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Phänomen „Mental Load“ bringt meist Frauen an den Rand der Erschöpfung

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Von: Emily Spanel

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Eine Liste, die nie zu schrumpfen scheint: Neben Familie, Haushalt und Beruf stemmen Frauen auch noch die geistige Belastung durch Haushalts- und Alltagsorganisation. Das kostet enorm viel Kraft.
Eine Liste, die nie zu schrumpfen scheint: Neben Familie, Haushalt und Beruf stemmen Frauen auch noch die geistige Belastung durch Haushalts- und Alltagsorganisation. Das kostet enorm viel Kraft. © Imago / Alvaro Sanchez

Das Phänomen „Mental Load“ bringt meist Frauen an den Rand der Erschöpfung. Die geistige Belastung durch Haushalts- und Alltagsorganisation bleibt meist an ihnen hängen.

Werra-Meißner – Rund um die Weihnachtsfeiertage und die Zeit zwischen den Jahren ist der sogenannte „Mental Load“, also die geistige Belastung durch Haushalts- und Alltagsorganisation, besonders hoch. Was aber beschreibt dieses noch junge Phänomen genau, warum scheinen Frauen besonders anfällig dafür zu sein – und welche gesundheitlichen Folgen drohen? Susanne Rühling-Ngassa, kommissarische Leiterin des Zentrums für Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum Werra-Meißner, klärt auf.

To-do-Liste im Kopf

In seiner ursprünglichen Bedeutung beschreibt „Mental Load“ die gedankliche, oft unsichtbare Arbeit, die besonders im Familienkontext anfällt: Daran denken, dass ein Kind am nächsten Tag für die Kita neue Wechselwäsche braucht, dass die nächste Vorsorgeuntersuchung ansteht und ein Termin gemacht werden muss. Nicht vergessen, die Kerzen für den Adventskranz zu kaufen, bevor sie überall ausverkauft sind. „Mental Load“ ist die unendliche To-do-Liste im Kopf, mit der man abends einschläft, morgens wieder aufsteht und die nie zu schrumpfen scheint.

„Es sind die unsichtbaren Aufträge, die wir ständig im Hinterkopf haben, hundert Kleinigkeiten, die man zu einem bestimmten Zeitpunkt erledigt haben muss; die Dinge, über die man normalerweise nicht spricht, weil sie zu banal und alltäglich sind, die man aber trotzdem ständig auf dem Schirm haben muss“, erklärt Susanne Rühling-Ngassa. „Das alles ist normaler Alltag und bindet Aufmerksamkeit und Energie für denjenigen, der das alles ständig auf dem Schirm hat.“

Fürsorge der Frauen

„Oft übernehmen diesen Part die Frauen“, bestätigt Susanne Rühling-Ngassa. Männer verließen sich eher darauf, dass die Partnerin schon auf sie zukommt, wenn sie Hilfe braucht – anstatt selbst mitzudenken. „Mental load“ ist also ein Begriff, den Männer oft schwer verstehen, von dem viele Frauen aber sagen: „Endlich hat das, was ich täglich erlebe, aber nicht in Worte fassen konnte, einen Namen.“

Frauen, so die Chefärztin am Klinikum Werra-Meißner, neigten eher dazu, sich für alles verantwortlich zu fühlen; erwarteten eher, dass sie bewertet werden und wollten alles richtig machen. „Das hat mit Erziehung und Geschlechterstereotypien zu tun.“ Wenn der Mann sich nicht zuständig fühlt, lastet automatisch der Großteil der Hausarbeit und Kinderbetreuung auf der Frau – selbst wenn er ab und zu hilft.

Gedankenarbeit

Das Daran-denken und Organisieren kommt zu der eigentlichen Erledigung häuslicher Aufgaben hinzu. Und selbst wenn der Mann das Kind beispielsweise zum ärztlichen Einschulungstermin bringt, hat oft die Frau einen Arzt gesucht, den Termin vereinbart, dem Mann den Weg beschrieben, die Schulformulare ausgedruckt und die Impfdaten aufgetrieben. Das kostet die Frau viel Mühe. Männer nutzen ihre geringere Belastung, um Karriere zu machen. Sie bleiben lange im Büro, treffen Geschäftspartner zum Abendessen, gehen auf Dienstreise. Und erholen sich länger von der Arbeit, während sie den Haushalt erledigt.

Arbeit rund um die Uhr

Die Verantwortung, an alles zu denken, ist neben konkreten Fürsorge-Aufgaben eine eigene Form von anspruchsvoller, anstrengender Arbeit, die wenig Raum für anderes lässt. „Die Mental-Load-Aufträge laufen so mit, werden oft nicht kommuniziert, während man sich über die sichtbaren Aufgaben austauscht und Aufgaben verteilt“, erklärt Susanne Rühling-Ngassa. Und die Familienarbeit endet nicht, sobald die Kinder im Bett sind: Rundherum gibt es lauter Dinge, für deren Ausführung oder Beauftragung eine Person verantwortlich sein muss.

Toxischer Stress

Dass die Erschöpfung durch Mutterschaft kein neues Phänomen ist, zeigt die Gründung des Müttergenesungswerks, das es seit 1950 gibt. Seitdem gab es viele gesellschaftliche Fortschritte, mehr Gleichberechtigung, Elternzeit, die auch von Vätern in Anspruch genommen wird. Selbst abgeschafft hat sich die Organisation, die Erholungskuren für Eltern und pflegende Angehörige ermöglicht, aber noch nicht. Noch immer bringt die Familienarbeit vor allem Mütter an den Rand des Zusammenbruchs, während es ihren Partnern, die häufig in Vollzeit arbeiten, nicht so ergeht. Gedankenarbeit, die zu toxischem Stress wird, scheint in Familien geschlechtsspezifisch zu sein. (Emily Hartmann)

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