Viele Menschen waren neugierig

Einblick in Stasi-Akten in Bad Sooden-Allendorf

Bad Sooden-Allendorf. „Da gehste einfach mal hin", sagte sich Rentner Viktor Speiser aus Bad Sooden-Allendorf.

Der 66-Jährige gehörte zu den zehn Bürgern, die am Donnerstag bis zum Mittag den Beratungstag des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (BStu), Außenstelle Erfurt, nutzten.

Brachte Zeitungsausschnitte mit: Viktor Speiser, Gastwirt, Dozent und Kommunalpolitiker.

Auch der frühere Gastwirt brauchte lange, um sich zu diesem Schritt zu entschließen. Dann fiel ihm ein, dass er einst in seinem Lokal einen Gast aus der DDR hatte. Dieser bat ihn, bei einem Schleusungsversuch behilflich zu sein. War das echt oder eine Finte, um den Kontakt für die Stasi herzustellen? Speiser wird es erst in vielen Monaten wissen. Bis dahin wird er eine Eingangsbestätigung der Behörde erhalten, und Sachbearbeiter werden recherchieren, auch in anderen BStu-Stellen im Land. Am Ende wird er Klarheit darüber haben, ob etwas in den Stasi-Akten über ihn steht. Speiser: „Das ist bei mir verspätete Neugier.“

Zu den Ratsuchenden im Hochzeitshaus gehörte ein weiterer Nachbar: Bürgermeister Frank Hix (48). Vor seiner Tätigkeit als Rechtsanwalt und der Wahl zum Bürgermeister war er Fähnrich bei der Bundeswehr. Der Jurist möchte wissen, ob das irgendwo bei der Stasi aktenkundig geworden ist.

Sachbearbeiter Andreas Bogoslawski von der Erfurter Außenstelle und seine Kollegin Petra Wisotzky sind mit dem Echo der Beratungstage vor Ort - sie finden nur alle paar Jahre statt - zufrieden.

Der Beratungstermin hat Vorteile gegenüber einer Antragstellung per Post: Der Identitätsnachweis kann sofort erfolgen, der Antragsteller wird beraten, unterschreibt, und die Sachbearbeiter nehmen das Formular mit nach Erfurt.

Die Berge der Anträge sind seit der 1991 per Gesetz geschaffenen Auskunftsmöglichkeit zwar kleiner geworden, aber immer noch beachtlich: Bundesweit kommen monatlich 5000 Anträge auf Akteneinsicht, wie Elmar Kramer von der Berliner Bundesbehörde weiß. In der Erfurter Außenstelle wurden im ersten Halbjahr 2015 2700 Anträge gestellt (hinzu kommen noch einmal zusammen 2800 Anträge der Dienststellen Suhl und Gera). Die Bearbeitungszeit beträgt mitunter Jahre. Vorrang haben nur Antragsteller, die ein Rehabilitierungsverfahren angestrengt haben oder schwer krank sind.

Berät: Sachbearbeiter Andreas Bogoslawski

Was bringt Menschen nach so langer Zeit dazu, in ihrer eigenen Vergangenheit zu forschen? Bogoslawski und Kramer sind sich einige: Jemand ist Rentner geworden, hat jetzt Zeit, und möchte einfach mal reinen Tisch machen. Oder Auskünfte sind für eine Erbschaftsangelegenheit oder eine Rentensache hilfreich. Andere wollen die Familiengeschichte aufarbeiten.

Anträge auch im Internet 

Anträge auf Akteneinsicht in die Stasi-Unterlagen kann man sich auch im Internet herunterladen. Näheres unter www.bstu.bund.de. Auskünfte kosten in der Regel nichts, außer einer geringen Verwaltungsgebühr und Kosten für Kopien.

Bundesweit gab es 2011 80 611 Anträge zur persönlichen Akteneinsicht (2012: 88 231). In den vergangenen beiden Jahren ging die Zahl auf 64 246 bzw. 67 763 zurück.

Informiert wurde in Allendorf auch über ein Angebot zum Thema SED-Unrecht: Träger sind der Caritasverband für das Bistum Erfurt und das Bürgerkomitee des Landes Thüringen. Die Stelle hilft bei strafrechtlicher, verwaltungsrechtlicher und beruflicher Rehabilitierung. E-Mail: unr-ef@caritas-bistum-erfurt.de

Von Werner Keller

Rubriklistenbild: © dpa

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