Klopapier selbst gebastelt

So erlebte Anneliese Englisch (82) die Kriegs- und Nachkriegsjahre

Familienidylle: Anneliese und Bruder Norbert, eingerahmt von ihren Eltern Rosa und Karl Gömpel.
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Familienidylle: Anneliese und Bruder Norbert, eingerahmt von ihren Eltern Rosa und Karl Gömpel.

Anneliese Englisch aus Bad Sooden-Allendorf berichtet, wie sie die Kriegs- und Nachkriegsjahre erlebt hat. Heute und damals gab es ähnliche Probleme. 

Bad Sooden-Allendorf – Nein, vergleichen könne man diese Zeiten nicht, sagt Anneliese Englisch, die mit ihrem Mann Franz in einem schmucken Heim in der Eichwegsiedlung in Allendorf lebt.

Und doch gab und gibt es ähnliche Probleme zwischen damals und heute, mit denen die Menschen früher allerdings ganz anders umgingen, als manche Zeitgenossen sie aktuell zu bewältigen versuchen. Ums Klopapier geht’s, das heutzutage in vielen Haushalten nach Hamsterkäufen gehortet wird, was die 82-Jährige mit einem verständnislosen Kopfschütteln quittiert. Von einem an der Abrisskante perforierten Hygieneartikel konnte in den Kriegs- und Nachkriegsjahren keine Rede sein. Aus Zeitungsseiten, die sie zerschnitten, bastelten sich die Leute ihr Klopapier selbst. Auf der Hoftoilette hingen die einzelnen Blätter am Fleischerhaken und falls nicht, genügte ein lauter Brüll, und der liebe Nachbar warf eine Zeitung über den Zaun, erinnert sich Englisch, die bei Kriegsende gerade sieben Jahre alt war. 

Früh aufstehen musste sie in jenen Tagen und sich noch vor Schulbeginn in eine Schlange von Kindern einreihen, die vor dem Metzgerladen darauf warteten, ein Stück Pferdefleisch zu ergattern. Wer ganz hinten stand, hatte oft Pech. Es gab nichts mehr. In Milchkannen, die sie auf die Ladentheke stellten, ließen sich die Kinder Fleischbrühe einfüllen. Davon gab es allerdings genug.

Anneliese Englischhat den Krieg miterlebt

In Fulda ist Englisch, die später Bankkauffrau wurde, aufgewachsen. Die Familie, zu der auch ihr ein Jahr älterer Bruder gehörte, hatte ein Häuschen in der Nähe des Doms, in dessen Bunker Eltern und Kinder vor Luftangriffen hastig flüchteten. Bei einem Bombenangriff hat Englisch noch frisch im Gedächtnis, habe der Luftdruck einen riesigen Quaderstein durch die geschlossene Haustür geschleudert. Und im angrenzenden Garten sei ein Blindgänger niedergegangen.

Außerhalb der Stadt hatte die Familie ein Stück Land, auf dem sie Kartoffeln und Gemüse anbaute: „Vieles wurde geklaut.“ Weggeworfen wurde damals nichts, auch nicht die Servietten, mit denen nach Gebrauch der Herd gewienert wurde. Der wurde mit Holz und Kohle befeuert und hatte einen weiteren Zweck: Vor der geöffneten Herdklappe, schmunzelt die 82-Jährige, „ließen wir uns die Haare trocknen.“

Am liebsten und dankbar zurück denkt Englisch an jenen Tag, als ihr Vater aus dem Krieg zurückkehrte. „Der war irgendwo abgehauen“, erzählt sie, und sei so rechtzeitig angekommen, dass er auch den verschobenen „Weißen Sonntag“ habe mitfeiern können, jenen Tag, an dem die praktizierende Katholikin ihre erste heilige Kommunion empfing.

Von Chris Cortis

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