Blick in die Geschichte

Bahn eilte bei Eichenberg der Einheit voraus

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Der erste Zug nach 45 Jahren: Als am späten Vormittag des 26. Mai 1990, einem Samstag, der Oldtimer-Zug mit der Dampflok 01 1531-1 die deutsch-deutsche Grenze zwischen Ahrenshausen /Thüringen und Eichenberg/Hessen passierte, stiegen Hunderte von Luftballons auf. Der erste Lückenschluss nach der Grenzöffnung wurde groß gefeiert.

Eichenberg. Nach 45-jähriger Unterbrechung rollten ab dem 26. Mai 1990 als Folge der Grenzöffnung wieder Züge von Kassel über Eichenberg nach Halle - noch vor der Wiedervereinigung am 3. Oktober.

Das Gleis nach Osten endete an einem Rammbock aus verwittertem Holz auf dem Bahnhofsgelände in Eichenberg. Bis 1945 waren die Züge hier ins Eichsfeld gerollt. Dann kam die deutsche Teilung, und mit ihr wurden auch die allermeisten Verkehrsverbindungen zwischen der Bundesrepublik und der DDR gekappt.

Damit verlor der Bahnhof Eichenberg seine Bedeutung als Ost-West-Drehscheibe, Züge fuhren nur noch auf den Strecken Göttingen-Kassel und Göttingen-Fulda. Das Empfangsgebäude (Baubeginn: 1875) verödete zusehends.

Nachdem die Grenze bereits am 12. November 1989 am Alten Holz zwischen Eichenberg und Hohengandern gefallen war und die Sperrlinie insgesamt immer mehr Löcher bekam, setzten sich die Spitzen von Reichsbahn und Bundesbahn noch Ende 1989 zusammen, um die Chancen der Reaktivierung auf der Strecke Kassel-Halle auszuloten.

Wolfgang Fischer (SPD), bis 2012 Bürgermeister von Neu-Eichenberg und damals Vertreter von Gerhard Hannich als Rathauschef, sagt im Blick zurück, dass die Verkehrspolitiker schnell die Notwendigkeit erkannt hätten, zwischen Helmstedt/Marienborn und Bebra/Gerstungen einen weiteren Interzonenbahnhof anzubieten. So wurde in Eichenberg ein besonderer Bahnsteig für Züge von und nach Osten geplant, „der ein Jahr später nach der Wiedervereinigung als viel zu lang dimensioniert wurde“ (Fischer). Auch Räume für Zoll und Bundesgrenzschutz wurden nur noch für wenige Wochen gebraucht.

Schon Anfang 1990 rückten auf dem Brachland zwischen Arenshausen und Eichenberg die Baumaschinen an: Arbeiter machten mit Hilfe schwerer Technik das Baufeld für das neue Gleis und die Wiedererrichtung einer Brücke bei Arenshausen frei. Meter für Meter kamen sich die Bautrupps aus West und Ost bis Anfang Mai näher. Und schon am 3. Mai zogen die Vertreter der Bahnunternehmen symbolisch die letzten Schrauben an den Gleisen fest: Lückenschluss nach 45 Jahren. Kosten allein am Bahnhof Eichenberg: 13 Millionen Mark.

Am 26. Mai dann Volksfeste auf beiden Seiten: Als der Traditionszug Zwickau der Reichsbahn am späten Vormittag nach Osten rollte, machte es an der früheren Nahtstelle hundertfach Klick: Bahnfans und Hobbyfotografen hielten den historischen Augenblick fest. Zu den Ehrengästen zählte ein Mann, der später in der Bundespolitik eine große Karriere machte: Kassels Oberbürgermeister Hans Eichel.

25Jahre danach fällt die Bilanz auch für den langjährigen Bürgermeister Wolfgang Fischer zwiespältig aus: Die alte Ost-West-Verbindung sei zwar wieder hergestellt worden. „Eichenberg wurde aber zu einem Umsteigebahnhof für den Personenverkehr und ein Durchgangsbahnhof für den Güterverkehr“, sagt Fischer jetzt im Blick zurück. Drehscheibe wäre der Bahnhof dann geworden, wenn die Eichenberger Kurve nicht gebaut worden wäre. Die schnellen Züge aus Göttingen in Richtung Halle und Erfurt fahren seit 1998 an Eichenberg vorbei.

Die Internet-Enzyklopädie Wikipedia sieht darin eine Entlastung des Bahnhofs - mit einem fragwürdigen Ergebnis für den Nordzipfel des Werra-Meißner-Kreises.

Von Werner Keller

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