Stadtgeschichte Bad Sooden-Allendorf

Seide kam vom Klausberg - Lehrer Landgrebe züchtete Raupen

Der Klausberturm steht im Wald
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Wo Seidenraupen gezüchtet wurden: Im Schatten des Klausbergturmes, einem alten Wartturm aus dem 14. Jahrhundert, war vor fast 200 Jahren eine große Plantage mit Maulbeerbäumen angelegt worden. Ein paar wenige alte Bäume sollen davon noch heute Zeugnis ablegen, außerdem ist die alte Terrassierung zu erkennen.

In 800 Jahren passiert viel, das ist auch in Bad Sooden-Allendorf der Fall. In loser Folge stellen wir interessante, besondere und kuriose Aspekte der Geschichte der Stadt vor.

Bad Sooden-Allendorf – Hauptberuflich war er Kantor und Lehrer an der Stadtschule in Allendorf: Heinrich Wilhelm Landgrebe. Bekannter, wenngleich heutzutage dennoch weitgehend unbekannt, ist er als der bedeutendste deutsche Seidenzüchter des 19. Jahrhunderts.

Der 1795 in Wendershausen geborene Heinrich Wilhelm Landgrebe züchtete, neben seiner Tätigkeiten als Kantor und Lehrer, zwischen 1835 und 1852 auf dem Klausberg östlich von Allendorf Seidenraupen – und zwar so hervorragende, dass staatliche Stellen, verarbeitende Betriebe und Fachmagazine damals voll des Lobes waren. Was vor bald 200 Jahren auch allgemein von Bedeutung war. Denn aus den Kokons der Echten Seidenspinner konnte, wie in China wohl schon seit bald 5000 Jahren, Seide hergestellt werden – im 19. Jahrhundert eines der begehrtesten Luxusgüter. Und die letztlich den Seidenraupen Landgrebes zu verdankenden Seidenfäden sollen besonders fein, die Seide entsprechend von hoher Qualität gewesen sein.

Auf all diese Informationen stößt man beim Schmökern in der Chronik „Eine Zeitreise“ zur 800-Jahr-Feier der Stadt Bad Sooden-Allendorf 2018. Interessant sind sie gerade jetzt, da historische Spuren der Allendorfer Seidenraupenzucht aktuell von Zerstörung bedroht sein könnten, konkret durch die geplante Verlegung der Megastromtrasse Suedlink durch das Werratal. Wie der Arbeitskreis Chronik in seinem Werk in dem Kapitel „Seide – Made in Allendorf“ weiter ausführt, entdeckte Landgrebe die Seidenraupenzucht mit 40 Jahren für sich und war, obwohl nur auf sich gestellt, damit sehr erfolgreich. Für die Zucht der Seidenspinner, eine aus China stammende Schmetterlingsart, sind Maulbeerbäume erforderlich, da die Raupe sich ausschließlich von dieser Pflanze ernährt. Das Gespinst ihrer Schutzhülle, der Kokon, ist das Grundprodukt der Naturseide.

Also pflanzte Landgrebe Maulbeerbäume an. Es müssen sehr viele gewesen sein. Denn, wie der Arbeitskreis Chronik herausfand, lieferte die bei der Ernte aktive Schuljugend aus Witzenhausen, Allendorf, Friemen, Hitzerode und Jestädt im Jahr 1840 insgesamt 21 000 Kokons zur Weiterverarbeitung ab. Schließlich werden für ein Kilo Rohseide zehn bis elf Kilogramm Kokons benötigt.

Die Größe der Landgreb’schen Maulbeerbaum-Plantage auf dem Klausberg lässt sich noch heute anhand der terrassenförmigen Bearbeitung des Bodens erkennen. Die Blüte der hessischen Seidengewinnung, der auch der Allendörfer Landgrebe zulieferte, hielt allerdings nicht lange an, zumal man kaum große Reichtümer mit den kleinen Anlagen erwirtschaften konnte, wie der Arbeitskreis Chronik schreib. Mit der zunehmenden industriellen Produktion kam auch die Seidenraupenzucht in Hessen, zumindest in größerem Maßstab, zum Erliegen. Vereinzelt sei sie allenfalls noch von Liebhabern betrieben worden.

Außer der terrassenförmigen Bodenstruktur hat auf dem Areal unterhalb des Klausbergturmes – ein um 1400 errichteter, zehn Meter hoher Landwehrturm zum Beobachten der Umgebung der Stadt – der Naturliebhaber und Wanderautor Ingo Stock noch weitere Überbleibsel der berühmten Seidenraupenzucht gefunden. „Wer genau hinschaut“, schreibt er in seinem Buch „111 Orte im Werra-Meißner-Kreis, die man gesehen haben muss“, kann auch heute noch einige Maulbeerbäume auf dem Klausberg entdecken“. (Stefan Forbert)

Die Bücher

„Bad Sooden-Allendorf – Eine Zeitreise“, 576 Seiten, ISBN 978-3-9809796-4-1, 29,90 Euro; „111 Orte im Werra-Meißner-Kreis, die man gesehen haben muss“, 240 Seiten, ISBN 978-3-7408-0855-6, 16,95 Euro. Beide Bücher sind erhältlich in jeder Buchhandlung.

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