Ein Leben an der Grenze: In den Westen wollte Gerhard Propf nie

Stolz auf seinen schmucken Heimatort: Gerhard Propf (47). Der Ausbau der Dorfstraße ist abgeschlossen, 56 Jahre altes Pflaster wurde wieder eingebaut. Foto: Keller

Lindewerra. Er fühlt sich nicht als Ossi und nicht als Wessi: Gerhard Propf (47) wohnt in Lindewerra und arbeitet in Witzenhausen.

Deshalb sieht sich der Pendler zwischen den Bundesländern Thüringen und Hessen als Werrataler.

Nein, abhauen in den Westen, das kam für Gerhard Propf auch als Jugendlicher nicht in Frage: „Das hätte schlimme Folgen für meine Eltern gehabt“, befürchtete der heute 47-Jährige, der seit 2010 als ehrenamtlicher Bürgermeister an der Spitze der kleinen malerischen Gemeinde steht. Als Grenzgemeinde im Sperrgebiet war der Ort mit seinen knapp 300 Einwohnern besonders exponiert.

Zum Interviewtermin kommt Propf mit dem Fahrrad, geradewegs von einer Trauerfeier, wo er als Gemeindeoberhaupt nicht fehlen durfte. Der gelernte Maschinenschlosser saß am Abend des historischen 9 . November 1989 mit Kollegen in einer Gaststätte in Burgwalde außerhalb der Sperrzone, als das Fernsehen die Nachricht von offenen Übergängen in Berlin brachte. Mit den Kumpels nahm er per Trabi Kurs auf den nächsten Grenzübergang in Teistungen, doch dort war es ruhig: Es gab hier noch keine Möglichkeit der Ausreise.

Einen Tag später nahm er sich, wie viele Kollegen, Urlaub von der Arbeit in Heiligenstadt, um in den Westen reisen zu können. Er nahm mit Vaters Wartburg eine Riesentour von Lindewerra über Leinefelde und Duderstadt in Kauf, um seinen Großonkel in Ellershausen besuch zu können. Da war die Freude riesig.

Fast zeitgleich mit dem Zusammenbruch des SED-Staates erhielt der damals 22-Jährige die Aufforderung zur Nachmusterung bei der Nationalen Volksarmee: Zur Truppe wollte er auf keine Fall, deshalb beschloss er, sich eine Arbeit im Westen zu suchen.

Pro forma meldete er mit Hilfe der Stadtverwaltung Bad Sooden-Allendorf seinen Wohnsitz um und begann schon im März 1990 bei einem Betrieb in Großalmerode. Von der NVA war er nun freigestellt: „Ich wollte ja nicht fahnenflüchtig werden.“

Hatte er mit Vorbehalten seiner West-Kollegen zu kämpfen? Das verneint Propf deutlich. Ein Jahr später wechselte er zu den Gipswerken nach Hundelshausen (heute VG Orth). Dort ist er heute noch im Lager tätig.

In den ersten Jahren musste Gerhard Propf, verheiratet und Vater einer Tochter, lange Umwege zur Arbeit in Kauf nehmen, über den Grenzübergang Hohengandern und später Wahlhausen.

Das änderte sich 1999 mit der Freigabe der wieder errichteten Werrabrücke nach Oberrieden. Sie war in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs von der Wehrmacht gesprengt worden, um den Vormarsch der Amerikaner zu stoppen. Die Erinnerung an die Jugend in einer scharf bewachten DDR-Grenzgemeinde verblasst langsam: Mal griff die Grenztruppe ein, weil er mit Freunden zum Maisprung ein Feuerchen machte. Mal fuhr er mit dem Moped auf die Teufelskanzel und konnte sich nicht ausweisen. Die Armee ließ ihn nach kurzer Gefangenschaft frei, weil ihn ein Grenzsoldat aus dem Heimatdorf kannte.

Von Werner Keller

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