Erinnerungen an 1989

Zeitzeugen geben Einblicke in die Tage nach der Grenzöffnung

Befreundet seit 25 Jahren: Anja Muhl (links) aus Wendershausen und Beate Levie-Schmidt lernten sich als 17-jährige Jugendliche bei einem Ost-West-Treffen am Plattensee kennen und sind bis heute mit ihren Familien eng befreundet.

Witzenhausen. Was haben Sie am 12. November 1989 um 12.25 Uhr gemacht? Was waren die emotionalsten Momente der Grenzöffnung?

Diese Fragen stellte Moderator Stefan Sommerfeld vom Jugendbildungswerk Ludwigstein den damaligen Bürgermeistern von Witzenhausen und Heiligenstadt, Günter Engel und Bernard Beck, dem ehemaligen Redaktionsleiter der HNA Witzenhausen, Werner Keller sowie zwei befreundeten Jugendlichen aus Ost und West von damals, Beate Levie-Schmidt und Anja Muhl.

So erfuhren die etwa 70 Zuschauer jetzt bei einer Gesprächsrunde im Capitol-Kino, dass Engel sich von der Polizei zur Grenze fahren ließ (anders kam man nicht mehr durch), die Arbeiten am neuen Grenzübergang bei Hohengandern beobachtete, auf der Kirmes in Arenshausen ein Bier trank und seinem sehnlichsten Wunsch, den Hanstein zu besteigen, gleich am ersten Tag nachging. Zudem hätte er im Rahmen seiner Möglichkeiten die Banken „geplündert“ und sei mit 10.000 D-Mark in der Manteltasche durch Witzenhausen gegangen, um das Begrüßungsgeld unkompliziert zum Rathaus zu schaffen. „Wir mussten einfach nur machen, Vorschriften für diesen Sonderfall gab es nicht“ sagte Engel. Sowohl für Engel als auch für Bernard Beck war es der schönste Tag als Bürgermeister.

Prophezeiung wird wahr 

Beck ist stolz darauf, dass die Bürger mit Montagsdemonstrationen und Friedensgebeten die Wende geschafft hätten und Honecker „Zum Teufel gejagt wurde“, wie sein Vater prophezeiht hatte. Der emotionalste Moment für Beck war, als am 3. Oktober 1990 die DDR-Fahne eingeholt, die gesamtdeutsche Fahne gehisst und die Nationalhymne gesungen wurde.

HNA-Redaktionsleiter Werner Keller erinnert sich noch sehr genau, wie ihn Rudi Müller aus Vatterode an die Grenze brachte, damit er den ersten Trabant bei der Überfahrt in die Bundesrepublik am neuen Grenzübergang fotografieren konnte. Er berichtete, dass 1990 etwa 300 HNA-Abonnenten aus Thüringen kamen und dass die 16 Mitarbeiter der neuen Redaktion in Mühlhausen anfangs mit einer Telefonleitung auskommen mussten.

Beate Levie-Schmidt aus Heiligenstadt und Anja Muhl aus Wendershausen lernten sich bereits vor Grenzöffnung durch ein von Pfarrer Friedrich Meinhof und Horst-Gerhard Liese vereinbartes Ost-West-Treffen am Plattensee in Ungarn kennen. Bis heute sind sie beste Freundinnen und möchten die vielen positiven Ost-West Begegnungen nicht missen. Der emotionalste Moment nach der Grenzöffnung für Levie-Schmidt war, zu Fuß über die Grenze zu gehen und danach den ehemaligen West-Betreuer Liese anzurufen. (znb)

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