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Diskothek Steckenpferd in Germerode

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Von: Julia Stüber

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Am DJ-Pult: Iris Schaub und DJ Günther Bauhan, der zwischen 1972 und 1974 für gute Musik im Steckenpferd in Germerode sorgte.
Am DJ-Pult: Iris Schaub und DJ Günther Bauhan, der zwischen 1972 und 1974 für gute Musik im Steckenpferd in Germerode sorgte. © privat/nh

NACHTFIEBER (3) Die ehemalige Discos der Region: Das Steckenpferd in Germerode.

Winterzeit ist Discozeit – zumindest früher einmal. 50 Jahre bestimmten die Tanzschuppen die Abendgestaltung. Heute gibt es keine einzige mehr in der Region. Wir erinnern uns an ehemalige Discos.

Germerode – Schon kurz vor Öffnung der Disco um 19 Uhr bildete sich eine lange Schlange auf dem Hof – die Leute konnten es kaum erwarten, ins Steckenpferd in Germerode zu kommen. Hier stieg im Saal an der Vierbacher Straße wieder eine Party. Um 20 Uhr sollte der Laden schließlich rappelvoll sein. Gute Musik, leckere Getränke, familiäre Atmosphäre – das kam bei den Besuchern gut an. „Wir hatten Gäste aus dem gesamten Werra-Meißner-Kreis“, erzählen Anke Achtner und Iris Schaub. Sie sind die Töchter von Ulla Remmert, die die Gaststätte und die Disco betrieb.

Alles auf Anfang

Ulla Remmert und ihr Mann Karl-Heinz kamen im November 1963 in die nordhessische Provinz. Schon in Hamburg betrieben sie eine Gaststätte – mit der Jahrhundertflut 1962 zog es die Familie nach Germerode. Denn in einer Zeitung hatten sie ein Inserat entdeckt: Die Gaststätte stand zum Verkauf. Letztlich entschieden sie sich für das Gebäude und ein Leben in Germerode.

Zur Disco wurde der Saal allerdings erst ab 1972. „Die Disco Sonnenblick in Germerode hatte inzwischen geschlossen – unsere Familie ergriff schließlich diese Chance. 1973 wurde der Raum umgebaut“, sagen die Töchter. Und es wurde rustikal: Holz prägte das Ambiente, alte Wagenräder zierten die Disco. Immer mittwochs, freitags, samstags und sonntags konnte hier gefeiert werden. „Besonders zwischen 1972 und 1982 war das Steckenpferd mit die angesagteste Disco“, sagen die Töchter.

Die Partys

Legendär war vor allem die Oldie-Disco ab 1993 im Steckenpferd. Die fand immer – wie beim Reifenwechsel – von O bis O statt: Also von Oktober bis Ostern. Einmal im Monat feierten die zahlreichen Besucher zu beliebten Oldies. Und um Punkt 12 Uhr gab es eine deftige Gulasch-Suppe gratis. Einer, der hautnah bei der Oldie-Disco dabei war, war Uwe Dippel. Zwischen 1993 und 2001 legte er als DJ Platten auf. Ein Abend im Steckenpferd ist ihm besonders in Erinnerung geblieben: „Am Ostersonntag 1994 oder 1995 war es rappelvoll in der Disco. Ich konnte es kaum glauben. Die Menschen standen dicht beieinander, feierten – und ich als DJ blickte mit Ehrfurcht über diese Menge. Es war unglaublich“, sagt Dippel. An diesem Abend war es so brechend voll, dass auch das Bier und die Gläser langsam ausgingen. „Die Kollegen aus dem Dorf lieferten damals Bier nach“, erinnern sich Anke Achtner und Iris Schaub.

Besonders beliebt waren auch die „vier tollen Tage“ in der Faschingszeit. So wurde zum Beispiel sonntags beim Kappenball ein Preis für den schönsten und größten Hut vergeben. „In einem Jahr hat sogar jemand ein altes Verkehrsschild als Hut getragen“, erzählen die Töchter von Ulla Remmert lachend. Ein Höhepunkt: Der Nachthemdenball am Dienstag. Jeder Gast zog einen mehr oder weniger schicken Schlafanzug oder ein Nachthemd an – und da machte wirklich jeder mit. „Das war immer der schönste, der lustigste Tag. Alle sahen gleich blöd aus.“

Laute Musik, viele geparkte Autos am Straßenrand, zahlreiche Menschen: Probleme mit der Nachbarschaft gab es aber nie, sagen Schaub und Achtner. „Die Anwohner beschwerten sich nicht. Sie waren wirklich sehr tolerant.“

Die Gäste

Die Dorfdisco zog nicht nur Menschen aus Germerode an – aus dem gesamten Landkreis kamen sie, um zu feiern. Und trotzdem ging es familiär zu. Jeder kannte hier jeden, Jung und Alt kamen zusammen. „Es wurde kein Unterschied zwischen jüngeren und älteren Menschen gemacht. Die Leute feierten einfach zusammen.“ Und das gefiel auch Lothar Winter gut. Von 1983 bis Ende der 1980er war er der Mann am DJ-Pult. „Je später der Abend wurde, desto doller wurde auch die Tanzerei.“

Eines der beliebtesten Getränke soll übrigens Kümmerling gewesen ein – „man sagte hier auch zum Steckenpferd die „Kümmerling-Kneipe“, erzählen Achtner und Schaub. Und wer zu den Stammgästen zählte, bekam zum Geburtstag sogar eine Steckenpferd-Sektflasche geschenkt.

Der Abschied

Im Jahr 2001 entschied sich die Familie, Gaststätte und Disco zu schließen. „Unsere Mutter wollte eigentlich noch weitermachen, aber es lohnte sich einfach nicht mehr“, erzählen die Töchter. Zum Schluss wurde es daher noch einmal besonders emotional. Der Sportverein war zur Weihnachtsfeier ins Steckenpferd gekommen – die letzte Veranstaltung vor Schließung.

„Die Kapelle spielte, alle Gäste standen im Kreis, unsere Mutter in der Mitte – und alle umarmten sie. Das war besonders“, sagen Schaub und Achtner.

Mit der Schließung ging eine wilde, ereignisreiche Zeit zu Ende, die wohl vielen Partygästen bis heute in Erinnerung geblieben sein wird. Heute ist aus Disco und Gaststätte ein Wohnhaus geworden. (Julia Stüber)

Gute Laune, gute Musik und so manche Faschingsfeier: Im Steckenpferd kamen Jung und Alt zu ganz unterschiedlichen Anlässen zusammen.
Gute Laune, gute Musik und so manche Faschingsfeier: Im Steckenpferd kamen Jung und Alt zu ganz unterschiedlichen Anlässen zusammen. © Privat/nh

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