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Bäckermeister: „Es wird schnell unmöglich, die Energiekosten zu decken“

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Ohne Ofen keine Backwaren: Die steigenden Energiekosten sind eine hohe Belastung für das Bäckerei-Handwerk. Gerade kleine Familienbetriebe durchleben momentan schwere Zeiten.
Ohne Ofen keine Backwaren: Die steigenden Energiekosten sind eine hohe Belastung für das Bäckerei-Handwerk. Gerade kleine Familienbetriebe durchleben momentan schwere Zeiten. ©  IMAGO/Olaf Kraak

Die Kosten für Energie und Rohstoffe steigen immer weiter an. Im privaten Bereich macht sich das ebenso bemerkbar wie in den Geschäften und Betrieben wie Bäckereien.

Hoheneiche - Eine Branche wie das Bäckerhandwerk, das zur Herstellung der Produkte viel Energie benötigt, trifft die Kostenexplosion immens. Wir fragten bei Obermeister der Bäcker-Innung Werra-Meißner Martin Stange nach, wie die Situation vor Ort ist.

Aufgrund der steigenden Energiepreise wird vieles teurer. Wie wirkt sich das momentan auf das Bäcker-handwerk aus?

Bäckereien sind, trotzdem handwerklich gearbeitet wird, Hochenergie-Betriebe. Das heißt, bei der Herstellung von Backwaren werden zahlreiche Geräte genutzt, die entsprechend viel Energie benötigen. Bei den momentanen Preisen wird es, gerade für kleine und mittlere Betriebe, schnell unmöglich, diese Kosten zu decken.

Gibt es konkrete Zahlen zu dem Anstieg der Energiepreise?

Unsere Bäckerei beispielsweise verbraucht rund 450 000 Kilowattstunden Gas im Jahr, für die wir bisher 26 000 Euro bezahlt haben. Wenn allerdings die Verträge mit den Energieversorgern auslaufen, wird es deutlich teurer, da ein neuer Vertrag unter den momentanen Konditionen aufgesetzt wird. Ich habe mich aktuell informiert, wie viel ich nach Auslaufen meines Vertrages ab Januar zahlen müsste. Das wäre eine vielfache Summe dessen, was ich momentan bezahle.

Ist es dann überhaupt noch möglich, eine Bäckerei wirtschaftlich zu betreiben?

Unter dem oben genannten Umstand ist dies nicht mehr möglich. Viele meiner Kolleginnen und Kollegen haben noch bestehende Verträge mit den Energieversorgern. Bei einigen jedoch sind die Verträge ausgelaufen, das heißt, sie wissen teilweise nicht, ob und wie der Betrieb weitergeführt werden kann, wenn die Kosten dermaßen hoch sind.

Könnte eine Erhöhung der Preise für die Backwaren die hohen Energiekosten kompensieren?

Wir haben die Preise im letzten Jahr erhöht. Dies war allerdings aufgrund des Umstandes, dass der Mindestlohn angehoben wurde, kalkulierbar und diente somit der Anpassung an die gestiegenen Löhne. Nicht planbar war der Anstieg der Rohstoff- und Spritpreise, der allerdings noch kompensierbar war. Um die Energiepreise auszugleichen, müssten wir aber die Backwaren um 15 Prozent teurer machen. Die Folge wäre, dass uns Kundinnen und Kunden abspringen würden.

Gibt es denn eine finanzielle Hilfe vom Staat?

Nein, die gibt es bisher noch nicht. Die beiden ersten Hilfspakete berücksichtigten nur die Industrie. Leider ist es auch so, dass wir als regionales Gewerbe die Stromsteuer zahlen müssen, da wir nicht subventioniert werden. Größere Industriebetriebe hingegen bekommen Subventionen. Vor Kurzem wurde ein drittes Hilfspaket entworfen, in dem das Handwerk und damit auch wir als Bäcker berücksichtigt werden sollen. Wann und in welcher Form das Paket wirksam wird, ist noch nicht ersichtlich.

Welche Hilfsmöglichkeiten gäbe es, die von der Bundesregierung umgesetzt werden könnten?

Eine Deckelung des Gaspreises wäre hier denkbar. Das würde eine große Entlastung für Gewerbekunden darstellen. Weiterhin finde ich, dass eine Entkopplung des Verstromens von Gas, wie etwa in Frankreich, sinnvoll wäre. Natürlich ist die europäische Solidarität äußerst wichtig, aber auch die Erhaltung kleiner und mittlerer Betriebe in Deutschland sollte gewährleistet sein.

Die Preise steigen nicht nur für Unternehmen, auch die Lebenshaltungskosten von Privatpersonen haben sich erhöht. Macht sich das in der Zahl der Kunden oder bei deren Kaufverhalten bemerkbar?

Unser Kundenstamm ist, was uns sehr froh macht, stabil geblieben und hat die letztjährige Preiserhöhung akzeptiert. Was sich allerdings geändert hat, ist das Einkaufsverhalten. So gibt es weniger Spontankäufe, bei denen ungeplant etwas mehr gekauft wird. Die Kunden wägen eher ab und sparen sich das ein oder andere Produkt.

Wie sehen Sie die Zukunft der Bäckereien im Werra-Meißner-Kreis?

Die Bäckereien hier im Kreis sind sehr gut aufgestellt und produzieren hervorragende Backwaren. Deswegen ist die Anzahl der Kunden auch stabil. Durch den ländlich geprägten Raum kennt man sich, was eine zusätzliche Vertrauensbasis schafft. Allerdings befürchte ich, dass viele der Privathaushalte noch gar nicht bemerkt haben, wie viel teurer alles geworden ist. Wenn auch bei ihnen die bestehenden Verträge auslaufen, könnte sich das Konsumverhalten drastisch ändern.

Wie kann man sich über das Bäckerhandwerk informieren?

Wer sich darüber hinaus informieren will, kann zu unserem Stand beim Wurstfest am 18. September in Eschwege kommen. Außerdem hoffe ich, dass sich bald etwas ändert, damit das Bäckerhandwerk auch weiterhin eine Zukunft hat. Ich möchte mich bei allen Kunden der handwerklichen Bäckereien des Werra-Meißner-Kreises für ihre Treue bedanken. (Marius Gogolla)

Zur Person

Bäckermeister Martin Stange (53) aus Hoheneiche ist Inhaber der Bäckerei Bechthold-Stange und Obermeister der Bäcker-Innung Werra-Meißner. Seine Prüfung zum Bäckermeister bestand er am 16. April 1996. Der mittlere seiner drei Söhne, Lukas (25), ist ebenfalls Bäckermeister und arbeitet im elterlichen Betrieb.

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