1. Startseite
  2. Lokales
  3. Witzenhausen

Die Erinnerung muss weiterleben: Kreisweites Gedenken an die Opfer des Holocaust

Erstellt:

Von: Emily Spanel

Kommentare

Diese Innenaufnahme aus dem Jahr 1930 zeigt die Herleshäuser Synagoge. Sie wurde in der NS-Zeit komplett zerstört. An ihrem Standort an der Lauchröder Straße findet am 27. Januar 2023 eine Gedenkfeier statt.
Diese Innenaufnahme aus dem Jahr 1930 zeigt die Herleshäuser Synagoge. Sie wurde in der NS-Zeit komplett zerstört. An ihrem Standort an der Lauchröder Straße findet am 27. Januar 2023 eine Gedenkfeier statt. © Sammlung Helmut Schmidt

Herleshausen – Gemeinsam gedenken, erinnern; mehr noch: Den in den Konzentrationslagern Ermordeten ein Gesicht geben, ihre Namen rufen und Lebenslinien nachzeichnen – das soll am Freitag, 27. Januar, in Herleshausen geschehen. Geplant ist eine zentrale Gedenkveranstaltung für den gesamten Werra-Meißner-Kreis.

Für zu viele Menschen kamen die Befreier zu spät. Sie waren nach Auschwitz-Birkenau deportiert und gleich nach ihrer Ankunft vergast worden. Am 27. Januar 1945 befreiten Einheiten der Roten Armee die etwa 7500 verbliebenen kranken und sterbenden Menschen in dem Lagerkomplex nahe der polnischen Stadt Krakau. Befreiung – das war es für die Zurückgebliebenen; doch das darf nicht vergessen machen, dass das Verbrechen der Shoah weiterging und erst durch die militärischen Niederlage Deutschlands am 8. Mai beendet war.

In Auschwitz wurden mehr als eineinhalb Millionen Menschen ermordet, mehr als eine Million davon waren jüdische Kinder, Frauen und Männer. Auch Sinti und Roma, sowjetische Kriegsgefangene, Polen und Häftlinge anderer Nationalität fielen den Deutschen zum Opfer. Als die Rotarmisten eintrafen, war die Mordfabrik bereits stillgelegt, die Wachmannschaften waren verschwunden und die gehfähigen Gefangenen auf den Todesmarsch getrieben worden.

Seit 1996 wird am 27. Januar im deutschen Kalender der „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“ begangen – weltweit der Internationale Holocaust-Gedenktag. „Die Erinnerung an das, was war, muss über die Zeitzeugen hinaus weiterleben. Das Geschehene soll und darf sich nicht wiederholen“, mahnt Dr. Martin Arnold, Vorsitzender des Vereins der Freundinnen und Freunde jüdischen Lebens in der Region Werra-Meißner. „Das Gift des Antisemitismus ist noch nicht aus unserer Gesellschaft verschwunden.“

Gedenkveranstaltung in Herleshausen

Gemeinsam gedenken, erinnern; mehr noch: Den Ermordeten ein Gesicht geben, ihre Namen rufen und Lebenslinien nachzeichnen – das soll am Freitag, 27. Januar, in Herleshausen geschehen. Geplant ist eine zentrale Gedenkveranstaltung für den gesamten Werra-Meißner-Kreis. „Unter den Millionen Opfern des Holocaust waren allein 49 Menschen aus dem heutigen Ortsteil Herleshausen, 25 aus Nesselröden und Hunderte aus den übrigen Städten und Dörfern des heutigen Werra-Meißner-Kreises“, erklärt Helmut Schmidt für den Arbeitskreis Stolpersteine im Werratalverein, Zweigverein Südringgau. Gemeinsam mit den Freundinnen und Freunden jüdischen Lebens in der Region Werra-Meißner, der Südringgauschule Herleshausen, der evangelischen, der katholischen und der freikirchlichen Kirchengemeinde in Herleshausen sowie der politischen Gemeinde Herleshausen als Einladende wird auf zahlreiche Besucher gehofft.

Die Vorbereitungen auf diese bislang einmalige Gedenkveranstaltung sind umfangreich; das Programm ist ein ernsthaftes – berührend, menschlich, würdevoll. Weg vom Abstrakten, fort vom Runterbrechen der Opfer auf eine so unvorstellbare Zahl – in Herleshausen sollen vielmehr die Geschichten der Menschen erzählt werden; Menschen wie du und ich, die auf so unmenschliche, grausame Art und Weise um ihr Leben gebracht wurden.

„Es wird keine gute Zukunft geben ohne die ehrliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit“, sagt Dr. Martin Arnold. Und dass die Aufarbeitung der NS-Zeit in jeder Generation stattfindet, das beweist das dankenswerte Engagement der Südringgauschüler, die exemplarisch für die Opfer der NS-Gewaltherrschaft in 14 Orten des heutigen Werra-Meißner-Kreises die Namen der 49 Ermordeten aus Herleshausen verlesen werden.

Vier Biogramme verlesen

Vier dieser Biografien wurden von den Veranstaltern im Gedenkbuch des Bundesarchivs in Berlin im Detail recherchiert. Darunter, sagt Helmut Schmidt, auch die Geschichte eines kleinen Jungen, der sein Leben lassen musste. Hilfe bei den Recherchen bekomme der Arbeitskreis Stolpersteine darüber hinaus seit jeher von Hans Isenberg aus Langenhain und Thomas Beck aus Datterode, die viele Kontakte zu Nachkommen der hiesigen Juden vermitteln konnten.

Ein symbolischer Akt am Freitag, 27. Januar, wird das Bilden einer Menschen- und Lichterkette von dem Platz vor der Herleshäuser Burgkirche St. Bartholomäus bis hin zur ehemaligen Synagoge (Sperlingsrain - Hintergasse - Anger - Lauchröder Straße) sein. „Dort werden wir an Stolpersteinen vorbeigehen, die an diesem Tag mit Kerzen geschmückt sein werden“, sagt Helmut Schmidt.

Nie wieder. Das ist die Botschaft des Herleshäuser Gedenktages, die nicht nur an Gedenktagen gilt und die nicht verfloskeln darf. Der 27. Januar wird nicht nur ein Tag des trauervollen Rückblicks in die NS-Vergangenheit sein; er ist ein Tag des sorgenvollen Blicks in die Gegenwart. Nie wieder? Schon wieder! Immer noch.

Programm des kreisweiten Holocaust-Gedenktages am 27. Januar in Herleshausen

Zum Holocaust-Gedenktag am Freitag, 27. Januar, in Herleshausen ist folgendes Programm geplant:

.17.30 Uhr: Beginn der Veranstaltung mit Begrüßung auf dem Kirchhof der Burgkirche St. Bartholomäus in Herleshausen.

.17.40 Uhr: Bilden einer Menschen- und Lichterkette bis zum Platz der ehemaligen Synagoge Herleshausen (Sperlingsrain - Hintergasse - Anger - Lauchröder Straße). Die Veranstalter bitten darum, selbst ein Teelicht oder Ähnliches in einem Glas mitzubringen.

.18 Uhr: Versammlung am Platz der ehemaligen Synagoge, Lauchröder Straße 3-5. Pfarrer i.R. Martin von Frommannshausen wird an Gitarre und Schofar zu hören sein. Es folgt das Verlesen der Namen von Herleshäuser Holocaust-Opfern und das Ablegen von Steinen, die mit den Namen beschriftet sind, durch Schüler der Südringgauschule. Nach je zwölf Namen werden vier Biogramme von Herleshäuser Holocaustopfern verlesen.

.18.30 Uhr: Lesung eines Klagepsalms durch Pfarrer i.R. Manfred Gerland

.18.35 Uhr: Dank, Ausblick und Abschluss der Veranstaltung.

Von Emily Hartmann

Alle Häuser, die im Ort Herleshausen von Juden bewohnt wurden, sind rot eingefärbt. Die NS-Zeit überlebten die jüdischen Gemeinden im Kreis nicht.
Alle Häuser, die im Ort Herleshausen von Juden bewohnt wurden, sind rot eingefärbt. Die NS-Zeit überlebten die jüdischen Gemeinden im Kreis nicht. © Sammlung Helmut Schmidt

Auch interessant

Kommentare