Coronavirus-Hochburg Bergamo in Italien

Bericht aus Corona-Hochburg: Ausgangssperre, Tausende Infizierte und Tote - „Alltag gibt es nicht mehr“

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Corona in Italien: Ein Bild aus unbeschwerteren Tagen - Martin Zöckler und seine Ehefrau Maja über den Dächern von Bergamo.

Der Ausbruch von Corona in Italien war sehr viel schwerer als in Deutschland. Martin Zöckler aus Eschwege lebt seit Jahren in Bergamo. Was er dort erlebt, erzählt er im Interview.

  • Der Ausbruch von Corona ist in Italien schwerer verlaufen als in Deutschland.
  • Martin Zöckler lebt seit Jahren in Bergamo, er kommt ursprünglich aus Eschwege (Nordhessen).
  • Im Interview berichtet er von den Zuständen dort.

Bergamo/Eschwege - Ausgangssperre, Tausende Infizierte und Tote. Wie lebt es sich in einer Stadt im Ausnahmezustand? Wir sprachen mit Martin Zöckler aus Eschwege, der seit sieben Jahren in der derzeitigen Corona-Hochburg Bergamo in Italien lebt.

Wie sicher fühlt man sich im europäischen Hotspot des Coronavirus?

Gedanken, dass man sich infizieren könnte, hat man schon. Allerdings wird in der Öffentlichkeit sehr darauf geachtet, den Abstand einzuhalten und seit ein paar Tagen gibt es sogar eine Maskenpflicht. Insofern ist man im Alltag geschützt.

Ich selber arbeite sogar noch, da unsere Firma unter anderem Arzneimittel verschickt. In der Firma ist die Gesundheit der Mitarbeiter zu schützen, das vorrangige Anliegen. Alle Mitarbeiter haben Notfallpakete mit Atemmasken, Handschuhen und Desinfektionsmittel bekommen.

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Corona in Italien: „Die Leute bleiben zu Hause“

Sieht man die Situation anders, wenn man Familie hat?

Wir haben zwei Kinder im Alter von vier und sechs Jahren. Wenn da beim Spielen etwas passiert, zum Beispiel ein gebrochener Arm, müssten wir ins örtliche Krankenhaus. Auch wenn man dort natürlich auch in diesen Tagen noch behandelt wird, möchte man sich das lieber ersparen.

Hat die Corona-Krise in Bergamo ihren Höhepunkt schon erreicht?

Die Zahl der Infizierten steigt weiterhin, allerdings nicht mehr so schnell wie noch vor einigen Wochen. In der Zwischenzeit gibt es knapp 10.000 bestätigte Fälle in der Provinz Bergamo, eine Region die rund eine Million Menschen umfasst. Die Dunkelziffer dürfte allerdings weit höher liegen, da die meisten Menschen nicht getestet werden.

Gibt es im Moment in Bergamo überhaupt Alltag?

Einen normalen Alltag gibt es nicht mehr. Die Leute bleiben zu Hause. Soldaten und Polizei bestimmen das Bild in den Straßen Bergamos. Sie verhindern, dass die Menschen die Ausgangssperre verletzen und ihre Häuser verlassen. 

Schulen, Banken, Parks, Sporteinrichtungen, Dienstleistungen, Industrie und Firmen – alles wurde für Wochen gestoppt. Es ist streng verboten, sein Zuhause zu verlassen, außer um Lebensmittel zu kaufen, und für den Weg zur Arbeit oder zum Arzt.

Corona in Italien: Die Lebensfreude geht verloren

Wie gehen die Menschen in Bergamo mit der Corona-Krise um?

Die Menschen sind nicht mehr so offen und haben weniger Lebensfreude. Während man früher auf der Straße oft ins Gespräch kam und die Menschen offen aufeinander zugingen, wird heute nicht mal mehr gegrüßt. Unter der Maske kann man nicht erkennen, ob jemand lächelt oder nicht.

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Etwa 2000 Menschen sind der Krankheit bereits zum Opfer gefallen. Jeder sechste Corona-Tote in Italien stammt aus Bergamo. Viele hier trauern bereits um ein Familienmitglied oder jemandem der ihnen Nahesteht. Daher sind sich die Menschen hier mehr als anderswo auch dem Ernst der Lage bewusst.

Sind alle Einwohner noch diszipliniert?

Die Menschen sehnen mittlerweile das Ende der strengen Maßnahmen herbei. Die meisten sind seit fast fünf Wochen permanent zu Hause, für viele ist die einzige Möglichkeit mal raus zu kommen, der Gang zum Supermarkt. 

Anfangs gab es tatsächlich auch noch Veranstaltungen wie Gesänge oder Applaus auf dem Balkon, allerdings hat das auch schon nachgelassen.

Corona in Italien: Krise „solidarisch, als eine gemeinsame Aufgabe“ lösen

Warum sind Sie nicht nach Deutschland zurückgekehrt?

Meiner Familie und mir geht es gut. Wir haben keinerlei Symptome. Ob wir in der Vergangenheit das Virus eventuell schon hatten, können wir nicht genau sagen. 

Es gab einen Moment, in dem wir kurz überlegten, nach Eschwege zu den Großeltern zu fahren: Das war Anfang März als innerhalb eines Wochenendes die Ausgangssperre erst in der Lombardei und dann in ganz Italien verhängt wurde. Wir haben uns dann dagegen entschieden, um keine Gefahr für die anderen darzustellen.

Kann Deutschland etwas von Bergamo lernen?

Ich glaube, was uns die Krise vor allem zeigt, ist wie eng wir global und speziell auch in Europa miteinander verbunden sind. Zu Anfang war die Krise vor allem in Italien und Bergamo. 

Aber ein Virus macht vor Grenzen keinen Halt, mittlerweile sind alle Länder in Europa von Covid-19 betroffen – gesundheitlich und wirtschaftlich. Und so wie uns die Krise gemeinsam getroffen hat, nur so können wir sie auch langfristige lösen: solidarisch, als eine gemeinsame Aufgabe.

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Martin Zöckler aus Eschwege lebt in Italien

Martin Zöckler (42) wuchs in Eschwege auf und legte hier 1997 am Oberstufengymnasium sein Abitur ab. Anschließend studierte er Wirtschaftsingenieurwesen in Karlsruhe. 

Er arbeitet inzwischen seit 15 Jahren für Bertelsmann – seit sieben Jahren für eine Tochterfirma in Italien, wo er den Bereich Healthcare leitet. Mit seiner Frau und den beiden Kindern wohnt er direkt in Bergamo.

Von Tobias Stück

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