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Breites Spektrum an Unterstützung

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Von: Eden Sophie Rimbach

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Diakonie und Caritas bieten eine kostenlose Beratungsstelle für Menschen, die Hilfe brauchen. © picture alliance / dpa

Matthias Heintz und Michael Nowotny zu kirchlichen Beratungsangeboten für Menschen in verschiedenen Notsituationen. Beide Männer arbeiten für die Caritas und die Diakonie.

Werra-Meißner – Eine kostenfreie Anlaufstelle für Menschen, die Hilfe benötigen, bieten Caritas und Diakonie. Über Ihre Arbeit sprechen Michael Nowotny und Matthias Heintz. Nowotny ist bei der Caritas Allgemeinen Lebens- und Sozialberatung des Caritasverbandes für den Werra-Meißner-Kreis und Heintz bei der Kirchlichen Allgemeinen Sozial- und Lebensberatung des Diakonischen Werks Werra-Meißner tätig.

Sie sind beide in der sozialen Arbeit tätig. An wen richtet sich das Angebot von Caritas und Diakonie jeweils?

Michael Nowotny: Prinzipiell alle: Menschen, die sich in Konfliktsituationen oder schwierigen Lebensumständen befinden und allein das Gefühl haben, das nicht bewältigen zu können, können anklopfen. Wir und unsere Kollegin Karin Weinsberg von den Diakonie-Standorten in Witzenhausen und Hessisch Lichtenau versuchen, das so niedrigschwellig wie möglich zu halten. Mir ist wichtig, dass Menschen das Problem vorher nicht auf einen Fachbereich festlegen müssen. Die Unterstützung kann von der Hilfe beim Stellen von Anträgen bis hin zu einer längeren Begleitung in beispielsweise einer Trauerphase reichen.

Matthias Heintz: Wir haben bei unserem Verbund der Kirchlichen Allgemeinen Sozial- und Lebensberatung des Diakonischen Werks in Nordhessen alle sechs Wochen ein Gesamttreffen. Seit Jahren sagen wir: Wir sind in der sozialen Beratungsarbeit das, was im medizinischen Bereich der Hausarzt ist. Wirklich alle Menschen sind willkommen: egal, welcher Herkunft, mit welchem Hintergrund und welchen Glaubens. Wir agieren beide unter dem Dach der Kirche, aber eine Konfessionszugehörigkeit oder ein Glaubenshintergrund sind gar keine Voraussetzung. Niemand, der Hilfe sucht, muss irgendeine Voraussetzung erfüllen.

Nowotny: Es ist ein kirchlicher Grunddienst. Es ist die berühmte zweite Seite des christlichen Auftrags.

Wie beeinflusst dieser kirchliche Hintergrund Ihre Arbeit?

Heintz: Insofern sind wir ein besonderer Dienst, da wir rein kirchlich und zum Teil auch aus Spenden finanziert sind. Aus dieser Tatsache heraus sind wir sehr frei. Wir sind keinem öffentlichen Träger gegenüber weisungsgebunden. Die Menschen wissen das. Soziale Arbeit ist auch immer politische Arbeit. Das heißt, es gehört mit dazu, dass wir Mängellagen ansprechen und deutlich machen. Und wie in der gesamten sozialen Arbeit herrscht zudem die Schweigepflicht.

Nowotny: Wir sind in einer Position, in der wir bestimmte Dinge auch anwaltschaftlich für Klienten tun dürfen. Wir sind sehr dankbar, dass dies ein freies Angebot bleibt.

Welche Rolle spielt das Thema Religion dabei?

Nowotny: Ob und welchen Glauben die Menschen haben, die zu uns kommen, spielt – wie gesagt – keine Rolle. Manchmal müssen die Menschen allerdings damit umgehen, dass beispielsweise zu Hochfesten wie Ostern oder Weihnachten entsprechende Impulse in Gruppenarbeit einfließen. Das Überraschende ist für mich, dass in dem Moment, in dem man erwarten würde, dass es einige Teilnehmer abschreckt, alle bleiben. Wenn ich religiöse Themen wie die Frage danach, wo wir herkommen und hingehen, nicht normativ über die Angebote stülpt, sondern es einfach als Normalität und als Teil unseres Lebens einfließt, dann finden die Menschen das sehr passend. Nach einer viertelstündigen Adventsandacht haben uns Menschen zurückgemeldet, dass es für sie der einzige Moment während der gesamten Adventszeit war, in dem sie zur Ruhe gekommen sind und Weihnachten für sie plötzlich Thema war.

Heintz: Es ist sogar ein Stück Erwartung des Sozialrechts in Deutschland. Die Wertevielfalt im Land soll sich durch die Träger widerspiegeln. So ist es wichtig, dass Kirche als Träger auch eine Identität zeigt. Die Frage ist aber, wie man das gestaltet. Es als Missionsauftrag zu verstehen, wäre ein Akt der Lieblosigkeit. Interessant ist, dass Menschen, die schon lange nichts mehr mit Kirche zu tun haben, das Thema hier von sich aus ansprechen. Es passiert sogar, dass Menschen darum bitten, dass wir für sie oder mit ihnen beten.

Bringt das auch Kritik mit sich?

Nowotny: Was wir in Gesprächen auch abbekommen ist, dass Kirche aufgrund einiger Vorfälle massiv in Kritik steht. Ich finde es wichtig, dass Menschen sehen, dass auch ihre Wut sein darf. Ich kann sie sehr wohl verstehen, weil einfach Dinge passiert sind, die sich nicht gehören. Aber auch das darf sein. Insgesamt darf in unserer Beratung Ärger, Wut, Enttäuschung – das ganze Spektrum – natürlich auch Platz haben. Das ist wichtig.

Sie haben eben gesagt, dass auch diese Emotionen hier Raum haben dürfen.

Heintz: Oft erleben Menschen unsere Beratungsräume als einen geschützten Ort, an dem sie so sein dürfen, wie sie sich sonst niemandem zeigen würden. Für einige ist es auch ein Ort der Ruhe, auch wenn sie mit sehr schlimmen Themen hier sind.

Nowotny: Und ich höre oft die Überraschung in den Worten: „Sie haben Zeit?“ Gerade in den vergangenen Jahren, in denen Abläufe hektischer und intensiver geworden sind, ist das für viele Menschen besonders. Wir sind als Gesellschaft in einer Taktung unterwegs, die für viele Menschen nicht mehr gesund ist. Sich mit eigenen Themen auseinanderzusetzen, braucht aber Zeit. Und unsere Arbeit braucht Vertrauen, was sich ebenfalls nicht unbedingt beim ersten Treffen aufbauen lässt.

Heintz: Die Hauptgrenze, mit der wir zu tun haben, ist allerdings Zeit. Herr Nowotny hat eine volle Stelle. Meine Kollegin Karin Weinsberg und ich teilen uns eine Stelle für den gesamten Kreis.

Nowotny: Wenn man aber die Fülle an Themen betrachtet, gäbe es auch für mehr Mitarbeiter genug zu tun.

Hat die Coronapandemie Ihre Arbeit beeinflusst?

Nowotny: Sofern wir es verantworten konnten, haben wir auch in der Coronapandemie weitergearbeitet. Wir sind beispielsweise beide mit Klienten spazieren gegangen.

Heintz: Alles – Telefonate, Spaziergänge, wir haben durchgearbeitet.

Nowotny: Oder wir saßen mit geöffneten Fenstern weit auseinander im Konferenzraum.

Mit welchen Themen kommen Menschen zu Ihnen?

Heintz: Das Themenspektrum ist so breit, so hoch, so weit wie das Leben. Statistisch liegt der Altersdurchschnitt bei uns bei der Diakonie bei 40 bis 60. In unserem Kreis ist es nicht verwunderlich, dass es oft ältere Menschen sind. Aber es kommen auch Kinder. Zu den Themen gehören Trauer und die Begleitung sterbender Menschen, Sorgen und Nöte am Arbeitsplatz, Mobbing. Der Druck, der zunehmend in unserer Gesellschaft herrscht, und auch die Spaltungstendenz tauchen immer wieder auf. Mit ihm wächst die Zahl derer, die das Angebot in Anspruch nehmen. Die Brüche, die wir in der Gesellschaft haben, gehen mitten durch die Familien.

Nowotny: Bei uns im Verband gab es vor vielen Jahren mal die Headline: „Wirkliche Not ist oft leise.“ Manchmal sind es nicht die großen Themen, die oft genannt werden. Häufig ist es stattdessen ein Problem wie Vereinsamung. Corona hat das in einem massiven Maße verschärft. Wir beide haben wie alle anderen in der sozialen Arbeit erlebt, wie die Telefone heiß geglüht haben. Aber manchmal braucht es nicht mehr als ein Telefonat, um einem Menschen zu helfen. Beispielsweise rufen Klienten an, die eine kurze Rückmeldung darüber geben, wo sie gerade in einem Prozess stehen. Wir merken, wie vielfältig das Spannungsfeld ist: Es reicht von psychischen Dispositionen über emotionale Notlagen bis hin zur Hilfe bei Behördengängen.

Heintz: Etwas ganz Wesentliches ist, dass wir die Verbindung halten und den Menschen signalisieren, dass wir ein verbindlicher und verlässlicher Anlaufpunkt sind. Für die Menschen da und ihnen nahe zu sein, ist für mich – auch vor dem kirchlichen Hintergrund beider Angebote – etwas Besonderes an diesem Dienst.

Inwiefern hat sich das, was Menschen benötigen, verändert?

Heintz: Es gibt mehr Kriseninterventionen. Eine Problematik dahinter sind die Mangelstrukturen im sozialen Bereich und im Gesundheitswesen. Beispielsweise in der Psychotherapie gibt es Wartezeiten von einem oder anderthalb Jahren. Viele Therapeuten haben gar keine Warteliste mehr. Die Menschen, die dadurch dort keine Hilfe finden können, kommen dann hierher.

Nowotny: Wir haben im Kreis auch mehr ältere Klienten. Das ist hier im ländlichen Raum ein Sonderthema, was ich im Abgleich mit Kollegen aus Kassel merke. Viele von ihnen sind nicht mehr mobil, weswegen ich zu ihnen fahre. Für viele ist es zudem ein Problem, wenn es bei einer Behörde heißt, man solle sich via E-Mail melden, oder beispielsweise die Grundsteuererklärung nun digital gemacht werden soll. Auch an der Stelle setzen wir uns mit den Menschen zusammen. Auch die Strukturen im ländlichen Raum stellen eine Schwierigkeit für unsere Klienten dar. Kreisverwaltung und Amtsgericht sind auf Eschwege zentriert und viele Menschen pendeln zur Arbeit nach Kassel, Göttingen oder Bad Hersfeld. Durch solche Faktoren hat sich auch im Sozialgefüge etwas verändert. Wer pendelt, hat beispielsweise weniger Kapazitäten, um sich danach noch ehrenamtlich zu engagieren.

Wie lange arbeiten Sie mit Menschen zusammen?

Nowotny: Durch diese Vielfalt reicht es von Kurzkontakten über eine längere Begleitung bis hin dazu, dass wir mit einige Menschen immer mal wieder arbeiten. Letzteres ist der Fall, wenn es ihnen zwischendurch besser geht oder sich nach einiger Zeit ein neues Problem auftut. Und manchmal ist es lediglich ein einziges Telefonat, bei dem wir an die benötigte Stelle weiterleiten. Denn auch Vernetzung ist ein großer Teil unserer Arbeit.

Arbeiten Sie immer mit einem einzelnen Klienten zusammen?

Nowotny: Nein, es gibt auch andere Formate. Ein Beispiel: Die Frage nach dem Umgang mit Trauer, Sterben und Tod ist ein existenzielles Problem für viele Menschen. Parallel zu unserer normalen Arbeit bemühen wir uns, da ein Format anzubieten, bei dem Menschen – auch vollkommen unentgeltlich – Informationen bekommen und für sich ein Stück weiterkommen. Das ist die jährlich im Herbst stattfindende Themenreihe „Am Ende unseres Weges“. Das geht bis hin zu Gruppenangeboten. Damit können sich Betroffene untereinander vernetzen und haben gleichzeitig den Kontakt zur sozialen Arbeit. Manchmal braucht es ein Angebot, damit Menschen zusammenfinden und ins Gespräch kommen. Dann gehen sie ein Stückchen stärker nach Hause, als sie gekommen sind.

Heintz: Das ist ein schöner Ausdruck und man kann es für alles sagen, was wir von Präventions- über Bildungsarbeit und Gruppen bis hin zur individuellen Beratung und Begleitung anbieten. Wenn wir gehen und die Menschen wenigstens für diesen Tag ein bisschen gestärkt sind, ist das schon sehr wichtig.

Mit Caritas und Diakonie stehen die Angebote einmal unter dem Dach der katholischen und einmal unter dem der evangelischen Kirche. Wie sieht Ihre Zusammenarbeit aus?

Nowotny: Dauerhaft!

Heintz: Genau. Wir stehen im regelmäßigen Austausch.

Nowotny: Wir versuchen, regelmäßig die Köpfe zusammenzustecken und einander mitzuteilen, wo wir jeweils stehen.

Heintz: Das ist ein Teil der Freude meiner Arbeit hier.

Nowotny: Dass das so gut funktioniert, hängt auch damit zusammen, dass wir gemeinsame Ziele haben. Dazu gehört die Projektarbeit für die genannte Themenreihe.

Bedeutet das auch, dass sie Klienten weiterverweisen untereinander?

Nowotny: Ja, das ist sehr wichtig. Das gilt für alle Institutionen hier. Wenn ich weiß, dass es einen anderen Anbieter in Hessisch Lichtenau gibt, ist es egal, ob er zur Caritas gehört oder nicht. Was zählt, ist, dass man einen Menschen an einen Ort verweisen kann, der in seiner Nähe ist und von dem ich weiß, dass dort engagierte Kollegen für ihn da sind. Das braucht es im ländlichen Raum ohne Wenn und Aber. Und das tun hier die meisten.

Heintz: Die Kollegen vom sozialpsychiatrischen Dienst des Kreises haben ein regelmäßiges Treffen für alle Beratungsdienste und Anbieter sozialer Arbeit ins Leben gerufen. Das ist super toll. Ich bin froh, dass wir so alle voneinander wissen. (Eden Sophie Rimbach)

Zu den Personen:

Matthias Heintz (58) ist Diplom-Pädagoge (Erziehungswissenschaften) und Systemischer Familientherapeut. Er ist verheiratet und hat zwei Söhne. Kontakt: Tel. 0 56 51/74 46 41, E-Mail: kasl-esw@diakonie-werra-meissner.de

Michael Nowotny (59) ist Diplomsozialpädagoge mit den Zusatzqualifikationen Theologie und Gemeinwesenarbeit. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder. Tel. 0 56 51/5 00 18, E-Mail: caritas.eschwege@caritas-kassel.de

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