Neubau nach einem Gewitter

Die Kirche im Dorf lassen: In Hilgershausen saßen Männer und Frauen lange getrennt

Blick von der Empore: Oben saßen früher die Männer, unten die Frauen.
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Blick von der Empore: Oben saßen früher die Männer, unten die Frauen.

47 Gotteshäuser der evangelischen Kirche gibt es im ehemaligen Kirchenkreis Witzenhausen. Jedes hat mindestens eine Geschichte zu erzählen. Heute: Die Kirche in Hilgershausen.

Hilgershausen – Die Kirche in Hilgershausen wurde im Jahr 1771 als kleiner Saalbau mit Haubendachreiter erbaut. Einen Vorgängerbau hat es bereits gegeben. Wie der ausgesehen hat, darauf gibt es nur noch Hinweise im Bericht des Pfarrers Andreas Eichler von 1675. Der Archäologe und Historiker Dr. Karl Kollmann deutet sie in der Ortschronik als romanischen oder gotischen Steinbau mit Fachwerkobergeschoss auf dem Turm. Anscheinend hatte die mittelalterliche Kirche einen wehrhaften Charakter, sodass die Dorfbewohner im Fall einer Gefahr auf dem Hügel hinter der Mauer des Kirchhofs Schutz suchen konnten.

Der Neubau 1769

Mitte des 18. Jahrhunderts war die Kirche baufällig geworden und wurde bei einem Gewitter 1766 so stark beschädigt, dass sie nur noch ein Steinhaufen gewesen sei. 1769 wurde der Neubau begonnen, doch die vorhandenen 300 Reichstaler waren schnell aufgebraucht. Die Kirchengemeinde lieferte Holz für das Gebälk aus dem Kirchenwald, die politische Gemeinde Holz für das Kalkbrennen, außerdem wurden Steinfuhren geliefert, denn die neue Kirche sollte größer werden. 1770 stand das Mauerwerk, doch die Arbeiten am Innenausbau verzögerten sich. Es fehlte das Geld. Noch 1776 scheint die Kirche innen ziemlich leer gewesen zu sein.

Auch 1789 ist noch von Streit mit dem Schreinermeister zu lesen. Bereits 1812 rächt sich die zögerliche Bauausführung. Da das Dach nur mit Holz gedeckt worden war, waren Turm und Dachwerk schon baufällig geworden. 1837 berichtet Pfarrer Gonnermann, dass es dem Innenausbau immer noch an Feinheit und einer Bemalung fehle. 1840 ist es wieder das Dach, das Sorgen bereitet, es regnet durch.

Die Dorfkirche von Hilgershausen wurde 1771 als kleiner Saalbau mit Haubendachreiter erbaut. Vor 100 Jahren besaß die Kirche noch einen weißen Putz, der in den Jahren 1958 und 1959 entfernt wurde.

Geld aus Kirchenwald

Schließlich wurde die Kirche 1908 grundlegend renoviert, und nun war auch genug Geld dafür da. Inzwischen hatte die Kirchengemeinde gute Einkünfte durch die Nutzung der Kirchenwälder und konnte gegen Zins Geld verleihen. Die Kosten von 7 733 Reichsmark übernahm sie selbst. Von innen und von außen, vom Fußboden bis zum Dach wurde der Bau renoviert. Nun wurden auch die bunten Fenster eingebaut, die von der Firma Franke aus Naumburg an der Saale stammen. Auf alten Fotografien hat die Kirche von außen einen weißen Putz, der wurde 1958/59 aber entfernt.

Weitere Renovierungen folgten 1969 und 1988. Zu den ältesten Stücken gehören das Taufbecken von 1595 und die kleine Glocke von 1510, die noch von der Vorgängerkirche stammen. Eine weitere Glocke von 1521 wurde 1945 beschädigt und umgegossen.

Jeder an seinem Platz

Lothar Faßhauer und Gerlinde Möhlheinrich vom Kirchenvorstand erinnern sich an die Traditionen, die von der Kirchengemeinde gepflegt werden. „In der alten Kirche muss es eng gewesen sein, in der neuen Kirche hatte jeder seinen festen Platz“, erzählen sie. „Die Frauen und Konfirmanden saßen unten, die Männer auf der Empore, links die ledigen und rechts die verheirateten.“ Die Sitzordnung habe sich heute verschliffen, dennoch säßen einige Männer weiterhin oben. „Ich sitze auch immer noch in unserer Bank, das bin ich so gewohnt“, sagt Gerlinde Möhlheinrich. Lothar Faßhauer zeigt ein Überbleibsel vom alten Friedhof, der vor 1788 die Kirche umgeben hatte. Auf einer barocken Grabplatte ist das Ehepaar Schneider mit sieben Kindern bildlich dargestellt. (Kristin Weber)

Pfarrerin Sara Wehowsky am Altar.

Gottesdienst um 6 Uhr morgens

Eine Besonderheit hat sich seit 1872 erhalten: Am ersten Weihnachtstag wird der Gottesdienst in Hilgershausen bereits ab 6 Uhr morgens abgehalten. Einen aktuelle Videoandacht vom 6. März mit Pfarrerin Sara Wehowsky gibt es aus dem Kirchspiel auf YouTube zum Nachsehen. (zkw)

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