„Hof“ zum Menschenzüchten

Neues über Rädlein: Idee zur "germanischen Rasseerneuerung"

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Geehrt mit einem Straßennamen: In Bad Sooden-Allendorf sind die Spuren von Johannes Rädlein noch präsent. 

Auf der Suche nach Beweisen über die NS-Vergangenheit des Allendorfer Lehrers und Stadtchronisten Johannes Rädlein (1887-1970) sind weitere Zeugnisse in alten Quellen aufgetaucht:

„Johannes Rädlein“ so schrieb der Laudator zu dessen 75. Geburtstag in der Hessischen Allgemeinen vom 1.12.1962, „lässt Gestalten und Menschen lebendig werden, sie ringen um das, was auch ihm ein großes Anliegen war: Der Bestand des Volkes“. Darüber, dass – und vor allem wie – der so Geehrte den „Bestand des Volkes“ auch ganz konkret sichern und sogar „erhöhen“ wollte, wird der damalige Laudator wahrscheinlich nicht im Bilde gewesen sein, sonst hätte er diese Formulierung sicher so nicht gewählt.

Die publizistische Tätigkeit Johannes Rädleins in der Zeitschrift „Der Hammer“ – dem Presseorgan des rassistisch--antisemitischen „Reichshammerbundes“ war nämlich das eine, die aktive Beteiligung an Menschenzüchtungsplänen im Kontext des 1906 gegründeten, sich ebenfalls aggressiv rassistisch-antisemitisch gebärdenden „Mittgart-Bundes“, das andere.

Schon während des Kaiserreichs war Rädlein hier aktives Mitglied und von 1921 bis 1932 als Kassenwart sogar in verantwortlicher Vorstandsfunktion einer der führenden Vertreter. Das Ziel des Bundes war klar definiert: Kampf gegen die Juden und die als „Semitisierung“ gekennzeichneten „rassischen Verfallserscheinungen“ in Deutschland. Um dies zu erreichen, wollte man Landkommunen als „Stätten rassischer Hochzucht“ gründen, in denen in „freien Ehen“, die nur Schwangerschaften zum Ziel hatten, „Menschenzüchtung zur germanischen Rasseerneuerung“ betrieben werden sollte.

Dieses selbst in völkischen Kreisen kritisch beäugte Projekt scheiterte allerdings sowohl an juristischen Widerständen (Unzucht) als auch vor allem daran, dass nur wenige Frauen dazu bereit waren, sich „heldischen nordischen Männern“ zur „Wiedergeburt der germanischen Rasse“ als Gebärmaschinen zur Verfügung zu stellen.

Aus den Gefilden der „rassischen Hochzucht“ führte Rädleins Weg dann 1932 direkt in die Reihen der NSDAP und damit zum intensivierten Kontakt mit dem nachmaligen Reichsbauernführer und Landwirtschaftsminister Richard Walther Darré.

Beide kannten sich schon vorher, denn Darré war fasziniert von Rädleins bereits 1919 erschienenen Roman „Adel verpflichtet“, in welchem er unter dem Pseudonym Martin Otto Johannes die Rassenzüchtungsutopie des Mittgart-Bundes in Form eines „Hegehofes“ literarisch durchspielte.

In Darrés zweitem Buch – „Neuadel aus Blut und Boden“, erschienen 1930 –, in dem die spätere „Blut und Boden“ Ideologie der Nationalsozialisten scheinbar theoretisch begründet wurde, berief sich Darré‘ ausdrücklich auf besagten „Hegehof“ und Johannes Rädlein – tatsächlich mutierte dann während der „1000 Jahre“ Rädleins wahnwitzige Rassenutopie „Hegehof“ zum ganz realen „Erbhof“ der nationalsozialistischen Agrarideologie. 

VON MATTHIAS ROEPER

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