Keine Schenkung der salzreichen Siedlung Westera ans Kloster Fulda

„Nachweislich eine Fälschung“

Alte Urkunde - beginnt mit „Carolus Rex“
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Als erste Erwähnung nicht verwendbar: Diese sogenannte Schenkungsurkunde ist als Teil des Codex Eberhardi in Abschrift im Hessischen Staatsarchiv in Marburg erhalten.

Es ist nach wie vor umstritten und nicht nachvollziehbar gesichert, ob der durch Tacitus im Jahr 58 nach Christus erwähnte Ort zur Salzgewinnung die Salzquellen im heutigen Bad Sooden-Allendorf waren.

Bad Sooden-Allendorf - Auch die erste Erwähnung der Siedlung Westera (ursprünglicher Name von Bad Sooden-Allendorf) für das Jahr 776 durch eine Urkunde von Karl dem Großen ist mittlerweile nicht mehr gesichert, im Gegenteil. Jene Urkunde, die aus der Zeit zwischen 776 und 779 stammen soll, ist vor wenigen Jahren vom Hessischen Staatsarchiv in Marburg als „nachweislich eine Fälschung des Mönches Eberhard“ bezeichnet worden.

Mit dieser Urkunde und der darin erwähnten Schenkung der Siedlung Westera hat sich der Badestädter Dr. Arne Zibat befasst und unter dem Titel „Ein spannender Kriminalfall aus dem Mittelalter“ schon für die Chronik „Eine Zeitreise“ zur 800-Jahr-Feier 2018 einen Aufsatz verfasst. Wir geben ihn in Auszügen und mit Zusammenfassungen hier wieder:

Die Schenkung umfasste einen großen Teil der damals schon vorhandenen Salzproduktion: „An diesem Ort besitzen wir Salzstätten mit einzelnen Pfannen und bestimmten Besitz für dieses Geschäft und überreiche Salzvorkommen. Wir geben auch dasselbe Markt[recht] und den Zoll desselben Ortes dem heiligen Märtyrer Bonifatius und beschließen, dass von da ab für jede einzelne Woche eine Wagenfuhre Salz an das Kloster Fulda gegeben werden soll.“ So steht es in der Urkunde, die als Teil des Codex Eberhardi als Abschrift erhalten ist.

Für das Kloster Fulda war die Schenkung eine wichtige regelmäßige Einnahmequelle und vergrößerte dessen Einfluss. Wie man heute allerdings weiß, sind eine Anzahl von königlichen, kaiserlichen und päpstlichen Urkunden aus dem Codex Eberhardi zugunsten des Klosters Fulda in Teilen oder als Ganzes gefälscht worden.

Inwieweit trifft dies auch auf die kaiserliche Schenkungsurkunde bezüglich der Siedlung Westera zu? Die Beweggründe für eine solch weitreichende mögliche Fälschung durch einen Mönch sind eng mit der Geschichte des Klosters Fulda verknüpft, wie Arne Zibat schreibt:

Im Jahr 744 veranlasste Bonifatius (673-754/755), ein Benediktiner-Kloster nahe einer Furt über den Fluss Fulda zu gründen – wodurch letztlich die gleichnamige Stadt gegründet wurde. Das Kloster Fulda erlebte, nachdem es die Gebeine des 754 oder 755 ermordeten christlichen Missionars Bonifatius erhielt und sich daraufhin rasch zu einem beliebten Wallfahrtsort entwickelte, eine Blütezeit. Es wurde zu einem der reichsten Klöster Deutschlands, steigerte seinen Einfluss und Grundbesitz.

Dies änderte sich ab Mitte des 10. Jahrhunderts. Und als Abt Marquard 1150 die Führung des Klosters übernahm, befand es sich wirtschaftlich, geistlich und baulich in einem desolaten Zustand. Er beauftragte einen seiner Mönche, Bruder Eberhard, die etwa 350 Jahre zuvor begonnene Urkundensammlung über die Klostergüter neu zu ordnen und zu katalogisieren („Codex Eberhardi“). Der Codex beinhaltet nicht nur Abschriften von Urkunden, die die Besitzverhältnisse des Klosters regelten, sondern auch Aufzeichnungen über Lieferungen, die an das Kloster gingen und Schulden gegenüber dem Kloster.

So kann man in einer Aufzeichnung den Ort Westera betreffend unter anderem lesen, dass „an Zoll 250 Scheffel Salz und darüber hinaus eine Wagenfuhre geschuldet“ werden. Auch Lieferungen von Dutzenden Schweinen, von Eiern, Honig und Leinentüchern werden erwähnt. Die Auflistung stellt, so schreibt Zibat, angesichts der damaligen Verhältnisse eine immense Summe dar.

Jedoch: In den Sammlungen kaiserlicher Urkunden von Pippin, Karlmann und Karl dem Großen ist eine Urkunde oder ein anderes Dokument über die Schenkung der Siedlung Westera an das Kloster Fulda nicht zu finden. Deshalb muss angenommen werden, dass diese Schenkung in der vom Codex Eberhardi erwähnten Form so nie stattgefunden hat. Die darin enthaltene Abschrift dieser Urkunde ist entweder ganz oder wenigstens teilweise eine Fälschung. Auch die fehlende Datierung der Urkunde weist auf eine Fälschung hin, wäre dies doch für eine Schenkung solchen Ausmaßes unüblich.

Möglicherweise, so schlussfolgert Zibat, handelt es sich bei den Fälschungen um den Versuch, verlorenes Klostergut zurückzugewinnen und durch manipulierte Reichstitel nie vorhandene Besitzrechte zu beweisen. Vor dem Hintergrund des damals wirtschaftlich desolaten Zustandes des Klosters Fulda wären diese Fälschungen wohl nachvollziehbar. 

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