1. Startseite
  2. Lokales
  3. Witzenhausen

Ehemaligem türkischen Soldaten droht dreimal lebenslänglich - er lebt jetzt im Werra-Meißner-Kreis

Erstellt:

Von: Stefanie Salzmann

Kommentare

Eine Nacht mit schweren Folgen: In Juli 2016 versuchten Teile des türkischen Militärs die Regierung unter Erdogan gewaltsam zu stürzen. Der Putsch scheitert und verschafft dem Präsidneten noch mehrMacht. Viele Unschuldige fallen den Reperssionen danach zum Opfer.
Eine Nacht mit schweren Folgen: Im Juli 2016 versuchten Teile des türkischen Militärs die Regierung unter Erdogan gewaltsam zu stürzen. Der Putsch scheitert und verschafft dem Präsidenten noch mehr Macht. Viele Unschuldige fallen den Repressionen danach zum Opfer. © Imago/depo

Weil er nach dem versuchten Militärputsch ins Visier des Erdogan-Regimes geriet, floh Serkan K. mit seiner Familie. Seit Jahren hilft er im Werra-Meißner-Kreis als Integrationslotse.

Werra-Meißner – Serkan K. (Name von der Redaktion geändert) ist stolz auf seine wirklich zahlreichen hervorragenden Zeugnisse und Auszeichnungen, die er im Laufe der Jahre als Angehöriger des türkischen Militärs für seine Arbeit erhalten hat. Der Stapel ist dick, kommt aber nicht heran an die 912-seitige Anklageschrift der türkischen Staatsanwaltschaft. Die warf ihm 2016 nach dem Putschversuch von Teilen des Militärs gegen die Regierung Erdogan vor, an dem Staatsstreich beteiligt gewesen zu sein.

2016 ist die politische Situation in der Türkei höchst angespannt: Erdogan und Teile des Militärs, das in der Türkei eine zweite Macht im Staate darstellt, sind sich in vielen richtungsweisenden Fragen zur Zukunft des Landes uneinig, die Zahl der Terroranschläge im Land häufen sich. Die Angehörigen der Armee – Serkan K. ist als Verwaltungsfachmann zuständig für Personal in Ankara – ist in ständiger Alarmbereitschaft.

Flucht aus der Türkei: Politische Situation höchst angespannt

Er erzählt, dass er damals viele Überstunden machte, so auch in der Nacht vom 15. auf den 16. Juli des Jahres. In der Nacht erhält er einen Anruf seines Vorgesetztes, der ihn zum Dienst ruft. In normaler Kleidung geht Serkan K. zu seinem Büro, kurz danach beginnt der Himmel vom Lärm der Kampfflugzeuge zu dröhnen. Chaos bricht aus, viele Militärangehörige wissen nicht was los, zugleich strömen Menschenmassen auf das Armeequartier zu. Von den Büros aus verfolgen die Soldaten die beiden Ansprachen, die Erdogan an diesem Putsch-Abend im Fernsehen hält. Dort sagt er über den Putsch, dass er ein Geschenk Gottes“ sei.

„Damals habe ich nicht gleich verstanden, was Erdogan damit meinte. Das wurde mir erst später klar“, sagt Serkan K. heute. Der Putsch sei eine Falle gewesen, die dem Präsidenten endlich die Handhabe gab, all jene im Land hinter Gitter zu bringen oder zu eliminieren, die sich ihm widersetzten.

Während des Putsches 2016 kamen nach offiziellen Angaben mehr als 250 Menschen ums Leben, rund 2000 wurden verletzt. Serkan K. spricht von 3000 Soldaten, die damals ums Leben kamen. Über die Zahl der Putschisten fehlen bis heute verlässliche Angaben, die türkische Staatsanwaltschaft ging von 8000 aktiv beteiligten Soldaten aus – was heißt, dass große Teile der Armee gar nicht beteiligt waren.

Versteckt in der Türkei: Schwere Momente für ihn und seine Familie

Serkan K. verlässt am nächsten Morgen gegen 10 Uhr das Armeequartier, um sich in Istanbul mit seiner Familie zu treffen – seiner Frau und den beiden kleinen Töchtern, mit dem dritten Kind ist seine Frau schwanger. Als er Mittags wieder zur Arbeit zurückwill, sieht er in den sozialen Medien, dass viele seiner Kollegen, die zur Arbeit gerufen worden waren, gefoltert oder sogar getötet worden waren. Serkan K. entschließt sich, sich in einer anderen Stadt zu verstecken. Mit seiner Frau kann er nur über Münzfernsprecher telefonieren, weil er davon ausgeht, dass der Geheimdienst die Telefone überwacht. „Ich war unschuldig, aber es gab kein geeignetes Umfeld, das zu beweisen“, sagt Serkan K.

Einen Monat später kann ihn seine Frau besuchen, der Mann, der ihn bisher versteckt hat, will das nicht mehr. „Zu diesem Zeitpunkt habe ich auch erfahren, dass ich inzwischen aus der Armee entlassen worden war und wir unsere Wohnung in Ankara innerhalb von zwei Wochen zu räumen hatten“, erzählt er.

In der folgenden Zeit irrt die Familie von Versteck zu Versteck. Serkans Frau kann zu keiner Schwangerschaftskontrolle, ihr Kind bekommt sie unter falschem Namen in einer Privatklinik, die sie nach einem Tag trotz eines Kaiserschnittes aus Angst vor Entdeckung verlässt.

„Da haben wir die Hoffnung aufgegeben“ – Auf der Flucht durch Europa

Serkan K. ist verzweifelt, denkt ans Aufgeben, konsultiert dann aber doch einen Anwalt. Der fordert knapp 30 000 Euro, wenn er den Fall übernimmt – mehr als das Zehnfache des üblichen Honorars. Das Geld hat Serkan K. nicht. Seine Anklage wird verkündet: wegen der angeblichen Beteiligung an dem Putsch fordert die Staatsanwaltschaft dreimal erschwerte lebenslange Haft für ihn. Noch am selben Morgen gibt es Razzien bei den Eltern des Ehepaars. „Da haben wir die Hoffnung aufgegeben“, sagt Serkan K. „Wir mussten fliehen.“ Er nimmt Kontakt zu Menschenschmugglern auf. Kurz darauf verlässt die Familie die Türkei mit einer einzigen winzigen Reisetasche, „in die unser ganzes Leben passte“.

Die Tasche hat Serkan K. immer noch, ebenso wie eine Babytrage, in der er seine sechs Monate alte Tochter durch eine Sumpf trägt. Auf dem Arm hat er seine zweite Tochter, die älteste, die gerade fünf ist, muss allein nur den Sumpf gehen. Den beiden Kleinen hatten die Eltern Beruhigungsmittel verabreicht, damit die Kinder schlafen und nicht weinen – die Gefahr, von Soldaten entdeckt zu werden, war zu groß.

Angekommen in Deutschland: Seit 2017 leben sie im Werra-Meißner-Kreis

20 Tage dauert ihre Flucht an, in denen sie traumatische Dinge erleben. Über Griechenland erreichen sie Deutschland. Sie beantragen in Gießen Asyl, übergeben den deutschen Behörden die Anklageschrift gegen Serkan K. Weitere 20 Tage später wird der Asylantrag der Familie positiv beschieden. Seit 2017 lebt die Familie im Werra-Meißner-Kreis.

„Wir haben die Freiheit wiedergefunden und unsere Kinder können in Frieden leben“, sagt Serkan K. Er hat neben allen Sprachkursen eine Umschulung zum IT-Fachmann gemacht, seine Frau ist Krankenschwester und arbeitet bei einem großen Träger im Kreis. Die drei Mädchen, sie sind inzwischen 11, 8 und 6 sind, besuchen Gymnasium, Grundschule und Kindergarten. „Ich hab die Türkei bisher nicht vermisst – hier fühlt sich wie Heimat an“, sagt Serkan K. Die Türkei ist für den kurdischstämmigen Mann derzeit vergleichbar „mit einem zerstörten Gebäude“. Aber er wolle nicht nur an sich denken. „Wenn dort Hilfe gebraucht wird, will ich auch was tun“, sagt er. „Aber wir müssen sehen, ab wann es in der Türkei für uns wieder sicher ist“. Das werde nicht vor dem Ende des Erdogan-Regimes sein. „Wir mussten fliehen, weil die türkische Regierung uns zu Terroristen erklärte“, sagt er. „In Deutschland haben wir bei Null angefangen, aber wir haben uns ein neues Leben aufgebaut.“

Serkan K. ist als Integrationslotse im Werra-Meißner-Kreis tätig

Aber Serkan K. ist nicht untätig. Als er in der Zeitung davon las, dass der Werra-Meißner-Kreis Integrationslotsen sucht, die mit ihren eigenen Erfahrungen und ausgezeichneten Sprachkenntnissen neuankommende Migranten unterstützen können, war das keine Frage für ihn. „Ich möchte was für die Menschen tun.“

Er ist optimistisch, dass er und seine Familie demnächst eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis für Deutschland erhalten. (Stefanie Salzmann)

Auch interessant

Kommentare