300 Menschen versammelten sich

Ein Platz – zwei Seiten: So liefen Mahnwache und Straßenfest in Witzenhausen ab

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"Einer trage des anderen Last": Die beliebte Statue auf dem Witzenhäuser Marktplatz sah sich am Freitag einer Polizeikette gegenüber, die zwei Gruppen von Demonstranten auseinander halten mussten. Aber die Lage blieb friedlich.

Witzenhausen. Miteinander ins Gespräch kamen die Teilnehmer des Straßenfests und der Mahnwache am Freitag auf dem Witzenhäuser Marktplatz nicht. Wir waren auf beiden Seiten der Polizeikette dabei.

Kurz vor 15 Uhr. Auf dem Marktplatz stehen vereinzelt Polizisten, Feuerwehrleute. Auch die ersten Demonstranten sind gekommen – junge, ältere, Witzenhäuser. Einige haben ihre Kinder mitgebracht, andere schminken sich gegenseitig. Aus Lautsprechern erklingt Jazz. Benjamin Kahl (28) hat das Straßenfest angemeldet. Man wolle sich so „rechtsradikalen und rechten Kräften“ entgegenstellen und Polizeigewalt publik machen. Lust auf noch mehr Gewalt habe hier niemand. Unter den Teilnehmern ist auch Felix Martin, Landtagskandidat der Grünen. Er wird die Menschen auf der anderen Seite des Platzes später als „erbärmlichen Haufen“ bezeichnen. Als die ersten von ihnen kommen, gibt es Pfiffe, Buhrufe, Sprechchöre. Immer mehr werden in den nächsten Stunden bis zu der Reihe Polizisten vorrücken, die beide Seiten voneinander trennt.

Kurz nach 16 Uhr. Die Polizei stellt entlang der Walburger Straße eine Wand aus Bussen hin. Otto Baumann baut mit Mitstreitern ein Rednerpult auf. Ein grünes Plakat mit der Aufschrift „Bürgergruppe Frieden in Witzenhausen! Bürger schützen ihre Polizei! Unser Witzenhausen muss friedlich bleiben“ wird dahinter entrollt, eine Frau schwenkt eine Regenbogenfahne mit „Pace“-Aufdruck – stets begleitet von Pfiffen der Gegendemonstranten.

Die schwellen an, als Katharina Lindenthal, eine der Gründerinnen der Bürgergruppe und vor ihrem Redebeitrag sichtlich angespannt, anfängt, von einem Zettel abzulesen. „Wir möchten gemeinsam mit Ihnen unserer Polizei mit dieser Aktion unsere Solidarität bekunden“, liest sie vor. Zu verstehen dürfte sie kaum sein. Die Gegenseite ist so laut, dass es aufseiten der Mahnwache wie in einem Lärmkokon anmutet. Derweil verteilen ihre Mitstreiter die „Witzenhäuser Erklärung“, eine Solidaritätsbekundung mit der Polizei.

Mittlerweile klafft eine Lücke im Straßenfest. Vorne schimpfen sie auf die anderen, hinten spielen sie Karten auf dem Boden, essen Kuchen. Doch es bleibt friedlich – was gut ist. Da sind sich alle hier einig. Als Otto Baumann vorm Rathaus einem TV-Team ein Interview gibt, wird es plötzlich laut. „Es gibt kein Recht auf Nazi-Propaganda“ rufen ihm die Vorderen über die Köpfe der Polizisten entgegen.

Gegen 17.25 Uhr geht Otto Baumann wiederholt durch die rund 50 Mann starke Reihe der Mahnwache, gibt Anweisungen, wie es weitergehen soll. Zum Beispiel zur „Zeremonie“, zu der sich die Teilnehmer schweigend Hand in Hand in Reihe stellen. Stoisch blicken sie in Richtung der Menschen, die sie auspfeifen. Und obwohl er eigentlich die Rede aus Gründen der Deeskalation Katharina Lindenthal überlassen hat, greift Otto Baumann am Schluss unter lauten „Hau ab“-Rufen doch zum Mikrofon, dankt allen, wünscht den Demonstranten eine gute Heimreise nach Göttingen und verlässt als letzter der Mahnwachen-Gruppe durch das Rathaus den Platz.

Baumann ist weg, Mittelfinger sinken und auf dem Marktplatz breitet sich Applaus aus, unter den sich „Unser Marktplatz“-Rufe mischen. Einige der Besucher des Straßenfests, das letztlich doch eine Demo war, versammeln sich am Eingang zur Ermschwerder Straße, wenige Meter von dem Ort entfernt, wo das geschah, weshalb jeder, der heute hier ist, gekommen war. Ein junger Mann sagt ins Mikro, dass es nicht reicht, auf die AfD zu zeigen – dass Fremdenfeindlichkeit in der Gesellschaft weit verbreitet zu sein scheint. Und ein letztes Mal klatschen alle.

Ein weiteres Video des Protests:

Weitere Stimmen zu den Ereignissen von Freitag lesen Sie in der gedruckten Samstags-Ausgabe der HNA-Witzenhäuser Allgemeinen.

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