In Erinnerung

„Die Juden sollten verschwinden“: Interview mit Dr. Martin Arnold über die Pogromnacht 1938

Pogromnacht am 8. November 1938: Synagogen wurden aufgebrochen, das Mobiliar und die Kultgegenstände demoliert, auf die Straße geworfen und verbrannt. Unser
+
Pogromnacht am 8. November 1938: Synagogen wurden aufgebrochen, das Mobiliar und die Kultgegenstände demoliert, auf die Straße geworfen und verbrannt. Unser

Im Interview erinnert Dr. Martin Arnold an die Novemberpogrome 1938, als Nazis jüdische Synagogen, Einrichtungen, Häuser und Kulturgut im ganzen Land und im Werra-Meißner-Kreis zerstörten.

Abterode – Am 9. November 1938 zerstörten die Nazis zahlreiche jüdische Synagogen, Einrichtungen, Häuser und Kulturgut im ganzen Land. In den Kreisen Eschwege und Witzenhausen starteten die Repressalien bereits am 8. November. Heute wird in Abterode dieser Verbrechen gedacht. Wir sprachen mit Dr. Martin Arnold, Vorsitzender der Freundinnen und Freunde jüdischen Lebens im Werra-Meißner-Kreis über die Gräueltaten von damals und warum man sie nicht vergessen darf.

Herr Arnold, man kennt die schrecklichen Bilder aus TV-Dokumentationen und Geschichtsbüchern. Waren die Pogrome gegen Juden am 9. November 1938 auf dem Land auch so schlimm?

Die Pogrome begannen in unserer Region schon am 8. November, also einen Tag früher als im übrigen Deutschen Reich. Eschwege ist dem Beispiel von Kassel gefolgt, wo schon am 7. November die Zerstörungen begannen – und die Steuerung der Pogrome in Nordhessen erfolgte von Kassel aus. Sie waren hier auf dem Land genauso heftig wie im übrigen Deutschen Reich.

Welche jüdische Gemeinde hat es am heftigsten getroffen?

In vielen Orten kam es zu Gewaltexzessen gegen Gebäude und gegen Menschen. Besonders heftig hat es jedoch die Witzenhäuser Gemeinde getroffen, weil dort die Synagoge und die Schule angezündet wurden und abgebrannt sind. An anderen Orten, etwa in Eschwege und Abterode, hat man aus Rücksicht auf die benachbarten Gebäude auf Brandstiftung verzichtet.

Was haben die Nazis im Kreis in dieser Nacht alles zerstört?

In Eschwege, Witzenhausen, Abterode, Frankershausen, Reichensachsen und Herleshausen wurden die Synagogen aufgebrochen, das Mobiliar und die Kultgegenstände demoliert, auf die Straße geworfen und verbrannt. Auch viele Wohn- und Geschäftshäuser wurden aufgebrochen, Möbel und Hausrat zerstört. An vielen Orten wurden auch Menschen bedroht, geschlagen und in Konzentrationslager gebracht, dort gefoltert und nicht alle kamen von dort lebend zurück.

Welches langfristige Ziel haben die Nationalsozialisten mit diesem Pogrom verfolgt?

Nach der Nazi-Propaganda ging es um Vergeltung für ein Attentat, das ein Jude an dem deutschen Legationssekretär Ernst Eduard vom Rath in Paris verübt hatte. In Wahrheit ging es aber um die Einschüchterung der jüdischen Bevölkerung. Das Regime wollte der jüdischen Bevölkerung sagen: Verschwindet aus Deutschland! Großes Interesse hatte die Regierung am Vermögen der Juden, das bei der Auswanderung sehr hoch besteuert wurde. Die Häuser der Juden sollten vor allem von verdienten Nazis und den Städten bzw. Gemeinden übernommen werden.

Haben die Nazis dieses Ziel auch hier vor Ort umsetzen können?

Tatsächlich ist vielen Juden durch diesen Pogrom deutlich geworden: Wenn wir nicht fliehen, wird es ein schlimmes Ende nehmen. Wer konnte, hat eine Fluchtmöglichkeit gesucht. Aber nicht alle hatten die Mittel zur Flucht. Auch der Eschweger Rabbiner Dr. Heinrich Baßfreund hatte kein Geld für seine Familie zur Auswanderung, doch der Eschweger Juwelier Friedrich Bräutigam lieh ihm heimlich so viel, dass die Familie in Palästina einreisen konnte. Manche waren zu arm, um die dafür notwendigen Kosten aufzubringen. Manche bekamen kein Visum. Andere hatten noch immer die Hoffnung, dass der „Spuk“ des Nationalsozialismus bald vorbei sei.

Wie war die Stimmung in der Region nach der Pogromnacht?

Die Taktik der Nazis ging auf. Der Schock saß tief. Manche hatten sich das nicht vorstellen können. Jüdinnen und Juden hatten große Angst und wurden in ihren Rechten immer mehr eingeschränkt. Vor allem waren für viele Juden die Existenzmöglichkeiten verloren: Die Ausübung der Berufe war verboten, die Ersparnisse oft aufgebraucht, die Geschäfte wurden „arisiert“, d.h. weggenommen. Wer noch konnte, verkaufte sein Haus oder Geschäft bei dem großen Überangebot unter dem realen Wert. Und die Nazis hatten durch diese Aktionen erkannt, dass die Gewalt gegen Juden von der Mehrheit der Bevölkerung akzeptiert wurde. Die Verschleppung der jüdischen Männer machte allen deutlich, dass dieses Regime bereit war, mit brutaler Härte gegen Juden vorzugehen.

Nicht nur Synagogen waren betroffen: Dieses Foto zeigt die Zerstörung der Küche im Hotel/Restaurant Löwenstein in der Friedrich-Wilhelm-Straße neben der Post in Eschwege.

Welche Auswirkungen hat der Pogrom auf die jüdischen Gemeinden im Kreis Eschwege gehabt? War der Pogrom auch bei uns eine Zäsur?

Wer die Zeichen der Zeit erkannt und die Möglichkeit hatte, floh ins sichere Ausland. Für andere nahm die Entrechtung weiter zu. Die verbliebenen Juden wurden in „Judenhäuser“ zusammengelegt. Wer arbeitsfähig war, musste in „arischen“ Firmen Zwangsarbeit leisten. Und das bei sehr karger Kost! Ab diesem Zeitpunkt gab es kein geordnetes jüdisches Gemeindeleben mehr.

Wie haben sich die jüdischen Gemeinden quantitativ verändert?

Die jüdischen Gemeinden wurden nach und nach ausgelöscht. Sie hatten keine Möglichkeiten mehr, sich zu versammeln. Wer blieb, wurde dann 1941/42 in Konzentrationslager deportiert und umgebracht. Nur ganz wenige überlebten.

Die Geschehnisse liegen jetzt 83 Jahre zurück: Warum ist es so wichtig, auch heute noch Jahr für Jahr an diese Gräueltaten zu erinnern?

Nach dem Ende des Nazi-Regimes wurde ganz lange nicht daran erinnert. Erst seit den 1980er-Jahren gibt es in unserer Region eine bewusste Auseinandersetzung mit den Pogromen. Die jüngsten Anschläge auf Synagogen zeigen: Der Hass auf Juden ist leider nicht verschwunden. Die Erinnerung an die Pogrome im November 1938 macht deutlich, was passieren kann, wenn die Zivilgesellschaft nicht wachsam ist.

Wie wird heute Abend in Abterode der Einschüchterung der Juden gedacht?

Der Verein der Freundinnen und Freunde jüdischen Lebens lädt ein zu einem Rundgang durch das „jüdische“ Abterode. Wir gehen an die Orte, die bei dem Pogrom am 8. November 1938 eine Rolle spielten. Abterode steht dabei beispielhaft für viele andere Orte in unserer Region.

Von Tobias Stück

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.