Kammerbach

Anwohner sorgen sich: Straße, Gehweg, Mauer senken sich immer mehr

Mittlerweile fingerbreit: Erst in letzter Zeit ist der Riss in der Stützmauer an der Kohlenstraße am Ortsausgang von Kammerbach in Richtung Meißner größer geworden. Marion Spengler kann inzwischen schon den Finger hineinstecken. Foto: Forbert

Kammerbach. „Ein bisschen mulmig ist mir schon." Marion Spengler macht sich seit Dienstag, als die Straße vor ihrem Haus am Ortsausgang von Kammerbach in Richtung Hoher Meißner gesperrt wurde, mehr Gedanken denn je.

Denn die Fahrbahn ist seit November vorigen Jahres um weitere 14 Millimeter abgesunken, und in den Riss in der Stützmauer zum Hof passt mittlerweile ihr Finger rein.

Nun sei sogar Gefahr im Verzug, heißt es seitens des Straßen- und Verkehrsmanagements Hessen Mobil. Deshalb wird der Verkehr auch über Weißenbach umgeleitet. Ortsansässige fahren je nach Ziel auch über Orferode und Frankershausen.

Die Kohlenstraße ist jedenfalls durch Baken über die gesamte Fahrbahn gesperrt. Und vor und hinter einer Pfütze, die sich in der tiefsten Stelle am Rand neben dem Bordstein gebildet hat, ist sogar der Gehweg für Passanten dicht.

Früher muss an der Stelle in der Straße ein Brunnen gewesen sein, erinnert sich Gustav Hildebrand-Hinske an Erzählungen von Verwandten, die ihn 1952 aufnahmen. Hildebrand-Hinske, der Vater von Marion Spengler, wohnt mit seiner Frau ebenso in dem Gebäude, das heute seiner Tochter und ihrem Mann gehört.

Auch er sagt angesichts der unklaren Gefahrenstelle vor der Haustür: „Man macht sich schon Gedanken.“ Zumal im November dort von einer Firma bis zwölf Meter in die Tiefe gebohrt worden sei. „Die stießen unten auf Gips“, weiß Hildebrand-Hinske. Was ihn wiederum an das Karstgebiet zwischen Frankershausen und Hilgershausen erinnert, in dem es hin und wieder zu Erdfällen kommt, wenn vom Gips ausgewaschene Hohlräume einstürzen. In Weißenbach sei der Bereich um die alte Kirche noch heute gesperrt, ergänzt Marion Spengler.

Dass bei der Bohrung auch Teile eines hölzernen Gartenzauns ans Tageslicht kamen, ist womöglich mit dem Brunnen zu erklären. Der sei, als die Straße vor vielen Jahrzehnten verbreitert wurde, zugeschüttet und überbaut worden, sagt Hildebrand-Hinske. Und er weiß auch noch, dass die Hauptleitung in der Kohlenstraße drei- oder viermal kaputt gegangen sei. Das habe an den mit Basalt beladenen Schwertransportern gelegen, die vor 15 Jahren vom Steinbruch Bransrode von 5 Uhr morgens bis in die Nacht mit Material zum Bau der Autobahn 38 durchgefahren seien.

Einbruch wahrscheinlich 

Seit dem Frühjahr 2013 wird die Absenkung vor dem Haus der Spenglers von Hessen-Mobil schon beobachtet. Nach Informationen unserer Zeitung wird mittlerweile ein plötzlicher Einbruch der Stelle mit einem Durchmesser von zehn Metern nicht ausgeschlossen, im Gegenteil sogar für wahrscheinlich gehalten.

Abhilfe könnte eine Art Brücke schaffen. Bis die gebaut ist, wird der Verkehr umgeleitet.

Von Stefan Forbert 

Hintergrund

Kühe in der Tiefe, Kirche wird Ruine 

Im Norden des Hohen Meißners befindet sich eine Karstlandschaft. Über- und unterirdisch wurde sie durch chemische Prozesse im Untergrund gebildet. Das Gelände ist der fossile Rest des 250 Millionen Jahre alten Zechsteinmeers mit Gips- und Dolomitfelsen und Dolinen. Gipslager werden durch Einfluss von Wasser verändert, durch Auswaschungen entstehen Hohlräume, die wiederum auch einbrechen können. Die Folgen werden dann Erdfälle genannt.

In der jüngeren Vergangenheit sorgte der tückische Untergrund in dem heutigen Großalmeröder Stadtteil Weißenbach für gravierende Veränderungen. Weil Experten die Erdfälle Anfang der 1960er-Jahre für immer gefährlicher erachteten (300 Meter südlich des Dorfes war die Straße drei Meter tief eingebrochen), mussten ab 1964 Häuser und Höfe abgerissen, Betriebe umgesiedelt, eine Umgehungsstraße gebaut und die alte Kirche gesperrt werden. Deren Ruine kündet noch heute von den Auswirkungen.

Schon 1958 hatte ein besonderes Ereignis auf die Gefahren im Karstgebiet aufmerksam gemacht: Vor den Augen des Landwirts stürzte sein Kuhgespann auf einer Wiese bei Berkatal-Frankershausen in den unverhofft nachgebenden Untergrund.

Das Kuhloch befindet sich in dem Gebiet der Kripplöcher, die wegen Einsturzgefahr nicht ohne Naturparkführer besichtigt werden dürfen. Zusammen mit den Hielöchern bilden sie ein Naturdenkmal im östlichen Meißnervorland. „Kripp“ bzw. Krippe bedeutet so viel wie Vertiefung, „Hie“ steht für Höhle.

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