Mythos und Wirklichkeit – Ausstellung im Grenzmuseum: DDR-Alltag nicht verklären

Das eigene Volk bespitzelt

Ausstellungseröffnung: Hans-Gerd Adler (Wendebewegung des Eichsfeldes), Wolfgang Ruske (Leiter des Grenzmuseums), Hildigund Neubert (Stasi-Unterlagenbehörde Erfurt) und Steffen Krech (Konrad-Adenauer-Stiftung) vor einem Hubschrauber der Nationalen Volksarmee (NVA). Fotos: Keller

Bad Sooden-Allendorf/Sickenberg. Die Stasi, das sei doch ein ganz normaler Geheimdienst gewesen, wie ihn jeder moderne Staat habe. Das ist eine der Legenden, die DDR-Nostalgiker in Diskussionen gerne verbreiten.

Doch der Staatssicherheitsdienst der DDR, so die Chefin der Erfurter Stasi-Unterlagenbehörde, Hildigund Neubert, war eine Geheimpolizei, deren Wirken nach innen gerichtet war: Fast 100 000 hauptamtliche Mitarbeiter waren überwiegend dazu da, das eigene Volk zu bespitzeln und die Vormachtstellung der SED zu sichern. Auf 180 Einwohner kam ein hauptamtlicher Stasi-Mitarbeiter, „Schild und Schwert der Partei“ waren auf dem kleinsten Dorf präsent.

Neubert eröffnete am Sonntag im Grenzmuseum Schifflersgrund die Ausstellung „DDR: Mythos und Wirklichkeit“, die von der Konrad-Adenauer-Stiftung präsentiert wird. Sie richtet sich besonders an junge Leute und Schulklassen, die die DDR nicht mehr erlebt haben. Wissenschaftler haben eine erschreckende Unkenntnis bei nachwachsenden Generationen festgestellt. So könne es sein, so Neubert, dass Kindermund schon mal frage, ob es in der DDR Dinos gegeben hätte.

Die Stasi, das hob Neubert hervor, war im Gegensatz zu westlichen Geheimdiensten ein Organ mit polizeilichen Befugnissen: Sie konnte Menschen festnehmen und festsetzen, kontrollierte ohne richterliche Anordnung Briefpost und Telefonate.

Die DDR sei eine sozialistische Diktatur gewesen, in der Verfasssung werde die Führungsrolle der SED herausgestellt. Bezeichnend ist in der Ausstellung ein Zeitungsausschnitt des Neuen Deutschland vom Mai 1989: „98,85 Prozent stimmten für die Kandidaten der Nationalen Front.“ Dem gegenüber gestellt ist ein Spruchband der aufkeimenden Wendebewegung: „SED-Führungssucht treibt unsere Bürger in die Flucht.“

Zu den Mythen gehört für Neubert auch, dass der zweite deutsche Staat eine Wirtschaftsmacht war: Stabile Preise wurden nur durch Subventionen erzwungen. Wirtschaftlich sei das Land schon 1982 pleite gewesen und nur durch finanzielle Unterstützung aus dem Westen am Leben gehalten worden.

Im angeblich tollen Bildungssystem sei die vormilitärische Erziehung von der ersten Klasse üblich gewesen. Es sei nicht um gleiche Bildung für alle gegangen, sondern um die kommunistische Erziehung junger Bürger.

Die DDR habe sich oft für den besseren deutschen Staat gehalten, weil sie antifaschistisch gewesen sei. Auch das ist laut Neubert eine Mär: Ehemalige NSDAP-ler hätten einst in der SED und auch in den Blockparteien eine Rolle gespielt.

Viel Beifall gab es in der Eröffnungsveranstaltung für den Berliner Liedermacher und Autor Stephan Krawczyk. Er hätte sich von seinen früheren Mitbürgern in der DDR mehr Mut zum Widerspruch gewünscht: „Es gab viele Fälle, wo man ohne große Folgen Nein sagen konnte.“

Von Werner Keller

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