Festplatz frei für Trabis: Ex-Bürgermeister Engel über Zeit der Grenzöffnung

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Ost und West begegnen sich: Dieses Foto von der Grenzöffnung 1989 zwischen Hohengandern und Eichenberg schoss HNA-Leser Ralf Orth aus Großalmerode.

Witzenhausen. Als am Abend des 9. November der Fall der Mauer die Nachrichten beherrschte, vermutete Günter Engel noch nicht einmal, dass sich die Öffnung der innerdeutschen Grenze über Berlin hinaus erstrecken würde.

Entsprechend hatte der damalige Bürgermeister, seit eineinhalb Jahren im Amt, auch keinen Ansturm auf Witzenhausen erwartet, schon gar nicht in den nächsten drei Tagen. Und so wurde Günter Engel auch kalt erwischt, als die Polizei ihn am frühen Morgen des 12. Novembers anrief: „Bei Arenshausen wird die Grenze aufgemacht.“ Die Firma Beck und Gundlach soll den Zaun einreißen und das Stück Straße nach Hohengandern ergänzen.

Weitere Artikel und Fotos zum Mauerfall gibt es in unserem Dossier.

Da der Bürgermeister erst zwei, drei Stunden zuvor nach einem ausgiebig gefeierten Keglerball ins Bett gegangen war, wurde er mit einem Streifenwagen abgeholt und zu dem Ort gebracht, an dem nun Geschichte geschrieben wurde. „Es war kalt, blauer Himmel und Sonnenschein“, weiß Günter Engel noch genau. Auf der anderen Seite der Grenze sah er eine Schlange von Trabis stehen, derweil die Planierraupe noch den Zaun niederdrückte.

Als der Übergang frei war, marschierte er unter anderem mit Stadtverordnetenvorsteher Joachim Tappe nach Arenshausen, wo gerade Kirmes war. Im Auto eines Witzenhäusers ging es noch am gleichen Tag nach Bornhagen, vom damals schon restaurierten Turm der Ruine Hanstein schaute er auf „unseren Ludwigstein“ herunter.

War vor 25 Jahren Bürgermeister: Günter Engel (67). Foto: sff

Zurück in Witzenhausen hatte sein Büroleiter Alfred Kühn schon das Regiment übernommen, im Rathaus wurde bereits Begrüßungsgeld an die Besucher aus der DDR ausgezahlt, 100 DM pro Person - gegen einen Stempel im Personalausweis. Zu den Auszahlungstischen im Rathaussaal wand sich vom Marktplatz her eine lange Menschenschlange die Wendeltreppe hoch.

Günter Engel klapperte dann Bankdirektor Kurt Clemens die kleinen Filialen der Raiffeisenbank und sammelte Geld ein, da die großen Tresore über das Wochenende gesperrt waren. Am Montag holte der Bürgermeister ganz unkonventionell weiteren Nachschub im Delta-Markt am Bornemannweg: 10.000 DM habe er sich einfach in die Manteltasche gesteckt.

Ein gutes halbes Jahr später übrigens ging im Rathaus ein Briefumschlag mit 100 DM ein. Ein DDR-Bürger hatte sich doppelt begrüßen lassen und nun sein schlechtes Gewissen entlasten wollen. Witzenhausens Innenstadt und die Einkaufsmärkte wurden nun überschwemmt. Der Festplatz an der Bohlenbrücke war kurzerhand für 1000 Trabis freigegeben worden. Aber Chaos, das habe nicht geherrscht. In guter Erinnerung ist ihm der Stand im Corvinushaus mit gratis Kaffee und Kuchen der Kirchengemeinde für die Nachbarn. „Viele Menschen freundeten sich damals an, luden sich gegenseitig ein.“

Von Stefan Forbert

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