Vom Altersheim für Witwen zum Gotteshaus

Die Dorfkirche Ellershausen war einst ein befestigtes Wohnhaus

Kirche Ellershausen: Im Mittelalter war die Kirche ein befestigtes Wohnhaus, wie die dicken Mauern des Erdgeschosses zeigen. 1590 wurde es zur Kirche umgebaut.
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Kirche Ellershausen: Im Mittelalter war die Kirche ein befestigtes Wohnhaus, wie die dicken Mauern des Erdgeschosses zeigen. 1590 wurde es zur Kirche umgebaut.

47 Gotteshäuser der evangelischen Kirche gibt es im ehemaligen Kirchenkreis Witzenhausen. Jedes hat mindestens eine spannende Geschichte zu erzählen. Heute steht die Kirche in Ellershausen im Fokus.

Ellershausen – Was an der Dorfkirche in Ellershausen sofort auffällt, ist ihr kleiner Grundriss sowie die dicken Mauern. Das liegt daran, dass die heutige Kirche bis ins 16. Jahrhundert ein Wohnhaus war. Aber wir müssen noch einen Schritt zurückgehen: 1354 wurde Ellershausen als Dorf erstmals erwähnt, das verrät das Historische Ortslexikon, hundert Jahre später scheint der Ort jedoch wüst gefallen zu sein. Diese Wüstung erhielten die Herren von Dörnberg zu Lehen, die dort offenbar auch wieder Bauern ansiedelten, denn ab 1578 ist wieder von einem Dorf die Rede.

Während die Herren von Dörnberg anfangs ihren Zehnten an den Pfarrherrn von Allendorf zahlten, gehörte das Dorf ab 1585 zu Pfarrei Wahlhausen. Es besaß keine eigene Kirche – das aber wollten die Dorfbewohner ändern.

 Umbau des Freihauses

Das Haus, das die Dorfbewohner zu diesem Zweck übernehmen durften, war wohl im Mittelalter als befestigtes Haus errichtet worden, konnte also auch Angriffen standhalten. „Die Herren von Dörnberg bestimmten es schließlich zu einem Freihaus, also einem Altenheim“, erzählen Erwin Heyser und Ute Deimel vom Kirchenvorstand, die sich mit der Geschichte gut auskennen. „Das Haus bot Platz für bis zu zwölf Witwen, die hier im Alter leben sollten.“ 1590 wurde das offenbar baufällige Gebäude, das mitten im Ort lag, bis auf das Erdgeschoss abgebrochen und anschließend ein neuer Fachwerkaufbau daraufgesetzt. Aus diesem Jahr stammt auch der erhaltene Taufstein.

Offenbar nahm die Kirche im 30-jährigen Krieg Schaden, erzählen Ute Deimel und Erwin Heyser weiter, denn 1647 wurde eine neue Kanzel eingebaut, 1657 die Empore, und die Wetterfahne des Krüppelwalmdachs trägt die Jahreszahl 1717.

Der Altar

Die bis heute erhaltene Orgel wurde 1891 vom Orgelbauer Heyer gebaut. 1923 stiftete das Ehepaar Alwin und Anna Mehmel zur Konfirmation ihres Sohns zwei bunte Glasfenster, mit denen die Südwand verziert ist. 1954 wurde die Kirche innen umgebaut. Die Empore hinter dem Altar wurde abgebaut, sodass der Altar ein Stück nach hinten versetzt werden konnte. Anstelle des alten Ofens wurde nun eine elektrische Bankheizung eingesetzt. Die ehemalige Sitzordnung, dass alle Männer auf der Empore sitzen mussten, gibt es heute nicht mehr.

1969 wurde der Putz an der Außenfassade entfernt, so dass nun wieder das Fachwerk zu erkennen ist. 1976 kam ein weiteres Buntglasfenster hinzu, das sich hinter dem Altar befindet. 2002 bis 2004 wurde der Innenraum untersucht und 2010 restauriert, so dass er sich heute in einem freundlichen hellgrau präsentiert.

Offen für Neues

„Es ist ein kleines Schmuckstück, unsere Kirche“, sagt Pfarrer Hubertus Spill. Da die Kirche am Radweg liegt und von April bis Oktober geöffnet ist, kommen viele Besucher, die, wenn sie möchten, eine Kerze entzünden können. Die Kirchengemeinde ist lebendig und aktiv, allein 20 Leute werden für den Schließdienst gebraucht. Es gibt viele musikalische Veranstaltungen, und auch Neues probiert die Gemeinde gerne aus, wie zum Beispiel Taizé-Andachten. „So etwas kommt aber nur deshalb zustande, weil wir so einen tollen Pfarrer haben“, loben die Mitglieder des Kirchenvorstands. Und auch bei Brautpaaren ist die kleine Kirche wegen ihres romantischen Ambientes sehr beliebt. (Kristin Weber)

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Pfarrer Hubertus Spill hat immer neue Ideen für seine Gemeinde, wie etwa Taizé-Andachten.
Taufstein von 1590: Erwin Heyser und Ute Deimel vom Kirchenvorstand kennen sich mit der Geschichte aus.

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