Verhandlung in Kassel

Überfälle im Minutentakt in Bad Sooden-Allendorf

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Überfälle im Minutentakt in Bad Sooden-Allendorf

Binnen weniger Minuten soll ein 27-jähriger Eschweger am 16. Mai vergangenen Jahres zwei Märkte in Bad Sooden-Allendorf überfallen haben. 

Laut Oberstaatsanwalt Eckhard Töppel hat der teilweise geständige Angeklagte gegen 12.30 Uhr den DM-Markt in Bad Sooden-Allendorf betreten. Mit der Behauptung, er habe eine Waffe, forderte er die Kassiererin auf, alles Bargeld in eine mitgebrachte Papiertüte zu packen. Die verängstigte Frau händigte dem Räuber rund 1800 Euro in Scheinen aus.

Nur Minuten später wiederholte sich das Ganze im Lidl-Markt gegenüber. Mit den Worten „Geld her oder ich schieße“ hatte sich der Mann durch die wartenden Kunden zur Kasse gedrängt und mit der Hand in der Jackentasche so getan, als richte er eine Schusswaffe auf die Kassiererin.

Hier ging der Überfall schief

Während die aufgeregte Frau noch vergeblich versuchte, die Kasse zu öffnen, kam ihr ein 39-jähriger Gebäudereiniger zu Hilfe. Er drängte den Angeklagten vor den Markt, wo er von den beiden hinzugekommenen Filialleitern bis zum Eintreffen der Polizei festgehalten wurde.

Weitgehend geständig zeigte sich der drogenabhängige Angeklagte auch bei anderen angeklagten Straftaten. Ende September 2018 ist er danach in ein Autohaus am Brückentor in Eschwege eingestiegen, indem er eine Glastür zertrümmerte. Neben zahlreichen Gegenständen aus dem Store entwendete er auch die Schlüssel zu einem etwa 120.000 Euro teuren Audi S7 Sportback, mit dem er zu einem Eschweger Juweliergeschäft in der Marktstraße fuhr. 

Bei Überfällen war er zudem bewaffnet 

Die Panzerglasscheibe ging zwar kaputt, widerstand aber den Schlägen mit einer Brechstange. Der Angeklagte befestigte an dem Auto zuvor gestohlene Kennzeichen eines rumänischen Autos und lenkte – obwohl nicht im Besitz eines Führerscheins – den Flitzer Richtung Braunschweig. Die Fahrt endete am 1. Oktober an einem Baum in Niedersachsen, wobei der Sportwagen demoliert wurde.

Festgenommen wurde der Eschweger im Februar 2019 beim Einbruch in einen Rossmann-Drogeriemarkt am Fernbahnhof Kassel-Wilhelmshöhe. Zeugen hatten beobachtet, wie die Ladentür zertrümmert worden war, und die Polizei gerufen. Seither sitzt der Mann in Untersuchungshaft. 

Die Schusswaffe, mit der der Räuber drohte, die Kassiererinnen zu erschießen, hatte der Mann gar nicht, sehr wohl aber ein Klappmesser, das er bei den Überfällen in Bad Sooden-Allendorf in der Tasche seines Parkas trug. Das aber wussten weder die Frauen an den Kassen des DM- und Lidl-Marktes, noch die mutigen Männer, die beim zweiten Überfall beherzt eingriffen. 

Zeuge schritt beherzt ein 

Der 39-jährige Zeuge hatte kurz zuvor noch die Fenster und Toiletten des Lidl-Marktes gereinigt. Wenig später fasste er den Räuber an den Schultern, als der damit drohte, die 56-jährige Frau zu erschießen. Der Gebäudereiniger drängte den Angeklagten von der Kasse weg. „Lass mich los oder ich bringe mich oder dich um“, habe der Angeklagte zu ihm gesagt, berichtete der Zeuge. 

Dennoch habe er ihn aus dem Markt gedrängt, wo ihm zwei weitere Lidl-Mitarbeiter zu Hilfe kamen. Gemeinsam brachten sie den 27-Jährigen zu Boden und hielten ihn bis zum Eintreffen der Polizei fest. 

Vor Richter Jürgen Stanoschek, Vorsitzender der 5. Strafkammer am Landgericht, gab der Angeklagte an, die Überfälle „nicht freiwillig“ begangen zu haben. Aus Drogengeschäften habe er seinem Dealer noch 150 Euro geschuldet, die er nicht habe zurückzahlen können. Der Dealer habe gedroht, ihn und seinen Sohn umzubringen, wenn er das Geld nicht durch Überfälle beschaffe. 

Geschädigte leiden bis heute 

Die beiden 45 und 59 Jahre alten Kassiererinnen hatten gestern geschildert, wie sie die Überfälle erlebt hatten. Beide leiden bis heute unter dem Geschehen, berichteten von Angstzuständen, wenn Kunden mit Motorhelm oder Gesichtstuch den Markt betreten. 

„Ich bin dann manchmal wie gelähmt“, sagte die 45-Jährige unter Tränen. Immerhin können beide Frauen, bei denen sich der Angeklagte entschuldigte, ihre Arbeit an den Kassen fortsetzen. 

Auch den Einbruch in das Eschweger Autohaus und die Fahrt mit dem Sportwagen räumte der Angeklagte nach anfänglichem Zögern ein. Den Grund für den Einbruch in den Rossmann-Markt in Kassel beschrieb er so: „Es war arschkalt, ich habe einfach gefroren.“ 

Das Verfahren wird am 16. Januar um 9 Uhr fortgesetzt, das Urteil soll am 3. Februar gesprochen werden.

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