Bisher unbekannte Geschichte

Geglückte Flucht aus der DDR: Aus Jux in den Westen rübergemacht

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Mai 1961: Norbert Schlegelmilch auf seinem Motorroller Marke Cezeta vor seinem Geburtshaus (links) in Lenterode, dem ehemaligen Zollhaus zwischen Thüringen und Hessen.

Bornhagen. Viele Fluchten aus der DDR in den Westen misslangen oder endeten tödlich. Doch es gab auch Grenzübertritte ohne Probleme. Die Geschichte eines "Spaziergangs aus Spaß".

„Wollen wir abhauen?“ Mehr aus Spaß fragt Norbert Schlegelmilch seine Verlobte Renate dies. Denn sie sitzen direkt an der innerdeutschen Grenze auf einem kleinen Felsen. Abhauen ist plötzlich möglich. Nur ein alter, verrosteter Stacheldrahtzaun ist im Sichtfeld gen Westen, direkt vor dem Pärchen. Und das drei Jahre nach dem Mauerbau und den inzwischen erfolgten umfangreichen Befestigungsarbeiten der DDR!

Es ist 1964, am 13. September, ein Sonntag: Norbert Schlegelmilch und seine damalige Verlobte verbringen ein Wochenende in seinem Geburtsort Lenterode. Es ist das letzte Dorf, das noch genehmigungsfrei angefahren werden darf. Kurz hinter dem westlichen Ortsausgang beginnt die Fünf-Kilometer-Sperrzone: „Zutritt und Einfahrt für Unberechtigte verboten“.

Norbert Schlegelmilch

Ungeachtet dessen unternimmt das Pärchen am frühen Nachmittag eine Spritztour. Denn in der Gaststätte in Lenterode hatte man über einen dramatischen Fluchtversuch des Bürgermeister-Sohnes eine Woche zuvor diskutiert. „Dieses machte mich sehr neugierig“, weiß Schlegelmilch noch heute. „Es war ein warmer und sonniger Tag. Wir setzten uns gegen 14 Uhr auf unseren Motorroller, fuhren durch den Wald, durch kleinere Dörfer und hielten auf einer Feldwegkreuzung an, nicht weit von der Burg Hanstein.“

Dort stellen sie den Roller ab und spazieren in den Wald – und haben dann viel Glück: „Auf der Anhöhe sahen wir zwei Grenzwächter, die mit einem Fernglas unseren Roller beschauten. Um den lief in diesem Moment ein junges Paar unseren Alters. Ich werde nie vergessen, die junge Frau hatte einen knallgelben Pullover an.“

Renate und Norbert gehen ruhigen Schrittes weiter die Anhöhe hinauf. Erst im Nachhinein wurde Schlegelmilch klar: „Wahrscheinlich glaubten die Grenzer, der Roller gehöre diesem Paar.“ Plötzlich stehen Renate und Norbert auf dem Trampelpfad der Grenzwächter, einige Minuten lang laufen sie darauf, daneben der Stacheldrahtzaun – bis zu dem kleinen Felsen, wo Päuschen gemacht wird, den alten Zaun im Blick. Norbert raucht in aller Ruhe eine Zigarette. Es mag 15 oder 16 Uhr gewesen sein, da steht der Entschluss fest, aus dem Jux wird Realität: Schlegelmilch wirft drei flache Steine durch den Zaun. Vielleicht Mienen dahinter? Nein. Nun spreizt er die rostigen Drähte mit den Händen auseinander, Renate geht durch die Öffnung hindurch, ihr Norbert folgt ihr, bleibt aber mit seinem Anzug erst hängen.

„Drüben“ sind sie damit aber noch nicht, das wissen sie. Nun rennt das Pärchen. Über die freie Fläche, das Schussfeld, wie Schlegelmilch auch weiß, bis zum gegenüberliegenden Wald, durch diesen dann bergab bis zu einer Wiese.

Eine Ortschaft ist zu sehen – es muss Werleshausen sein –, ein Fluss – die Werra – und viele Autos auf der Straße – die B 27. Aber, sind wir schon im Westen? Das fragen sich beide noch, als plötzlich ein Schäferhund prüfend vor ihnen steht. Renate und Norbert erstarren zur Salzsäule.

Flucht über die DDR-Grenze im Jahr 1964 am Hanstein

Ein Mann in grüner Uniform kommt näher. Schlegelmilch schaut nur auf dessen Mütze: ein schwarz-rot-goldenes Emblem, ohne Hammer und Zirkel im Ährenkranz. Dennoch: „Ich war immer noch unsicher“, erzählt Norbert Schlegelmilch. Erst als ihm eine „Ernte 23“ angeboten wurde, da habe er es gewusst: „Wir sind in der Bundesrepublik.“

So ging es mit Norbert Schlegelmilch und seiner Verlobten weiter

Noch in der Zollbaracke dürfen die beiden in ein Brötchen mit Blutwurst beißen. Dann wurde das Paar nach Kassel gebracht und noch gleichentags von US-Amerikanern verhört. Schließlich war Norbert Schlegelmilch im April des Jahres bei der DDR-Luftwaffe entlassen worden. Da er Verwandte im Ruhrgebiet hatte, durften sie bald weiterreisen.

In Erfurt: Schlegelmilchs damalige Verlobte Renate mit Sohn Ralf, hier drei Monate alt.

In Dortmund, wo ein Onkel und zwei Tanten, Cousins und Cousinen wohnten, gab es helle Aufregung, als das Pärchen in der Nacht an der Tür klopfte. Die Verwandtschaft war erst zwei Wochen zuvor zu Besuch in Erfurt gewesen. „Die bekamen einen schönen Schrecken“, erinnert sich Norbert Schlegelmilch.

Er blieb in Dortmund, seine schwangere Verlobte ging im Frühjahr 1965 zurück in die DDR. Renate sei hoffnungslos überfordert gewesen, viele neue Dinge seien auf die gerade 16-Jährige unvorbereitet eingestürmt. Auch für ihn sei die Umstellung nicht leicht gewesen, Heimweh sei später hinzu gekommen. Den gemeinsamen Sohn Ralf brachte Renate im Mai 1965 in Erfurt zur Welt. 18 Jahre unterstützte er die beiden mit Paketen, bei späteren Besuchen in der DDR sah man sich jedes Mal. Mittlerweile ist der Kontakt etwas eingeschlafen.

Schlegelmilch (heute 73) heiratete vier Jahre später eine andere, baute ein Häuschen und arbeitete als Elektriker 25 Jahre lang im Stahlwerk Hoesch. Mit seiner zweiten Ehefrau – die erste starb vor 20 Jahren – besuchte er im Herbst den Hanstein, um den Weg der Flucht nachzuvollziehen – 50 Jahre danach. Heute sagt er: „Ich würde es nicht mehr machen.“ Er bereut den Entschluss nicht, denkt aber oft daran: „Die Gefahr war ja wahnsinnig groß.“ Ohne den Zufall an jenem 13. September 1964 wäre er nie geflüchtet.

Hintergrund: Blutige Flucht an der Mauer in Berlin

Am selben Tag, erinnert sich Schlegelmilch, ereignete sich in Berlin eine dramatische Flucht. Dabei wurde ein junger Mann von fünf Kugeln getroffen. Nach einem Feuergefecht zwischen DDR-Grenzsoldaten, US-Militär und West-Berliner Polizisten konnte er mit einem Seil über die Mauer in den Westteil gezogen werden. „Und wir sind im Sonnenschein spazieren gegangen, in die Freiheit.“

Von Stefan Forbert

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