"Wir waren einfach wieder Menschen"

Bewegende Feier zum 25. Jahrestag der Grenzöffnung bei Wahlhausen

Wie vor 25 Jahren dabei: Die Höheberg-Musikanten – hier Uwe Bode (links) und Walter Hühnermund – bei der Gedenkfeier am Dienstagabend in Wahlhausen. Fotos: Cortis

Wahlhausen / Bad Sooden-Allendorf. Verliebte wissen, was es bedeutet, Flugzeuge im Bauch zu haben. Das war auch bei der Grenzöffnung am 18. November 1989 nicht anders.

An dieses „Kribbeln“, das mehrere tausend Menschen empfanden, als sich am die innerdeutsche Grenze zwischen Bad Sooden-Allendorf und seiner thüringischen Nachbargemeinde Wahlhausen öffnete, erinnerte am Dienstagabend der Landrat des Werra-Meißner-Kreises, Stefan Reuß, während einer bewegenden Feier zum 25. Jahrestag dieses historischen Ereignisses.

Das „gute Gefühl des Kribbelns“ sollten sich die Menschen im wieder vereinten Deutschland auch in Zukunft bewahren, sagte Reuß im voll besetzten Gemeindesaal in Wahlhausen. Denn in Frieden und Freiheit zu leben, sei keineswegs selbstverständlich.

„Ganz plötzlich waren wir einfach wieder Menschen, nicht sortiert in irgendwelchen Schubladen.“

Reuß’ Amtskollege aus Heiligenstadt, Dr. Werner Henning, fasste die Gefühle der Menschen in der DDR von damals in die Worte: „Ganz plötzlich waren wir einfach wieder Menschen, nicht sortiert in irgendwelchen Schubladen.“

In Anwesenheit von Bad Sooden-Allendorfs damaligem Bürgermeister Rolf Jenther gingen dessen zweiter Amtsnachfolger Ronald Gundlach und der erste Nach-Wende-Bürgermeister von Wahlhausen, Horst Zbierski, in Wort und Bild auf die Ereignisse jenes Tages ein.

Vorausgegangen war in der überfüllten Barockkirche Wahlhausens ein ergreifender ökumenischer Gottesdienst unter Beteiligung von acht Geistlichen beider Konfessionen von diesseits und jenseits der früheren Demarkationslinie, darunter auch die Dekanin des Kirchenkreises Witzenhausen, Ulrike Laakmann.

In seiner Festpredigt rief Regionalbischof Propst Dr. Christian Stawenow (Eisenach) zu einem weltweiten Gewaltverzicht auf. Wer zum Schwert greife, werde durch das Schwert umkommen, nahm Stawenow Bezug auf die Bergpredigt und nannte Gier und Ungerechtigkeit als Ursache allen Übels. Nicht auf Stärke und Waffen dürfe der Mensch setzen, sondern auf Gerechtigkeit, Sanftmut und Verzicht. Gott sei „ein Gott des Friedens“ und sein Weg keine Illusion, wie „das Wunder der friedlichen Grenzöffnung“ gezeigt habe.

Musikalisch umrahmt wurde der Gottesdienst durch Angelika Höhne (Lindewerra) an der Orgel, den Wahlhäuser Chor „Feel Mellody“ sowie den Männerchor und den Posaunenchor aus Bad Sooden-Allendorf. Die über 200 Teilnehmer am mehr als dreistündigen offiziellen Teil der Feierlichkeiten hatten sich eingangs bei strömendem Regen just dort getroffen, wo heute die „Stätte der Begegnung“ den einst fast unüberwindlichen Metallgitterzaun ersetzt. Dazu intonierten die Höheberg-Musikanten wie schon 25 Jahre zuvor den Choral „Ich bete an die Macht der Liebe“.

„Die Welt stand kopf“, sagte Wahlhausens Bürgermeisterin Gabi Stallknecht rückblickend und fügte hinzu: „Wir haben nicht geglaubt, dass die Wiedervereinigung Deutschlands jemals wahr werden würde.“

Den widrigen Wetterverhältnissen an diesem nass-kalten Abend gewann Bad Sooden-Allendorfs Bürgermeister Frank Hix einen positiven Aspekt ab: „Der Himmel weint. Aber er weint vor Glück.“

Von Chris Cortis

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