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Im Blickpunkt: Die „Jahreswesen“ 2023 sind gekürt

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Von: Emily Spanel

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Mit der Wahl der Kleinen Braunelle zur Blume des Jahres 2023 möchte die Loki-Schmidt-Stiftung aus Hamburg auf den schleichenden Verlust heimischer Wildpflanzen aufmerksam machen.
Mit der Wahl der Kleinen Braunelle zur Blume des Jahres 2023 möchte die Loki-Schmidt-Stiftung aus Hamburg auf den schleichenden Verlust heimischer Wildpflanzen aufmerksam machen. © Foto: Julian Denstorf/NH

Naturschutzstiftungen und -vereine sorgen sich um bedrohte Tier-, Pilz- und Pflanzenarten und küren Jahreswesen. Einige dieser Jahreswesen 2023 stellt Naturschützer Dr. Jörg Brauneis aus Eschwege im Detail vor.

Um auf bedrohte Arten aufmerksam zu machen, werden in jedem Jahr Tiere, Pilze und Pflanzen gekürt, deren Lebensräume und Nahrungsquellen auch im Werra-Meißner-Kreis schwinden. Doch es gibt auch Positives zu berichten, weiß Dr. Jörg Brauneis.

Die Blume des Jahres

Mit der Wahl der Kleinen Braunelle (Prunella vulgaris) zur 44. Blume des Jahres möchte die Loki-Schmidt-Stiftung aus Hamburg auf den schleichenden Verlust heimischer Wildpflanzen aufmerksam machen und zum Erhalt artenreicher Grünflächen aufrufen. Die Kleine Braunelle gehört zur Familie der Lippenblütler (Lamiaceae) und wächst auf Wiesen und Weiden, an Wegrändern und in den Rasen unserer Gärten. Mit einer Größe von fünf bis 25 Zentimetern ist sie eine eher kleine Pflanze. Sie bildet oberirdische Ausläufer, mit denen sie sich in ihrer Umgebung ausbreitet. Die vielen kleinen blauvioletten Einzelblüten, die dicht gedrängt in einem Blütenstand am Ende des Sprosses sitzen, bieten während der Blütezeit von Juni bis Oktober Nektar und Pollen für Hummeln und Wildbienen sowie mindestens 18 verschiedene Schmetterlingsarten.

Die Kleine Braunelle ist eine robuste Pflanze, die ähnlich wie das Gänseblümchen in einem (nicht zu oft) gemähten Rasen überleben kann. Sie toleriert auch Fraß und Tritt durch Weidevieh. Dennoch nehmen die Bestände auch dieser Allerweltsart in vielen Regionen Deutschlands stark ab. Durch zu häufiges Mähen der Rasenflächen und Wiesen in Gärten und Parks und durch das ständige Mulchen der Wegränder hat die Pflanze nicht genug Zeit, um zu blühen und Samen zu bilden. Auch die immer noch viel zu weitverbreitete Unkrautbekämpfung mit Herbiziden führt zu einem Rückgang der Kleinen Braunelle und anderer Wildpflanzen.

Auch auf kleinen Flächen, im Hausgarten, zwischen Wohngebäuden oder an Wegrändern kann man einen Beitrag für den Artenschutz leisten, indem man seltener mäht und auf den Einsatz von Düngemitteln und Herbiziden ganz verzichtet. Einfach mehr Unordnung (= Natur) im Garten zulassen und dem Mähroboter immer wieder mal einige Ruhetage in der Garage gönnen.

Der Baum des Jahres

Der Verein „Baum des Jahres“ hat die Moorbirke (Betula pubescens) zum Baum des Jahres ausgerufen. Kaum eine Baumart ist so bekannt wie die Birke. Ihre auffällige, glatte, weiße Rinde hat die Menschen immer schon ebenso fasziniert wie das im April erscheinende, hellgrüne Frühlingslaub. Die Birke gilt daher als Sinnbild des Frühlings. Als Schmuck bei kirchlichen Festtagen sind frische Birkenzweige, auch Maien genannt, ebenso beliebt wie bei weltlichen Festen. Ein Beispiel ist der Eschweger Maienzug zum Johannisfest.

Vielen Menschen ist es aber unbekannt, dass es in Mitteleuropa zwei Birkenarten gibt. Die viel häufigere Hängebirke (Betula pendula), auch Sand- oder Weißbirke genannt, und die in unserer Region deutlich seltenere Moorbirke (Betula pubescens).

Das natürliche, ursprüngliche Verbreitungsgebiet der Moorbirke reicht von der Südspitze Grönlands über Island durch ganz Europa und Asien bis an die russische Pazifikküste. Heute sind die natürlichen Vorkommen der Moorbirke auf unwirtliche, kalt-feuchte Standorte wie zum Beispiel die Felsblockhalden der Mittelgebirge beschränkt. Typisch für unsere Region sind die auf den Basaltblockmeeren am Hohen Meißner wachsenden Moorbirken, zum Beispiel an der Kalbe oder an den Teufelslöchern. Hier ist es eine Unterart der Moorbirke, die Karpatenbirke, die gemeinsam mit der Eberesche den an Moosen und Farnen reichen Karpatenbirken-Ebereschen-Blockwald bildet. Moorbirken wachsen im Kaufunger Wald zum Beispiel im oberen Niestetal und am Giesenberg, sowie auf dem Hühnerfeld– Moor, das schon in Niedersachsen liegt.

Leider sind in Deutschland schon über 90 Prozent aller ursprünglichen Moore bereits entwässert worden, um landwirtschaftliche Nutzfläche zu gewinnen. Daher sind Moorbirkenwälder auf Moorstandorten bundesweit gesetzlich geschützt. Inzwischen ist erkannt, dass das Trockenlegen der Moore nicht nur einen enormen Verlust an Artenvielfalt bedeutet, sondern auch den Klimawandel beschleunigt, wenn aus den sich nach Trockenlegung zersetzenden Torfschichten große Mengen an Treibhausgasen frei werden. Deshalb bemühen sich Naturschutzverbände und -behörden aktiv um die Wiedervernässung ehemals entwässerter Moorflächen. Ein Beispiel sind die Bemühungen des Forstamts Hessisch Lichtenau um die Revitalisierung des Quellmoors bei Hirschhagen.

Der Fisch des Jahres

Der Flussbarsch wurde vom Deutschen Angelfischerverband gemeinsam mit dem Verband Deutscher Sporttaucher und der Gesellschaft für Ichthyologie zum Fisch des Jahres 2023 gewählt. Der Flussbarsch ist eine in Fließ- und Stillgewässern in Eurasien weitverbreitete Art, die nur geringe Ansprüche an die Struktur und Qualität ihrer Umgebung stellt. Barsche besiedeln daher auch schnell neu entstandene Gewässer wie Baggerseen oder Tagebaurestlöcher. Der Flussbarsch ist einer der farbenfroheren Fischarten in unseren Gewässern.

Stellvertretend steht der Flussbarsch für die allgemeine Gefährdung unserer Fischfauna, was zunehmend auch die häufigeren Arten betrifft. Die extremen Dürreperioden der letzten Jahre haben viele kleinere Bäche und Teiche austrocknen lassen, Phasen mit viel zu hohen Wassertemperaturen und dadurch bedingtem Sauerstoffmangel werden häufiger.

Insbesondere über die Dokumentation des Vorkommens häufiger und auch von Laien gut bestimmbarer Arten wie dem Flussbarsch können wichtige Daten zum Biodiversitätswandel erhoben werden.

Vogel, Wildtier, Schmetterling und Co.: Das sind die weiteren Jahreswesen 2023

.Vogel des Jahres: das Braunkehlchen

Wildtier des Jahres: der Gartenschläfer

Lurch des Jahres: der Kleine Wasserfrosch

Insekt des Jahres: das Landkärtchen

Schmetterling des Jahres: das Ampfer-Grünwidderchen

Einzeller des Jahres: das Grüne Gallertkugeltierchen

Höhlentier des Jahres: der Feuersalamander

Orchidee des Jahres: das Herzblättrige Zweiblatt

Pilz des Jahres: der Sumpf-Haubenpilz

Flechte des Jahres: die Falsche Rentierflechte

Moos des Jahres: das Geneigte Spiralzahnmoos

Gemüse des Jahres: die Rote Bete

Heilpflanze des Jahres: die Weinrebe

Staude des Jahres: die Indianernessel/Monarde

Boden des Jahres: der Ackerboden

Flusslandschaft: die Weiße Elster

Von Emily Hartmann

Auch der Flussbarsch kommt in heimischen Gewässern vor – unser Bild stammt aus der Eder.
Auch der Flussbarsch kommt in heimischen Gewässern vor – unser Bild stammt aus der Eder. © privat/nh
Typisch für unsere Region sind die auf den Basaltblockmeeren am Hohen Meißner wachsenden Moorbirken.
Typisch für unsere Region sind die auf den Basaltblockmeeren am Hohen Meißner wachsenden Moorbirken. © Marco Lenarduzzi/nh

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