfabrik gegründet hatte, in der weltweit erstmals Spitztüten industriell hergestellt worden waren. Als 20-Jähriger hatte Rudolf die Leitung der Fabrik übernommen, in der bis zu 250 Beschäftige Arbeit und Brot fanden.

Wegen seiner sozialen Kompetenz war er in der Bevölkerung hoch angesehen. An sein Schicksal und das seiner Familie erinnert schon eine Plakette, die in der Kirchstraße an der Fassade der früheren Fabrik angebracht ist.

Verlegt werden könnte der Stolperstein, den es in 24 Staaten schon mehr als 75 000 Mal gibt, im Gehweg am letzten Wohnsitz Bodenheims an der Ecke Rosenstraße/Am Haintor in Sooden. Dort hatte er unter dem Dach einer mehrstöckigen Villa gelebt, ehe er am 8. September 1942 von Nazi-Schergen abgeholt worden war. (zcc)

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