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Zwei Handwerksfirmen testen Vier-Tage-Woche

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Von: Tobias Stück

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Zufrieden mit den neuen Arbeitsbedingungen: Metallbaumeister Frederik Smerling arbeitet bei der Metallbau-Firma Franz Rönnau seit einem Jahr in der Vier-Tage-Woche.
Zufrieden mit den neuen Arbeitsbedingungen: Metallbaumeister Frederik Smerling arbeitet bei der Metallbau-Firma Franz Rönnau seit einem Jahr in der Vier-Tage-Woche.  © Foto: Wiebke Huck

Eschwege/Hessisch Lichtenau – Es ist der Traum vieler Arbeitnehmer. Vier Tage arbeiten und an einem langen Wochenende frei haben. Geht nicht in unserer Region? Geht doch – und wird immer häufiger angewandt.

Der Fachkräftemangel lässt Arbeitgeber kreativ werden. Beim Eschweger Gebäudetechniker Seise soll die Vier-Tage-Woche mit Beginn des neuen Jahres eingeführt werden.

„Aufgrund des Fachkräftemangels, von dem wir als Fachbetrieb akut betroffen sind, sind wir alle stark eingespannt“, sagt der Heizungsbaumeister Andreas Seise, der den Betrieb vor fünf Jahren übernommen hat. „Ich will meine Mitarbeiter aber nicht ausbrennen.“ Die Vier-Tage-Woche solle allerdings nicht nur eine Entlastung für sein Team darstellen, sondern auch ein Anreiz für neue Mitarbeiter sein. „Man muss guten Leuten heutzutage etwas mehr als eine faire Bezahlung, Job-Bike oder eine Mitgliedschaft im Fitnessstudio bieten.“ Freizeit sei Lebensqualität und wirke sich auch auf das Berufsleben aus.

Ab Januar wagt der Betrieb das Projekt. Die Wochenarbeitszeit von 37 Stunden werde weiterhin bestehen bleiben. Die Kollegen arbeiten montags bis donnerstags jeweils eine Stunde länger und haben dafür einen ganzen freien Tag gewonnen. Am Freitag ist für Notfälle ein Bereitschaftsdienst erreichbar.

Zufriedene und leistungsfähige Mitarbeiter

In Hessisch Lichtenau wird bei der Metallbau-Firma Franz Rönnau schon seit einem Jahr freitags nicht mehr gearbeitet. Firmenchefin Marie-Antoinette Schleier hat die Vorteile der Vier-Tage-Woche früh erkannt: zufriedene und leistungsfähige Mitarbeiter. Das von Marie-Antoinette Schleier erdachte Modell sieht ebenfalls vor, dass ihre Mitarbeiter von montags bis donnerstags eine Stunde länger arbeiten und so vier der acht Arbeitsstunden vom Freitag vorarbeiten. Die verbleibenden vier Stunden schenkt sie ihren Mitarbeitern und damit geht es am Donnerstagabend ins lange Wochenende.

Vier Stunden weniger Arbeit, doch das Gehalt bleibt gleich. Aber wie ist es möglich, das gleiche Pensum in 36 statt ursprünglich 40 Stunden zu schaffen? „Im Vergleich zu früher bin ich montagmorgens deutlich ausgeruhter“, sagt Metallbaumeister Frederik Smerling. Der zusätzliche freie Tag würde sich bemerkbar machen. Nicht nur bei ihm, auch seine Kollegen sind mit dem Modell sehr glücklich, berichtet er.

Die Idee ist nicht neu und wird weltweit geprobt. 2019 experimentierte Microsoft Japan mit der Vier-Tage-Woche und gab an, dass die Produktivität um 40 Prozent zunahm und die Stromkosten um 23 Prozent sanken. Ab Juni bis Jahresende 2022 läuft ein Versuch in Großbritannien, der 70 Unternehmen und mehr als 3300 Arbeiterinnen, Arbeiter und Angestellte betrifft. Wäre die Vier-Tage-Woche also für alle Unternehmen geeignet? Matthias Bianchi vom Deutschen Mittelstandsbund warnt: „Die Vier- oder Drei-Tage-Woche eignet sich heute nicht für eine flächendeckende Anwendung in kleinen oder mittleren Unternehmen.“ Überall dort, wo seriell gearbeitet oder produziert werde, würden solche Modelle schnell an ihre Grenzen stoßen.

Vier-Tage-Woche probehalber eingeführt

Flächendeckend sei das Thema Vier-Tage-Woche bei den Handwerksbetrieben im Landkreis noch nicht angekommen, sagt der Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, Stephan Schenker. Auch in den Tarifkommissionen sei es bislang nur wenig thematisiert worden. „Wir müssen abwarten, wie der Betrieb bei den Vorreitern läuft, um eine allgemeine Aussage treffen zu können“, sagt Schenker.

Bei Seise Gebäudetechnik wird die Vier-Tage-Woche ab dem neuen Jahr erst mal probehalber eingeführt. Derzeit werden auch die Kunden informiert. Nach drei Monaten will das Team dann gemeinsam ein Fazit ziehen und entscheiden, ob dies eine langfristige Lösung sein könnte. Für Chef Andreas Seise wird der Freitag übrigens nicht ohne Arbeit sein. „Dann kann ich in Ruhe Dinge erledigen, für die sonst keine Zeit bleibt.“

Früher dauerte die Arbeitswoche sechs Tage 

Bis zum Jahr 1908 gab es generell eine Sechs-Tage-Woche, nur am Sonntag konnten die Arbeiter sich erholen. Jüdische Arbeiter in den USA erzielten dann einen Erfolg, am Samstag Sabbat feiern zu dürfen. Diesem Beispiel folgten viele weitere Firmen und in den 1930er-Jahren wurde die Fünf-Tage-Woche flächendeckend eingeführt.

Zu Beginn der Fünf-Tage-Woche wurden noch 60 Wochenstunden geleistet. Seitdem wurde die Arbeitszeit reduziert – am 1. Februar 1959 zum Beispiel von 48 auf 45 Arbeitsstunden und ab 1969 bis 1975 schrittweise auf 40 Stunden pro Woche. Die Arbeitsstunden liegen dabei je nach Vertrag im Schnitt bei 35 bis 42 Stunden, durchgesetzt hat sich in Deutschland die 40-Stunden-Woche. Auch bei der Vier-Tage-Woche liegt der gesetzliche Urlaubsanspruch bei mindestens vier Wochen pro Jahr.

Von Tobias Stück

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