Demokratie ist nicht selbstverständlich

Daniel Schindewolf hilft dem Kreis bei Extremismusprävention

Daniel Schindewolf stärkt mit seiner Arbeit die Demokratie im Werra-Meißner-Kreis und versucht präventiv gegen Extremismus und Radikalisierung vorzugehen.
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Daniel Schindewolf stärkt mit seiner Arbeit die Demokratie im Werra-Meißner-Kreis und versucht präventiv gegen Extremismus und Radikalisierung vorzugehen.

Im Werra-Meißner-Kreis gibt es jetzt mit Daniel Schindewolf einen Experten für Extremismusprävention.

Werra-Meißner – Daniel Schindewolf ist Bildungsreferent für den Werra-Meißner-Kreis. Seit 1. Dezember wurde zusätzlich die Fach- und Beratungsstelle zur Demokratieförderung und Extremismusprävention (DEXT) eingerichtet, die Schindewolf betreut. Finanziert wird sie aus Mitteln des Landesprogramms „Hessen aktiv für Demokratie und gegen Extremismus“ und durch den Kreis.

Im Interview mit unserer Zeitung spricht er über seine zehnjährige Erfahrung als Schul-Sozialarbeiter, die aktuelle Lage im Werra-Meißner-Kreis und die derzeitige Protestkultur.

Zehn Jahre Sozialarbeit an Gesamtschulen – jetzt Extremismusprävention für den Kreis: Das liegt auf den ersten Blick weit auseinander. Wie hat Sie diese Zeit auf Ihren neuen Posten vorbereitet?

Auf den ersten Blick liegt das vielleicht weit auseinander, dennoch gibt es Gemeinsamkeiten. Hierzu zählt beispielsweise die Beratungstätigkeit. Hier hat sich nur etwas der Schwerpunkt verändert. Ich bin nun für Privatpersonen, aber auch Behörden und Vereine ansprechbar, wenn sie Bedarfe im Kontext des Extremismus haben.

Wann genau ist das der Fall?

Wenn beispielsweise Sorge besteht, dass sich Jugendliche in die eine oder andere Weise radikalisieren oder es konkrete Vorfälle gibt. Wenn in einer Schule zum Beispiel ein Hakenkreuz irgendwo hingemalt wurde, aber der Schüler gar nicht so richtig weiß, was das eigentlich bedeutet. Hier gibt es die Möglichkeit, mich bei der Aufarbeitung zur Unterstützung miteinzubeziehen.

Worin ähneln sich die zwei Arbeitsfelder noch?

Weitere Gemeinsamkeiten sind die Gremienarbeit sowie Gruppenangebote. Bei Letzterem lag der Fokus in der Schule vor allem auf Entwicklung von Medienkompetenz und auch hier kann man den Bogen leicht zur Extremismusprävention schließen. Fake News und nicht-demokratische Inhalte werden häufig über Social Media geteilt und häufig unreflektiert verbreitet.

Also liegen Cybermobbing und Extremismus näher beieinander, als man denkt?

Ich würde da noch einen Schritt zurückgehen. Jugendliche bei der Entwicklung eines reflektierten und qualifizierten Umgangs mit den sozialen Netzwerken zu unterstützen, ist eine zentrale Aufgabe der neuen Stelle. Es geht auch darum, dass man sich im Idealfall schon beim Teilen eines Bildes oder Textes im Internet fragt: Darf ich das eigentlich und welche Folgen könnte das dann für die Person haben? Schüler gehen da eher unbedarft an die Sache heran, was manchmal gravierende Konsequenzen haben kann. Dies gilt für Cybermobbing und auch extremistische Äußerungen im Netz gleichermaßen.

Ist dabei nicht auch wichtig, die Quellen der Inhalte zu hinterfragen?

Natürlich. Quellen kritisch zu hinterfragen, ist einfach sehr wichtig in Zeiten, in denen jeder Inhalte verbreiten kann. Wie verlässlich sind die Informationen? Woher stammen sie genau? Lassen sie sich überprüfen? Gibt es andere, widersprüchliche Informationen?

Gab es in Ihrer Zeit als Sozialarbeiter an der Schule einen besonderen Fall, der Sie sprachlos gemacht hat?

Was ich sehr erschreckend fand, war, als ein Schüler aus Bayern hier in den Werra-Meißner-Kreis gezogen ist – und früher etwas im Bereich Cybermobbing erlebt hat – dass diese Inhalte dann auch Ruck-Zuck hier aufgetaucht sind. Dadurch wurde mir sehr bewusst, wie klein die Welt durch Social Media geworden ist.

Dies ist ein Beispiel, das verdeutlich, dass das Internet nichts vergisst. Und für die betroffenen Schüler wäre es definitiv schön gewesen, wenn das Internet einfach mal vergessen würde.

Wie sind Sie in solchen Fällen vorgegangen?

Wir haben da zusammen mit der Schul- und Klassenleitung frühzeitig interveniert, sind mit der Klasse in die Diskussion gegangen und haben versucht, die Mitschüler der Klasse davon zu überzeugen, dass sie sich ein eigenes Bild von der Person machen sollen. Wir haben sie darin bestärkt, nicht mit dem Strom zu schwimmen, egal was andere über diese Person gesagt oder verbreitet haben. In diesem Fall hat das sehr gut funktioniert.

Wie sieht die pro-aktive Arbeit Ihrer Fach- und Beratungsstelle zur Extremismusprävention aus?

Es gibt ein breites Angebot an schulischen Workshops zur Demokratieförderung von Schulen. Dies beginnt bei der Frage: Worin liegt der Mehrwert der Demokratie? Wir wachsen alle mit der Demokratie auf und nehmen sie in gewisser Weise als selbstverständlich wahr. Dazu sind einige Workshops geplant. Ein Aspekt dabei ist, dass Demokratie nicht nur aus Wahlen besteht und es viele Möglichkeiten der Einflussnahme gibt. Aber auch zur Reflexion der eigenen Normen und Werte gibt es Workshops. Also welche Vorurteile habe ich? Wie gehen wir mit Minderheiten um?

Welche Herausforderungen sehen Sie speziell für den Werra-Meißner-Kreis, was den Extremismus betrifft?

Zunächst bin ich sehr erfreut darüber, dass hier kaum rechts- oder linksextreme Gruppierungen öffentlichkeitswirksam auftreten. Wir dürfen aber deshalb nicht glauben, dass es hier keinen Rassismus oder anti-demokratisches Gedankengut gibt. Wir leben nicht auf einer Insel. (Alltags-)Rassismus sowie Diskriminierung gibt es natürlich auch hier im Werra-Meißner-Kreis und wie die Corona-Pandemie zeigt, gibt es auch viele, die an Verschwörungen jenseits des demokratischen Systems glauben. Hier müssen wir einfach wachsam sein und uns aktiv für die Demokratie und gegen Menschenverachtung einsetzen.

Die meisten Menschen nehmen sich ja nicht grundlegend vor, extremistisch und in diesem Zuge auch gewalttätig zu handeln. Woran liegt es, dass es doch immer wieder vorkommt?

Extremismus und Radikalisierung findet heute vor allem in den sozialen Medien statt. Jeder für sich zuhause mit seinem Laptop oder Smartphone. Das wäre vor 30 Jahren nicht möglich gewesen. Zusätzlich nimmt in meinen Augen die Protestkultur an Gewalt und Vehemenz generell zu. Nicht nur Politikern wird gedroht, sondern auch ihren Familien. Der Mord an dem Regierungspräsidenten Dr. Walter Lübke hat gezeigt, dass es manchmal auch nicht nur bei Worten bleibt. Dies ist völlig inakzeptabel und macht mich fassungslos. Es gibt gewählte Volksvertreter und diesen muss man auch einfach zugestehen, bestimmte Entscheidungen zu treffen. Wenn man damit nicht einverstanden ist, plädiere ich für eine gewaltfreie Meinungsäußerung, gern auch in kreativer Protestform.

Waren Sie selbst schon für eine Sache auf der Straße?

Zu Studienzeiten war ich auf einigen Demonstrationen zum Thema Studiengebühren. Dafür habe ich Unterschriften im Rahmen einer Petition gesammelt. Und ich freue mich, wenn Menschen gewaltfrei demonstrieren und sich für eine Sache einsetzen, denn nur so kann eine lebendige Demokratie funktionieren. (waq)

Kontakt: Daniel Schindewolf Tel. 0 56 51/30 21 45 4 oder E-Mail: Daniel.Schindewolf@Werra-Meissner-Kreis.de

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