Ruf nach Gastronomie

Corona-Einschränkungen machen Kunden aggressiv - Viele zeigen aber auch Verständnis

Mit Schutzausrüstung ist der Besuch von Seniorenheimen seit gestern wieder erlaubt. Im Haus Kammersberg in Hessisch Lichtenau finden die Besuche aber vorerst weiter am Gartenzaun statt bis ein entsprechendes Konzept steht
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Mit Schutzausrüstung ist der Besuch von Seniorenheimen seit gestern wieder erlaubt. Im Haus Kammersberg in Hessisch Lichtenau finden die Besuche aber vorerst weiter am Gartenzaun statt bis ein entsprechendes Konzept steht

Bundesweit wird die Kritik an den strengen Corona-Regeln lauter – auch im Werra-Meißner-Kreis? Wir haben uns umgehört.

Samstag wollen sich wieder Impfkritiker auf Witzenhausens Marktplatz treffen. Wie in vielen Städten werden sie gegen die Auflagen angesichts der Corona-Krise protestieren. Wir haben nachgefragt, wie die Stimmung im Kreis ist. 

Die Kunden sind aggressiv, stellte der Inhaber einer Firma in Witzenhausen in den vergangenen Tagen fest. Vor drei Wochen seien sie deutlich freundlicher im Umgang gewesen. „Die Menschen haben vergessen, dass es Corona gibt“, dabei habe es der Kreis bisher bei den Zahlen der Infizierten gut getroffen. 

„Alle sind schneller reizbar aufgrund der aktuellen Situation“, sagt Valerie Schramm. Muss die Leiterin der Kita Forellenfänger in Fürstenhagen die Frage verneinen, ob der Beruf der Eltern als systemrelevant eingestuft ist und ihr Kind in die Notbetreuung darf, bekommt sie oft den Frust darüber ab. „Man hat die Auskunft gegeben, also ist man auch schuld.“ Von einem ängstlichen Schritt zurück bis hin zu der Annahme, man habe als Erzieher aktuell nichts zu tun, reichten die Reaktionen, erzählt Kollegin Karina Kördel. „Es ist aber alles gerade doppelt so anstrengend“, berichtet Schramm von anfänglicher Unsicherheit bei den Kollegen, Ängsten der Kinder, mehrfachen Änderungen der Richtlinien sowie der Unmöglichkeit, das Kita-Jahr zu planen. 

Ruhig ist es hingegen im ÖPNV. In einem am Witzenhäuser Bahnhof vorbeifahrenden Bus tragen alle Fahrgäste Mund-Nasen-Schutz. Ein weiterer Bus ist leer, wartet, bis es losgeht. Fahrer Frank Reetze sagt, dass es relativ ruhig ist und sich die wenigen Fahrgäste an die Maskenpflicht halten. Wenn er doch einmal jemanden auf die Pflicht hinweisen muss, wird die Maske sofort hochgezogen. Auch eine Mitarbeiterin der Deutschen Bahn hat noch keine besondere Aggressivität bemerkt. Allerdings seien auch hier die Fahrten sehr verhalten – immerhin finden keine Uni und nur wenig Präsenz-Unterricht in der Schule statt. Privatfahrten gebe es kaum. „Ich hätte gern mehr zu tun.“ 

Bei den Abiturienten der Rhenanusschule in Bad Sooden-Allendorf ist die Stimmung gemischt. Sie seien enttäuscht, dass ihre Schulzeit so enden müsse – ohne Mottowoche, Abistreich, -ball und -feiern, sagt Hendric Woltmann. „Wir werden jetzt umso kreativer bei der Abizeitung.“ Sie stünden aber voll hinter den Maßnahmen und hätten Verständnis für die Einschränkungen. Zudem sei jetzt genügend Zeit, sich auf die mündlichen Prüfungen vorzubereiten.

Zahl der Polizeieinsätze bleibt überschaubar

Im Werra-Meißner-Kreis werden laut der Polizeisprecher Jörg Künstler und Alexander Först nur vereinzelte Verstöße gegen Abstandsregeln festgestellt, die Maskenpflicht werde eingehalten. Beamte fahren derzeit vermehrt Streife in Innenstädten und an beliebten Treffpunkten. Das Gerücht, dass es in Witzenhausen sehr viele Verstöße gebe, können die Polizisten nicht bestätigen. Die meisten Menschen zeigten sich bei Ansprache einsichtig, Sanktionen seien meist unnötig.

Seniorenheim: Öffnung für Besucher zu früh

Sehr erschrocken ist man beim Seniorenwohn- und Pflegezentrum Haus Kammersberg in Hessisch Lichtenau darüber, dass seit gestern bereits wieder Besucher in Seniorenheimen erlaubt sind. „Wir haben hier ein gefährdetes Klientel und sollen das Haus öffnen – das passt für uns nicht zusammen“, sagen Einrichtungsleiterin Stefanie Frese und Susanne Werkmeister, stellvertretende Pflegedienstleiterin. Ihr Haus ist derzeit noch nicht für Besucher geöffnet. Zunächst müsse ein Konzept erarbeitet werden. Zudem gebe es ein logistisches Problem: „Die Schutzausrüstung, die wir für die Besucher vorhalten müssen, haben wir nicht.“ 

Auch, weil die Möglichkeit besteht, die Bewohner über den Gartenzaun zu sehen, sei die Stimmung aber nach wie vor gut. „Die Bewohner halten uns bei Laune und umgekehrt.“

Verständnis, aber auch Kritik für aktuelle Einschränkungen

Viel Verständnis für die Einschränkungen in der Corona-Pandemie zeigen die Menschen in der Badestadt, aber es gibt auch Kritik – das ergab gestern eine nicht repräsentative Umfrage vor Ort. Einhellig war der Ruf nach der Gastronomie.

„Ich nehme das so hin. Denn man sieht ja, dass die Infektionen rückläufig sind“, sagte Andrea Friederich im Supermarkt. Die 55-Jährige gehört als MS-Patientin zur so bezeichneten Risikogruppe und hat daher weniger Verständnis dafür, dass wieder kurzzeitige Besuche in Seniorenheimen gestattet sind. Trotz strenger Regeln sei die Ansteckungsgefahr einfach zu hoch. Andererseits findet sie, dass die gastronomischen Betriebe „langsam wieder aufmachen sollten“. Man müsse ja „nicht im Pulk“ in die Lokale einfallen.

Vorwiegend einverstanden mit den staatlichen Maßnahmen ist Rentner Helmut Goldmann, sagt aber: „Wir müssen mal an die Wirte denken. Denen geht einiges flöten.“ Deshalb sollten die Gaststätten und Restaurants „unter bestimmten Auflagen“ wieder öffnen dürfen. „Nicht gut“ findet Goldmann, dass „einzelne Bundesländer ihr eigenes Ding“ machten. Für sich selbst bedauert er, dass er derzeit seine Kegelbrüder nicht mehr treffen darf und die Übungsstunden des örtlichen Männerchores „flachfallen“.

Eine Lanze für die Gastwirte bricht auch Klaus Axt. Zumindest die Außengastronomie müsse wieder möglich sein, weil genug Platz sei, die Abstandsregeln einzuhalten, ist der 60-Jährige überzeugt. Aufgrund der Infektionszahlen, die aktuell gut aussähen „muss auch im touristischen Bereich wieder was passieren“. Der Fußballfan und einst langjährige Torhüter des heimischen Clubs hält es für richtig, dass die Bundesligen die Saison beenden können, wenn alle Kicker auf das Virus untersucht werden und keiner infiziert ist. Bezahlen müssten diese Tests die Vereine. Von Geisterspielen hält Axt allerdings nichts.

Sie finde es „sehr schlimm, dass das Virus überhaupt reingekommen ist“. Offenbar sei das Land „nicht richtig geschützt worden“, richtet die Hausfrau Bärbel Gorny Vorwürfe an die Politik. Kontaktsperren, gesteht sie, müssten wohl sein. Viele Menschen hätten aber Probleme damit. „Sehr schlecht“ sei, dass die Gastronomie nicht wieder öffnen dürfe: „Die macht hohe Verluste.“ Wiederholt habe sie versucht, per Telefon oder E-Mail die Bundeskanzlerin zu erreichen – ohne Erfolg: „Es wäre gut, wenn Frau Merkel mal hierher käme.“

Einkaufen dauert zwar etwas länger mit den Einschränkungen wegen der Corona-Pandemie, a ber insgesamt sei alles gut machbar, findet Herbert Brill aus Hessisch Lichtenau.

Auch in Hessisch Lichtenau kommen die Menschen gut mit den coronabedingten Auflagen zurecht. Einkaufen mit Maske ist für Herbert Brill aus Hessisch Lichtenau kein Problem: „Die Brille beschlägt zwar und da alle mit Maske wie vermummt sind, erkennt man keinen mehr, aber sonst ist es aber in Ordnung.“ Auch mit der begrenzten Zahl an Einkaufswagen und damit Personen, die ins Geschäft dürfen, hat er kein Problem. „Bei Edeka bekommt man den Wagen desinfiziert, das finde ich richtig gut.“ Ganz begeistert ist Brill von einem Waschautomaten für Einkaufswagen, den er kürzlich in Kassel gesehen hatte. „So was könnten eigentlich alle haben.“

Als viel zu spät kritisiert eine Frau nach ihrem Einkauf im Supermarkt die Maskenpflicht in Hessen. „Das hätten sie gleich am Anfang mit machen müssen, als die Lage noch kritisch war.“ Zudem bemängelt sie, dass viele Menschen durch die Maske nicht mehr an den Abstand denken würden. Ihren Namen wollte sie nicht nennen, da die Leute auch so schon genug reden würden. Durch Corona seien viele gestresst und unfreundlich.

Dass die Leute unfreundlich durch Corona würden, konnte eine andere Besucherin im Steinwegcenter nicht bestätigen. Einigen ihrer Bekannten würde die Decke auf den Kopf fallen, weil sie nicht rauskönnten. Ihr gehe es aber nicht so: „Im Vergleich mit anderen Ländern wie Italien haben wir richtig Glück, weil wir noch raus in die Natur dürfen.“

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