Bad Sooden-Allendorfer Gänse landen nicht im Topf

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Gefiederter Glücksbringer: Paul duldet es sogar, von Ursula Brill buchstäblich auf den Arm genommen zu werden.

Bad Sooden-Allendorf. Ursula Brill kümmert sich seit drei Jahren liebevoll um die Gänse Lieschen und Paul.

Paul und Lieschen müssen ein feines Gehör haben. Noch ehe Ursula Brill von der schmalen Teerstraße abbiegt und mit ihrem Auto die steile Auffahrt zum hängigen Wiesengrundstück nimmt, geht das Geschnatter schon los. Paul und Lieschen sind zwei prächtige Pommerngänse und wissen: „Jetzt gibt’s Futter.“ Was sie nicht wissen und - falls doch - wohl einen applaudierenden Flügelschlag zur Folge hätte: Anders als die vielen Artgenossen werden sie niemals als Weihnachtsgans in einer Bratröhre landen. Das Schnattern geht weiter - bis zum letzten Atemzug.

Und das kann dauern. Denn bei guter Pflege haben diese Gänse eine Lebenserwartung von 15 Jahren und mehr. Jetzt haben sie gerade mal das vierte Weihnachtsfest ungerupft überstanden.

Vor zehn Jahren hat Ursula Brill, die in Kassel aufgewachsen und als Krankenschwester in Allendorf zu Hause ist, ihre Liebe zu den watschelnden Schnatterhälsen entdeckt. Das erste Pärchen in ihrer Obhut waren zwei Steinbacher Kampfgänse, die ihren martialischen Namen nach Überzeugung der 60-Jährigen allerdings völlig zu Unrecht tragen. „Die waren ganz lieb und zutraulich“, erinnert sich Ursula Brill an Ganter Gustav und sein weibliches Gegenstück, das wie die spätere Nachfolgerin ebenfalls Lieschen hieß. Parasiten haben ihrem Leben ein frühes Ende gesetzt. Erst flog die zweifache Kükenmama in den Gänsehimmel. Mit sieben Jahren erwischte es auch Gustav. „Er starb in meinen Armen und ich habe viel geweint“, sagt sie mit heute noch feuchten Augen, wenn sie an den 23. Dezember 2013 zurückdenkt. Eigenhändig hat sie ihre gefiederten Freunde begraben.

Viel Zeit zum Trauern wollte sich die Gänse-Mutti allerdings nicht gönnen. Schon zwei Tage später nahmen Paul und Lieschen den Stall in Beschlag, fast einjährig mit knapper Not von der Schlachtbank geflattert. Und schnell haben sich Mensch und Tier aneinander gewöhnt. Immer im Frühjahr wird Paul besonders liebesbedürftig, genießt die Streicheleinheiten unter Bauch und Flügeln.

Jedoch: So ganz glücklich ist Ursula Brill in diesen Tagen nicht. Wegen der Vogelgrippe herrscht seit Wochen Stallpflicht in ganz Hessen. „Kaum Licht, kein Freilauf - eine Quälerei“, zerreißt es der Tierliebhaberin fast das Herz.

Und so begibt sie sich noch in der Dunkelheit und abends wieder jeden Tag zu Paul und Lieschen, lässt sie baden, bringt frischen Salat und vieles mehr, was der Schnabel gern aufnimmt. Ihr innigster Wunsch: Dass es rasch ein Ende hat mit dem elenden Kerker-Dasein ihrer geliebten Gänse.

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