MONTAGSINTERVIEW Dr. Rainer Wallmann über Nachhaltigkeit im Landkreis

„Jeder kann wirklich viel bewirken“ - nachhaltig leben im Werra-Meißner-Kreis

Strom aus erneuerbarer Energie kann zum Umweltschutz beitragen: Daneben kann jeder Einzelne aber auch mit Kleinigkeiten viel bewirken: vom, Stoffbeutel beim Einkauf bis hin zum Kauf von Gebrauchtwaren. Symbolfoto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa
+
Strom aus erneuerbarer Energie kann zum Umweltschutz beitragen: Daneben kann jeder Einzelne aber auch mit Kleinigkeiten viel bewirken: vom, Stoffbeutel beim Einkauf bis hin zum Kauf von Gebrauchtwaren.

Werra-Meißner – Nachhaltigkeit. Klimaschutz. Ressourcenschonen. Was wie ferne politische Konstrukte klingt, kann jeder Mensch in seinem Alltag umsetzen. Wie das geht und wie Nachhaltigkeit im Werra-Meißner-Kreis aussieht, darüber haben wir mit Dr. Rainer Wallmann, Erster Kreisbeigeordneter des Werra-Meißner-Kreises und Umweltdezernent, gesprochen.

Herr Wallmann, leben wir im Werra-Meißner-Kreis nachhaltig genug?

Wenn man sich den CO2-Fußabdruck des Durchschnittsbürgers in Deutschland anschaut, stellt man fest, dass wir alle – somit auch im Werra-Meißner-Kreis – deutlich nachhaltiger leben müssen. Energie, Mobilität und Konsum sind dabei die relevantesten Bereiche.

Was kann man tun, um nachhaltiger zu leben?

Jede einzelne Person kann mit ihrem Handeln wirklich viel bewirken: vom Stoffbeutel statt Plastiktüte beim Einkauf über die richtige Abfalltrennung und -vermeidung, dem Einkaufen regionaler und saisonaler Produkte mit kurzen Transportwegen bis hin zum Bezug von erneuerbarem Strom und der Nutzung eines mit Ökostrom betriebenen Elektroautos. Auch das Nutzen der regionalen Gebrauchtwarenzentren und Tauschbörsen ist nachhaltig. Kleidung oder Möbel etwa, die man selbst nicht mehr braucht, könnte man dort anderen anbieten, statt sie wegzuwerfen. Viele Menschen kaufen gern gebrauchte Sachen. Bei Kindern macht das oft Sinn, denn sie wachsen schnell aus ihren Sachen heraus, die dann aber oft noch neuwertig sind.

Also mehr recyceln?

Auf allen Ebenen sollte man versuchen, Dinge wiederzuverwenden. Das nennt man auch gegenständliches Recycling: Also nicht kleinschreddern und mit hohem Energieaufwand Neues produzieren, sondern Dinge reparieren und weiter verwenden, solange es möglich ist. Das ist Ressourcenschutz.

Für viele ist das Gebrauchtkaufen auch eine Frage des Budgets.

Selbstverständlich hat das bei vielen Menschen auch wirtschaftliche Gründe: Kaufe ich meinem Heranwachsenden die neue Markenjeans für 80 Euro oder kaufe ich diese im Second-Hand-Laden für deutlich weniger Geld. Es gibt aber viele Menschen, bei denen das nichts mit dem finanziellen Budget zu tun hat, sondern eher mit der ideellen Überzeugung und dem Nachhaltigkeitsgedanken.

Ist Nachhaltigkeit auch eine Aufgabe der Politik?

Nachhaltigkeit ist eine sehr große Aufgabe der Politik. Vor allem, was die Reparierfreundlichkeit von Geräten betrifft. Ein Beispiel: Elektrogeräte sind oft komplett in Plastik eingeschweißt, lediglich die Batterie ist wechselbar. Für eine mögliche Reparatur im Inneren lassen sie sich nicht schadlos öffnen. Schon auf EU-Ebene sollte die Politik daher viel strengere Festlegungen treffen, damit Produkte im Sinne der Nachhaltigkeit reparierfreudig entwickelt werden. Da gibt es noch deutlichen Entwicklungsbedarf.

Ist das dann im Sinne der Wirtschaft? Die freut sich ja eher, wenn der Konsument es neu kauft.

Es kommt drauf an, welche Wirtschaft man betrachtet. Die Produktionswirtschaft, die möglichst viel Neues und damit auch viel Müll produziert, die findet Recycling und Nachhaltigkeitsansätze wahrscheinlich nicht so toll. Aber wir müssen auch an die nächsten Generationen und an die Volkswirtschaft denken – nicht nur an die Betriebswirtschaft der einzelnen Hersteller. Das ist ein Abwägungsprozess, bei dem wir in der Verantwortung stehen.

Wie sieht Nachhaltigkeit im Werra-Meißner-Kreis zum Beispiel aus?

In der Kreisverwaltung nutzen wir zum Beispiel ausschließlich Ökostrom und Recyclingpapier, heizen unsere Schul- und Verwaltungsgebäude zum Teil auch mit nachhaltigen Holz-Brennstoffen und erzeugen einen Großteil unseres Stroms mit Sonnenenergie. Auch die Abfallberatung um Gabriele Maxisch ist eine wichtige Anlaufstelle für die Bürger.

Welche Klima-Projekte unterstützen Sie außerdem?

Wir unterstützen bestehende Initiativen, wie „Eschwege-plastikfrei“, wir beraten und unterstützen das Repair-Café und arbeiten mit den Gebrauchtwarenzentren in Eschwege und Witzenhausen zusammen. Wir initiieren aber auch viele eigene Projekte, etwa die Abfallvermeidungswoche, bei der wir zum Thema Lebensmittelverschwendung mit Schulen zusammengearbeitet haben. Unser Mehrweg-Coffee-to-go-Becher und die Frau-Holle-Tasse sind auch ein Beitrag zur Abfallvermeidung.

Sind Schulen erste Anknüpfpunkte, um mit jungen Menschen über Nachhaltigkeit zu sprechen?

Die Schulen sind für uns enge Partner bei diesen Themen. An den Grundschulen gibt es zum Beispiel die Energiesparwoche, die zukünftig durch das „Klimaabenteuer“ ersetzt wird. Dabei geht es um Abfallvermeidung und Ressourcenschutz. Das Pendant für die Sekundarstufen ist die Klimamesse, die vor Corona bereits achtmal an Schulen im Kreis stattgefunden hat.

Schaut man sich die Umweltverschmutzung an, hat man das Gefühl, dass Klimaschutz noch nicht bei den Menschen angekommen ist. Wie sehen Sie das?

Mir fallen sofort die Essensverpackungen von Schnellrestaurants am Straßenrand ein oder der in der Natur immer wieder illegal abgeladenen Sperrmüll und Gartenabfälle. Auch in der Biotonne haben wir ein Problem: Immer wieder landen viel zu viele Störstoffe wie Restmüllbeutel, Metalle und Glas darin. An der Abfallverwertungsanlage ist es dann ein erheblicher Aufwand mit hohen Kosten, diese Stoffe wieder herauszufiltern.

Wie lösen Sie das Problem?

Im Werra-Meißner-Kreis versuchen wir, über Öffentlichkeitsarbeit und die Bewusstseinsbildung durch zum Beispiel Abfallberatung möglichst viele Menschen auf diese Themen aufmerksam zu machen. Auch haben wir regelmäßig verschiedene Aktionen, bei denen es um Nachhaltigkeit geht – manchmal auch in Verbindung mit einem Wettbewerb, um die Menschen zum Mitmachen zu bewegen. (Jessica Sippel)

Zur Person: Dr. Rainer Wallmann:

Dr. Rainer Wallmann (56) ist Erster Kreisbeigeordneter des Werra-Meißner-Kreises und als Dezernent unter anderem für die Bereiche Umwelt, Bauen, Landwirtschaft, Natur- und Landschaftsschutz, Gesundheit und Verbraucherschutz zuständig. Er wurde in Berlin geboren. In Oberhone wurde er zum Landwirt ausgebildet, in Witzenhausen studierte er. Wallmann ist verheiratet und lebt in Großalmerode.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.