Contergan-Film portraitiert Betroffene: Aufführung in Bad Sooden-Allendorf

Setzen sich für die Interessen von Contergan-Opfern ein: Iris Leidich-Röllke (von links), Fernando Rodríguez, Javier Almela, Alfonso Fernandez und Ana Salar. Foto: Cortis

Bad Sooden-Allendorf. Contergan - mit diesem Begriff ist einer der größten Medizin-Skandale der Bundesrepublik verbunden. Ein neuer Dokumentationsfilm portraitiert Opfer der schädlichen Arznei. Nun wurde der Streifen in Bad Sooden-Allendorf gezeigt - in der einzigen Contergan-Spezialklinik Deutschlands.

„Das ist heute ein Heimspiel für uns." Mit seinen verstümmelten Armen zieht Alfonso Fernandez ein Faltblatt aus seiner Mappe. „50 Jahre Schande" steht auf dem Flyer. Unter diesem Titel wird der Leidensweg jener Menschen beschrieben, die vor fünfzig und mehr Jahren mit schweren Missbildungen zur Welt kamen, nachdem die Mutter während der Schwangerschaft das Schlaf- und Beruhigungsmittel Contergan mit dem verhängnisvollen Wirkstoff Thalidomid eingenommen hatte.

Was in der breiten Öffentlichkeit weitgehend verdrängt oder in Vergessenheit geraten ist, war Ende der 1950er- und Anfang der 1960er Jahre der größte Pharmazie-Skandal aller Zeiten - und ist jetzt Thema des ersten Dokumentarfilms mit den Betroffenen.

„Wer seine Füße als Hände benutzen muss, hat mit 50 Jahren Knochen wie ein 80-Jähriger.“

Der 52-jährige Frankfurter Alfonso Fernandez ist Vorsitzender des Vereins Contergan-Geschädigter in Hessen. Am Dienstag kam er zur Filmvorführung in die Klinik Hoher Meißner nach Bad Sooden-Allendorf, die er erst wenige Tage zuvor als Reha-Patient verlassen hatte. Weil es hessenweit die einzige Spezialklinik für Contergan-Opfer ist, spricht Fernandez von einem „Heimspiel“. Zwei Tage zuvor feierte der Streifen Weltpremiere in Walldorf-Mörfelden.

Auch die Filmmacher kamen: Drei junge Spanier, Javier Almela, Fernando Rodríguez und Ana Salar, haben in Deutschland, Honduras und im eigenen Land gedreht, lassen Betroffene aus England, Dänemark und Österreich zu Wort kommen.

Der Film erzählt von verzweifelten Müttern, die sich mit Selbstvorwürfen quälen. Und von Eltern, die sich verschuldeten, um ihren gehandicapten Kindern ein lebenswertes Dasein zu ermöglichen. Und natürlich von erwachsenen Contergan-Kindern, ihren Nöten im Alltag und ihren Folgeschäden.

„Wer seine Füße als Hände benutzen muss, hat mit 50 Jahren Knochen wie ein 80-Jähriger“, sagt Iris Leidich-Röllke. Die 53-Jährige aus Pohlheim leidet: „Ich gehe mit Schmerzen ins Bett und stehe mit Schmerzen wieder auf. Der Rücken, die Gelenke, die Knochen - alles tut weh.“

Wütend macht sie, dass das Thalidomid-Präparat noch vertrieben wurde, als die verheerenden Auswirkungen bereits belegt waren. Vom Markt genommen, so der Vorwurf, wären viele Menschen von den Anomalien verschont geblieben. Den Vorwurf richtet sie an das Stollberger Pharmaunternehmen Grünenthal, das sich bis heute nicht zu einer Entschuldigung durchringen konnte, so Leidich-Röllke.

Die Geschädigten möchten nicht nur anklagen, sondern setzen sich auch für Rehabilitation und Integration der Betroffenen ein. Sie wollen an das Verantwortungsbewusstsein von Pharmaherstellen, Apothekern und Ärzten appellieren. Seit der Eröffnung der Contergan-Abteilung an der Klinik vor einem Jahr wurden dort laut Orthopädie-Chefärztin Dr. Petra Brückner siebzig Betroffene behandelt. (zcc) Hintergrund

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.