Werra-Meißner-Kreis

„Die Vaterrolle aktiv gestalten“: Interview mit Ralf Ruhl von der Awo-Männerberatung

Seit 35 Jahren in der Männerarbeit tätig: Ralf Ruhl arbeitet bei der in der Beratungsstelle für Schwangerschaft, Familie und Sexualität der Awo Werra-Meißner.
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Seit 35 Jahren in der Männerarbeit tätig: Ralf Ruhl arbeitet bei der in der Beratungsstelle für Schwangerschaft, Familie und Sexualität der Awo Werra-Meißner.

Wird ein Kind geboren, ändert sich alles im Leben der Eltern. Wie speziell junge Väter die neuen Herausforderungen meistern können, erzählt Ralf Ruhl von der Männerberatung der Awo.

Werra-Meißner - Am 26. Mai findet Ralf Ruhls kostenlose Online-Veranstaltung „Aktive Väter“ im Rahmen der hessischen Woche für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt von 17 bis 19 Uhr statt.

Ihr Beitrag zur Aktionswoche heißt „Aktive Väter“, inwieweit sollen Väter denn aktiv sein oder sogar aktiver werden?

Ich möchte werdende Väter dazu ermuntern, aktiv diesen neuen Schritt im Leben anzugehen und dabei auch selbstkritisch zu sein. Wenn der Mann von der Schwangerschaft erfährt, ändert sich alles. Es ist normal, dass man große Freude, aber auch Unsicherheit und Angst spürt. Jetzt ist es wichtig, dass sich der Mann positioniert und entscheidet: Wie will ich sein als Vater? Das lernt man nicht in der Schule oder im Elternhaus, es ist eine Experimentierphase, in der es auch gilt, sich mit seiner Lebensgeschichte und seinem eigenen Vater auseinanderszusetzen.

Wollen Sie den werdenden Vätern also die Angst vor der neuen Situation nehmen?

Ich möchte Väter unterstützen, aktiv diese Rolle zu gestalten: in Bezug zu sich selbst, zur Partnerin und natürlich auch zum Kind. Viele Männer kommen erst auf Ideen, was sie mit dem Kind machen können, wenn das Kind sprechen oder Fußball spielen kann. Das ist sehr schade, da im Baby- und Kleinkindalter der Grundstein für die Vater-Kind-Beziehung gelegt wird.

Wenn Sie sagen, die Beziehung zur Partnerin muss auch aktiv gestaltet werden, was meinen Sie?

Die Kommunikation ist enorm wichtig, denn Partnerschaft ist immer auch Aushandlungssache. Wer steht nachts auf? Was erwarte ich? Wie kann ich unterstützen? Das sind Themen, die ganz konkret verhandelt werden müssen. Man darf nicht davon ausgehen, dass beide Partner immer dasselbe erwarten, deswegen muss über solche Themen unbedingt geredet werden. Es ist für alle etwas Neues. Und die Frau braucht einen Mann an ihrer Seite – keinen Diener, sondern einen, der Ideen hat und die auch in Absprache mit ihr umsetzt.

Sie sind jetzt seit 35 Jahren in der Männerarbeit tätig. Hat sich in dieser Zeit das männliche Bewusstsein verändert?

Da ist ein regelrechter Kulturbruch geschehen, ein Indikator dafür sind Elternzeit und Elterngeld. Nahmen im Jahr 2007 noch 1,5 Prozent der Väter dieses Angebot in Anspruch, sind es heute über 35 Prozent, Tendenz steigend. Das zeigt, dass Männer heute mehr sein wollen als nur Arbeitsmänner. Sie sagen nicht nur, dass ihnen die Familie wichtig ist, sie beteiligen sich auch alltäglich an der Versorgungsarbeit.

Stehen deshalb jetzt auch Männer im Fokus der Chancengleichheit?

Der Fokus auf Männer in dieser Thematik entstand eher aus einer Forderung der Frauen heraus. Eine Mutter ist auf die Kooperation mit ihrem Partner angewiesen, wenn sie mehr als nur geringfügig berufstätig sein möchte. Männer sehen sich viel stärker als noch vor einer Generation als Partner, nicht nur als Ernährer der Familie.

Job und Familie sind also sehr präsente Themen. Inwieweit ist Selbstfürsorge für Männer in den Alltag integriert?

Selbstfürsorge ist ein sehr wichtiges Thema und kommt bei vielen Männern immer noch zu kurz. Häufig versucht der Mann, für Job und Familie ausreichend Zeit zu finden und vernachlässigt dadurch sich selbst, seine Freunde oder Hobbys. Es ist wichtig, dass der Mann seine Bedürfnisse äußert. Oft traut er sich das nicht, weil er ja sieht, wie viel die Frau mit dem Kind alltäglich macht und dass sie da seine Unterstützung braucht. Aber das führt zu Unzufriedenheit auf allen Seiten. Auch hier ist es wichtig zu verhandeln, wer wann Zeit für sich selbst hat. Und – ganz wichtig – wann Mann und Frau Zeit für sich als Paar finden. Denn die geht in der ersten Zeit als junge Familie oft verloren.

Anmeldung: Tel. 0 56 51/74 29 18, E-Mail: info.eschwege@vhs-werra-meissner.de (Anna Weyh)

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