Interview über die Kommunalpolitik

„Demokratie braucht Demokraten“ - Kreistagsvorsitzender Dieter Franz tritt in Ruhestand

Zeit für die Familie: Dieter Franz gibt nach zehn Jahren den Vorsitz des Kreistages des Werra-Meißner-Kreises ab und freut sich darauf, mehr Zeit mit seiner Frau, Heidi Franz, seinen Kindern und den Enkeln verbringen zu können.
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Zeit für die Familie: Dieter Franz gibt nach zehn Jahren den Vorsitz des Kreistages des Werra-Meißner-Kreises ab und freut sich darauf, mehr Zeit mit seiner Frau, Heidi Franz, seinen Kindern und den Enkeln verbringen zu können.

Für Dieter Franz sind es die letzten Wochen als Vorsitzender des Kreistages im Werra-Meißner-Kreis. Am Freitag hat er zum letzten Mal die Sitzung geleitet. Ein Interview.

Werra-Meißner - Wir sprachen mit dem 69-Jährigen über seinen Abschied, seine Freizeitpläne und über besondere Erinnerungen, die er aus seiner Zeit als Kommunalpolitiker mitnehmen wird.

Herr Franz, vor zwei Jahren haben Sie den Rückzug angekündigt. Wie geht es Ihnen jetzt mit dieser Entscheidung?

Das war ganz bewusst geplant. In anderen Funktionen habe ich es schon vollzogen. Zum Beispiel nach 28 Jahren als Vorsitzender der SPD in Germerode bereits im Jahr 2008. Ich wollte und will Platz für jüngere Leute machen, damit sie nach vorne treten können. Die Nachfolger machen das übrigens sehr erfolgreich. Für den Landtag habe ich frühzeitig Karina Fissmann den Weg geebnet. Jetzt war der Kreistag dran. Und deshalb geht es mir mit der Entscheidung gut. Außerdem will ich mehr Zeit für mich selbst haben.

Sie verabschieden sich also ganz aus der Politik, oder kommt in Zukunft ein politisches Amt zum Beispiel in der Gemeindevertretung noch mal für Sie in Frage?

Ich will keine Funktion übernehmen, in der ich terminlich gebunden bin. Denn das ist einer der Gründe, weshalb ich jetzt aufhöre. Wenn ich alles zusammen addiere, dann habe ich 44 Jahre Kommunalpolitik gemacht. Ich glaube, das ist dann auch gut.

Wie sehen Ihre Freizeitpläne aus?

In der Freizeit will ich mich mehr um meine Familie kümmern, um das, was in den Jahrzehnten zuvor massiv ins Hintertreffen geraten ist. Und ich will mehr Sport treiben. Das ein oder andere gesundheitliche Problem ist inzwischen zum Vorschein gekommen und da möchte ich gegensteuern.

Wenn Sie zurückblicken: Wie hat sich die Arbeit im Kreistag verändert?

Die Themen sind immer andere. Aber auch der gesellschaftliche Wandel beeinflusst die politische Arbeit. Die Menschen sind nicht mehr so lange und kontinuierlich in einem Parlament. Dafür ist die Anzahl der Frauen gestiegen.

Woran liegt es, dass die Menschen nicht mehr so lange dabei sind?

Die Begleitumstände haben sich geändert. Heute sind junge Familien arbeitsmäßig stark gebunden. Dazu dann ein Ehrenamt? Das ist oftmals ein Problem.

Was müsste sich ändern?

Ändern muss sich die Einstellung von Arbeitgebern – auch im öffentlichen Dienst – zu politischem Engagement. Viele sind nicht begeistert, weil ihnen dann die Leute im Betrieb fehlen. Aber natürlich können auch die Sitzungen gestrafft werden. Da sind wir coronabedingt auf einem guten Weg. Die Kombination von Video- und Telefonkonferenzen mit Präsenzterminen wird sicher beibehalten werden und das spart Wegezeit.

Was waren Ihre schönsten Erlebnisse in der Kommunalpolitik?

Für mich war die schönste Zeit 1989 und 1990: Grenzöffnung und Wiedervereinigung. Das sind Erlebnisse, die mir immer in Erinnerung bleiben werden. Ich kann mich an die erste gemeinsame Veranstaltung auf der Wartburg im Wappensaal entsinnen. Das war eine bewegende Situation und eine spannende Zeit.

Nach so langer Zeit der Trennung muss man sich auch erst mal zusammenraufen. Wie war das?

Ja, aber das ging relativ schnell. Die alten haben den neuen Bundesländern beim Aufbau der Demokratie und den politischen Parteien geholfen. So auch wir, die Parteien im Kreis und unsere Nachbarn in Thüringen. Das war eine spannende Geschichte. Auch wenn man erlebt hat, wie teilweise die Lebensplanung der damaligen DDR-Bürger mit einem Schlag weg war. Das war heftig. In den Augen der Menschen sah man Fragen: Was passiert jetzt mit uns, was mit meinem Arbeitsplatz?

Das Leben wird durch demokratische Prozesse gelenkt: Was wird in Zukunft auf Kreisebene wichtig?

Der Kreis versucht, die Familienfreundlichkeit in den Vordergrund zu stellen. Das halte ich für absolut notwendig. Auch die Bemühungen der Gemeinden, neue Baugebiete zu erschließen, werden sehr gut angenommen. Es gibt einen durch Corona bedingten Trend: Wenn die digitale Möglichkeit besteht, von zu Hause zu arbeiten, dann tun das die Menschen. Hier im Werra-Meißner-Kreis geht das relativ gut, auch weil noch günstig ein Häuschen gebaut werden kann.

Einigkeit oder Diskurs – was ist wichtiger für eine Entscheidung?

Die Grundlage jeder Entscheidung sollte ein offener Diskurs sein, in dem alle Varianten durchgespielt werden. Daher werden auch alle relevanten Gruppen angehört. Daraus entwickeln die Abgeordneten ihre politische Meinung, die sie im Parlament vertreten. Aber irgendwann muss eben eine Entscheidung getroffen werden und zu der muss man dann auch stehen. Das macht die Demokratie aus. Ansonsten würde es sich immer mehr zerfleddern.

Die ehrenamtlichen Politiker im Kreis ernten immer wieder Kritik für die Entscheidungsfindung – was halten Sie davon?

Während im Parlament um die richtige Entscheidung gerungen wird, sitzen viele nur noch auf der Tribüne und geben Kommentare ab. Das ist eine Entwicklung, die ich mit großer Sorge betrachte. Denn Demokratie funktioniert nur, wenn es auch Demokraten gibt, die sich vor Ort in den Parlamenten einsetzen. Doch die Mandate, die Verantwortung und Verpflichtung bedeuten, vor denen scheuen viele zurück.

Was wünschen Sie sich in Zukunft für die Politik im Kreis?

Demokratie braucht Demokraten. Es ist wichtig, die politische Präsenz überall zu gewährleisten. Außerdem müssen die Menschen wieder Spaß daran haben, sich für die Demokratie einzusetzen. (Hanna Maiterth)

Zur Person

Der gebürtige Germeröder (Gemeinde Meißner) Dieter Franz (69) wohnt inzwischen seit 15 Jahren im Wehretaler Ortsteil Reichensachsen. Franz ist 1977 in die Kommunalpolitik gegangen. 18 Jahre lang engagierte er sich in der Gemeinde Meißner als Ortsbeirat, Fraktionsvorsitzender in der Gemeindevertretung und als Erster Beigeordneter.

Sein Engagement im Kreistag begann vor 32 Jahren (1989). Zehn Jahre später, ab 1999, wurde er dann als Abgeordneter in den Landtag abgesandt, wo er insgesamt 15 Jahre vertreten war: zuerst bis 2003 und dann von 2008 bis 2019. Parallel zum Amt als Landtagsabgeordneter übernahm er dann ab 2011 den Vorsitz des Kreistages im Werra-Meißner-Kreis. Franz ist in zweiter Ehe verheiratet. Er hat drei erwachsene Kinder und acht Enkelkinder. 

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