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Die einzigartige Flora und Fauna des Ringgaus ist in Gefahr

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Seltenheit: Der Schwarzstorch, der auch in den Wäldern des Ringgaus heimisch ist, ist ein reiner Waldbewohner.
Seltenheit: Der Schwarzstorch, der auch in den Wäldern des Ringgaus heimisch ist, ist ein reiner Waldbewohner. © Carl-Heinz Greim

Der Ringgau gehört zu den schönsten Landschaften Nordhessens, in der man die Weite des Hochplateaus und auch die dunkle Stille der Buchenwälder erleben kann. Windkraft und Stromtrassen drohen, dieses verwunschene Fleckchen Erde mit seiner ungeheuren Vielfalt an Pflanzen und Tieren zu zerstören.

Ringgau – Der Ringgau ist eine alte Kulturlandschaft. Die Menschen, die in dieser kargen Landschaft leben und seit Jahrhunderten die steinigen, flachgründigen und schwer zu bearbeitenden Böden bewirtschaften, sind zurückhaltend, wirken manchmal sogar abweisend. Der Schriftsteller Siegfried Lenz hat dieser an nebeligen und grauen Wintertagen fast melancholisch wirkenden Landschaft in seiner Erzählung „Die Ringgauer Wurstprobe“ ein Denkmal gesetzt.

Das breite Trogtal der Flüsschen Netra und der Ifta trennt den kleineren, nördlichen Ringgau von der Masse des südlichen Hochplateaus ab. Dieses um 450 m über NN hohe Muschelkalkplateau des Ringgaus ist fast waldfrei. Der nördliche Ringgau vom Schieferstein bis zum Heldrastein ist hingegen fast vollständig von dichten Laubmischwäldern bedeckt.

Urwaldcharakter

Hell leuchten zahlreiche Muschelkalkfelswände und Felsabstürze, aus dem tiefen Grün der steil zu den Bundsteinsteinbergen des Schlierbachswald und Richtung Werratal abfallenden Wälder hervor. Besonders an diesen Steilhängen haben sich Buchenwälder von fast urwaldartigem Charakter mit einer einzigartigen Tier- und Pflanzenwelt erhalten.

Schutz für seltene Welt

Die Notwendigkeit des Schutzes dieser besonderen Landschaft wurde schon früh erkannt, und so wurden schon vor Jahrzehnten im nördlichen Ringgau zwei große Waldnaturschutzgebiete ausgewiesen: das NSG Graburg (341 Hektar) mit seinen mittelalterlich anmutenden Eibenwäldern und das NSG Dreiherrenstein-Eschenberg-Kreutzerberg (209 Hektar).

Es waren vor allem botanische Gründe, die zur Ausweisung dieser Naturschutzgebiete führten. Pflanzengesellschaften wie zum Beispiel die orchideenreichen Buchenwälder, die Blaugrasrasen der Felsabstürze, die Blutstorchschnabel-Saumgesellschaften und vieles mehr galt es vor Zerstörung zu schützen.

Artenreiche Welt

In den alten Laubmischwäldern des nördlichen Ringgaus leben aber auch zahlreiche, schützenswerte Vogelarten. Schwarzspecht, Hohltaube und Raufußkauz teilen sich die Höhlen in den alten Buchen. Im Frühsommer balzen hier die Waldschnepfen. An den Felsbaustürzen brüten mehrere Wanderfalken-, Kolkraben- und Uhupaare. Schwarzstörche bauen ihre Horste in alten Buchen. Wespenbussard, Baumfalke und vor allem der allgegenwärtige Rotmilan sind Charaktervögel dieser Landschaft. Wildkatze, Baummarder – selten auch der Luchs – leben in diesen Wäldern. Mehr als 22 Tagfalterarten sind nachgewiesen und viele Fledermausarten (u.a. der Große Abendsegler) leben hier. Für eine Fledermausart, die Kleine Hufeisennase, gibt es für ganz Hessen überhaupt nur einen Nachweis, nämlich dort an der Graburg.

Das Wandergebiet

Dies alles macht den nördlichen Ringgau auch zu einem der bedeutendsten naturkundlichen Wandergebiete in ganz Deutschland. Besonders im Frühsommer sind an sonnigen Tagen grandiose Vogelbeobachtungen in dieser Landschaft möglich, wenn sich an den Steilhängen eine gute Thermik entwickelt hat, die die großen Segelflieger unter den Vögeln in eindrucksvoller Weise ausnutzen. So konnten an einem sonnigen Junivormittag dieses Jahres über dem Sennigholz innerhalb nur einer Stunde Großvögel in kaum geglaubter Zahl beobachtet werden: zwei Kolkraben, ein Wanderfalke, fünf gleichzeitig kreisende Mäusebussarde und ein mit den Mäusebussarden kreisender Wespenbussard, ein Schwarzmilan und mindestens drei Rotmilane. Der Himmel hing voller Greifvögel. Der absolute Höhepunkt aber war ein aus dem Iftatal kommender Schwarzstorch, der in den Wald am Sennigholz einflog.

Brut und Rastgebiet

Das Hochplateau des Ringgaus ist wegen seiner Bedeutung als Brutgebiet und Rastgebiet für Zugvögel als EU- Vogelschutzgebiet „Rendaer Höhe“ ausgewiesen. Es ist eines der wichtigsten Brutgebiete für den Neuntöter und einer der wichtigsten Rastplätze für den Großen Brachvogel in Hessen. An Sommerabenden klingt der perlende Schlag zahlreicher Wachteln aus den Wiesen und Feldern und schafft eine an Beschreibungen aus vergangenen Jahrhunderten erinnernde Atmosphäre.

Die Windkraft

Nun aber ist die Energiewende mit ihrer ganzen Brutalität und Rücksichtslosigkeit in diese Landschaft eingebrochen. Das Land Hessen hat in den Wäldern des nördlichen Ringgaus zwei Vorranggebiete für Windenergienutzung ausgewiesen: ESW 35 (nördlich Netra, südlich Graburg) mit 217 Hektar, welches auf ganzer Länge an das Naturschutzgebiet Graburg angrenzt, und ESW 38, das Sennigholz nördlich Rittmannshausen mit 53 Hektar, das unmittelbar an das Naturschutzgebiet Dreiherrenstein-Eschenberg-Kreutzerberg angrenzt.

Gegen diese beiden Vorranggebiete gab es im Vorfeld seitens der Fachbehörde erhebliche naturschutzfachliche Bedenken, die aber die Ausweisung nicht verhindern konnten. Daher liegt ein großer Teil der schützenswerten und sensiblen Wälder des nördlichen Ringgaus heute außerhalb der NSGs. Dies hat zur Folge, dass fast alle geplanten Standorte für die Errichtung von Windkraftanlagen in artenreichen Laubmischwäldern liegen (oft nur wenige Meter von den NSG – Grenzen entfernt). Dort, wo diese Wälder von den Bauern über Jahrzehnte als Nieder- oder Mittelwald bewirtschaftet wurden, wachsen hier viele selten Baumarten wie Mehlbeere, Elsbeere und Flaumeiche. Die nur für die winterliche, bäuerliche Holzernte genutzten, kaum befestigten Waldwege werden von Orchideen wie dem Blassen Knabenkraut und vom Wolfseisenhut gesäumt. Die seltene Frauenschuhorchidee wächst in diesen Wäldern.

Nun werden hier die Bäume für die Windkraftanlagen gerodet werden, die stillen Waldwege bald zu Lkw-fähigen Bau- und Betriebsstraßen ausgebaut sein. Inzwischen buhlen drei Unternehmen (Ostwind, RWE Renewables und Eno Energy) um Genehmigungen für den Bau von insgesamt 13 Windkraftanlagen mit jeweils 240 Metern Gesamthöhe, die sich in einer Kette beinahe von Röhrda über Netra bis nach Rittmannshausen an die Landesgrenze nach Thüringen erstrecken werden.

Eine der von Eno-Energy geplanten Anlagen bei Netra wurde vom RP zunächst abgelehnt, derzeit klagt das Unternehmen dagegen.

Die blutige Ernte

Diese Anlagen werden unter den Großvögeln, den Fledermäusen und den Insekten in den Wäldern des nördlichen Ringgaus blutige Ernte halten. Bald schon wird der Himmel über dem Ringgau an warmen Frühsommertagen, wenn die Thermik die Luft an den steilen Waldhängen nach oben reißt, nicht mehr voll sein mit kreisenden Greifvögeln, Kolkraben und Schwarzstörchen.

Die Suedlink-Trasse

Um das Unglück durch die Energiewende für die Ringgaulandschaft vollständig zu machen, wird sich in einigen Jahren die Erdkabeltrasse SuedLink durch das Netratal quälen, wobei sie nach einer waldzerstörenden Querung des Schlierbachswald etwa bei Röhrda das Tal der Netra erreicht, um sich oft nur in Steinwurfweite nördlich der letzten Häuser von Röhrda, Netra und Rittmannshausen und wenige hundert Meter unterhalb der auf der Höhe errichteten Kette der Windkraftanlagen durch den Boden zu wühlen. Bei Lüderbach ist dann eine Querung der Ringgauhochfläche Richtung Werraaue bei Herleshausen geplant, ungeachtet der zahlreichen, schroffen Kalkrippen und der steilen Muschelkalkhänge des Südringgaus, ein geologisches Abenteuer. Der Ringgau gehört zu den schönsten Landschaften Nordhessens, in der man die Weite des Hochplateaus und auch die dunkle Stille der Buchenwälder erleben kann. Der Ringgau ist einen Besuch wert, aber man sollte bald kommen, ehe der Landhunger der Energiewende diese Landschaft verschlungen hat. (Dr. Jörg Brauneis)

Blick über Teile des Ringgaus bei Netra: Die Landschaft birgt eine riesige Vielfalt an Pflanzen und Tieren.
Blick über Teile des Ringgaus bei Netra: Die Landschaft birgt eine riesige Vielfalt an Pflanzen und Tieren. © STEFANIE SALZMANN

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