Oliver Petri in Ellershausen von Familie aufgenommen

Durch die Werra in den Westen: Die Flucht aus DDR

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1988: Nach einem Krankenhausaufenthalt wurde Petri an das Aufnahmelager in Gießen weitergeleitet.

Witzenhausen. Zwischen 1961 und 1989 versuchten 150.000 DDR-Bürger in den Westen zu fliehen. Nur 40.000 gelang die Flucht.

Einer von ihnen ist Oliver Petri aus dem Werra-Meißner-Kreis. Jede Nacht sei der 45-Jährige Grenzpatrouillen begegnet. In der Werra bei Bad-Sooden-Allendorf erfroren seine Füße. Aber am 19. März 1988 gelang ihm die Flucht. Für ihn waren es wohl die aufregendsten Tage seines Lebens, die er nie vergessen wird.

Am 16. März 1988 stieg der damals 18-Jährige, in Erfurt in der Zug nach Uder (Landkreis Eichsfeld). „Anschließend bin ich zu Fuß in das Grenzgebiet.“ Gelaufen ist er immer nur nachts. Tagsüber versteckte er sich im Gestrüpp. „Ich hatte eine Zeltbahn dabei, wie sie auch von der nationalen Volksarmee der DDR (NVA) genutzt wurde.“ Darunter habe er sich versteckt.

Grenzpatrouillen hörte er jede Nacht. Sie seien immer zu zweit unterwegs gewesen. Einen Moment wird Petri wohl nie vergessen. In einer Nacht versteckte er sich unter seinem Umhang, als ihm ein Grenzer sehr nahe kam. „Der ist fast über mich gestolpert.“ Sein Herz habe vor Angst so laut gepocht, dass er befürchtete, der Grenzer könnte es auch hören. „Aber er ist an mir vorbei gegangen.“

Am dritten Morgen um 5 Uhr hatte Petri sein Ziel vor Augen. „Ich kam an einen Hang, von dem aus ich die Grenze sah.“ Auf der anderen Seite sah er bereits Ellershausen.

Versteck unter Bäumen 

Doch 5 Uhr war schon zu spät, um die Grenze zu überwinden. Also richtete sich Petri ein Versteck unter einigen Nadelbäumen ein, von wo aus er die Grenzer beobachtete. „So konnte ich sehen, in welchen Abständen sie patrouillierten.“

Als es dunkel wurde, ging es los: Auf allen Vieren kroch der 18-Jährige quer über den Hang. Die Fernlichter der Autos, die von der Bundesstraße nach Ellershausen einbogen, erleuchteten jedes Mal den gesamten Hang. „Immer wenn ein Auto kam, habe ich mich flach auf den Boden gelegt.“

Vor dem ersten Zaun wartete er eine Patrouille ab, kletterte hinüber und lief zum zweiten Zaun. Plötzlich kam eine Patrouille im Trabi-Kübelwagen. „Zum Glück war ihr Suchscheinwerfer so schwer, dass sie nicht viel sehen konnten.“

Barfuß über den Zaun 

Der zweite Zaun, der aus Streckmetall war, stellte für Petri ein großes Hindernis dar. Denn „er war sehr hoch und die Lücken nur fünf Millimeter breit“. Petri warf ein Seil mit einem Knoten über den Zaun, das sich am oberen Ende verhakte. „Dann zog ich die Schuhe aus und kam so über den Zaun.“

Auf der anderen Seite angekommen, wartete die größte Hürde: Die Werra. „Die Strömung war immens und die Tasche, die ich dabei hatte, zog mich nach unten.“ Er riss die Tasche ab und tauchte immer wieder unter, um nicht gesehen zu werden.

Am westlichen Ufer lief er durch einen Solegraben und über einen Acker und landete schließlich im Garten einer Familie in Ellershausen. „Die haben mich ins Haus geholt und stopften mich in die Badewanne.“

Von Carola Hartung

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