„Eine Portion Wahnsinn gehört dazu“

Christoph Weidner aus Wichmannshausen hat Burg Gleichenstein gekauft

Burgherr auf Burg Gleichenstein ist Christoph Weidner, er saniert seit einigen Jahren die historische Burg mit viel Eigenleistung. Alle
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Burgherr auf Burg Gleichenstein ist Christoph Weidner, er saniert seit einigen Jahren die historische Burg mit viel Eigenleistung. Alle

Der Wichmannshäuser Christoph Weidner ist jetzt Burgherr. Auf Burg Gleichenstein will er eine Umweltschule einrichten. Vorher wird saniert.

Werra-Meißner – Der junge Mann ist nicht etwa adelig. Nein, als Sohn von Pfarrer Reinhard Weidner ist er in Wichmannshausen aufgewachsen, hat bei der Bundeswehr gedient, ist Fahrzeugmechatroniker und hat sich zum Umweltpädagogen ausbilden lassen. Ein ganz normaler Lebenslauf. Managern zu zeigen, wie man im Wald ohne alles überlebt, reichte ihm als Abenteuer irgendwann nicht mehr aus.

Von Vakanz der Burger bei Trauung erfahren

Bei seiner Trauung auf Schloss Rothestein nahe Bad Sooden-Allendorf erfuhr er, dass das Anwesen zum Verkauf stand. Das brachte ihn auf eine Idee: Burgherr zu werden und in den alten Gemäuern eine Umweltschule einzurichten. Der Kauf von Schloss Rothestein klappte nicht, dafür aber bei einer kleinen Burg in der Nähe. Burg Gleichenstein im Eichsfeldkreis, zehn Autominuten von Frieda entfernt in Thüringen, suchte 2017 ebenfalls einen neuen Besitzer. Ein spanischer Investor, der hier ein Hotel bauen wollte, war abgesprungen.

Damit begann das Abenteuer. Das heißt im Klartext: Viel Arbeit mit Motorsäge, Schaufel und Schubkarre. Die Burg musste komplett entrümpelt werden. Doch dann stellten sich auf dem Burghof erste archäologische Entdeckungen ein. „Ich habe aufgehört Pläne zu machen. Denn egal, was man sich vornimmt, die Burg ändert deine Pläne“, sagt der junge Burgherr.

Zu DDR-Zeiten war Burg Ferienlager der Post

Burg Gleichenstein, einst Velseck, steht auf einem Bergsporn. Obwohl es Vorgängerburgen gegeben haben muss, wird sie erstmals 1180 urkundlich fassbar. 1234 wurde sie zerstört, doch 1241 bis 1246 von Heinrich I. von Gleichen neu aufgebaut, nun unter dem Namen Gleichenstein. Ab 1294 bis 1802 gehörte die Burg für 500 Jahre zum Erzbistum Mainz als Amts- und Gerichtssitz der Kurmainzischen Verwaltung im Eichsfeld – mit einem erneuten Neubau nach dem 30-jährigen Krieg. „Interessant ist, dass die Broschüre zur 500-Jahrfeier einen Teil ausgelassen hat“, sagt Christoph Weidner. „Wir haben in Dorfarchiven und Ortschroniken recherchiert: Im Nationalsozialismus kaufte ein Major von Schutzbar von der Wehrmacht die Burg, und sie wurde 1932 zur SA-Kaderschule.“ Zu DDR-Zeiten war die Burg Ferienlager für Kinder des Post- und Fernmeldewesens.

Jede Nutzung hat Spuren hinterlassen. Der Niedergang begann erst nach 1988, mit den Folgen kämpft der junge Burgherr nun. 1994 erwarb ein Falkenzüchter das alte Gemäuer von der Treuhand und veranstaltete bis 2003 Vogelflugschauen. Anschließend wurden nur noch die Falken aufgezogen. Aber in der ganzen Burg. Im Obergeschoss des Verwaltungstraktes lebten die Vögel frei in den Räumen. „Ich kannte Atemmasken schon vor Corona“, sagt Christoph Weidner. „Unsere Aufgabe bestand erst einmal darin, den ganzen Vogeldreck, tote Ratten und Müll aus den Räumen zu entfernen. Jetzt ist die obere Etage bis auf den Zustand nach dem 30-jährigen Krieg entkernt, die alten Balken und Lehmwände wieder freigelegt.

Vergangenheit drängt mit Macht ans Licht

Moderne Anbauten aus dem 20. Jahrhundert möchte er nach Möglichkeit entfernen, um die Burg in den Zustand nach dem 30-jährigen Krieg zurückzuversetzen. „Da der Baubestand vor 1800 nicht gut dokumentiert ist, lassen wir im kommenden Jahr eine Bestandsanalyse durch Fachleute vornehmen“, sagt er. Die Vergangenheit drängt indes mit Macht ans Licht: Unter den Betonplatten aus DDR-Zeiten im Burghof kam ein Loch zum Vorschein – und entpuppte sich als mittelalterlicher Burgbrunnen, der gut 80 Meter in die Tiefe reicht. Gespannt ist der Burgherr, ob darin noch Gegenstände aus dem Mittelalter liegen. Nur das Brunnenhaus fehlt. Welche Leistung es ist, so tief in den Berg zu graben, hat er gerade erfahren: Damit es Wasser auf der Burg gibt, musste durch den Kalkstein ein 200 Meter tiefes Loch gebohrt werden – mit modernen Maschinen. Christoph Weidner lächelt: „Ein abgebrochener Bohrkopf steckt jetzt mitten im Berg.“

Wenige Meter daneben wurden Steinpackungen sichtbar, die das Fundament des Bergfrieds nachzeichnen. Zehn Meter im Durchmesser, 25 Meter hoch muss er gewesen sein. Im kommenden Jahr führen Archäologen eine Grabung durch. Und was in DDR-Zeiten als der „Rittersaal“ bezeichnet wurde, ist eher das Verwaltungsgebäude, während sich die Reste des Herrenhauses in oder unter den modernen Anbauten noch verbergen. Zu tun gibt es also noch genug. Aber Christoph Weidner ist ein Macher. „Wenn es ein Problem gibt, denke ich nicht über das Problem nach, sondern über die Lösung“, sagt er. Wenn er mit Motorsäge und Schnittschutzhose auf dem Gelände unterwegs ist, erkennen ihn die Besucher meistens nicht als Burgherrn. „Um dieses Projekt zu realisieren, gehört schon eine Portion Wahnsinn dazu“, sagen ihm viele.

Café, Konzerte und Lebensmittelmanufaktur

Was hat er vor auf der Burg? Eine Burg kauft man natürlich nicht einfach so. Christoph Weidner hat Investoren gefunden, die seine Vision unterstützen. An den Wochenenden kommen Ausflügler auf die Burg, auch aus dem Werra-Meißner-Kreis, Fahrradfahrer etwa. Ab dem kommenden Frühjahr soll es für sie ein Café mit einfacher Gastronomie geben. Den „Rittersaal“ möchte er als Ort für Feiern herrichten, mit Übernachtungsmöglichkeit im Obergeschoss. Mittelalterbands wie „Corvus Corax“ haben in diesem Sommer schon Konzerte gegeben. Zudem möchte er mit seiner Frau eine Lebensmittelmanufaktur auf der Burg ansiedeln, die mit Hanfprodukten arbeitet. Für eine Burgführung als Gruppe kann man Christoph Weidner kontaktieren (Tel: 0176/35 14 98 13). Sie gibt es gegen eine Spende für die Sanierung. (Kristin Weber)

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