Der 12. Teil unsere Serie: Die Kirche im Dorf lassen

Ein wegweisender Baustil in der Region - Die Kirche von Oberrieden wurde 1786 gebaut

Die Kirche von Oberrieden wurde 1786 neu erbaut. Sie steht auf einem Hügel, auf dem im Mittelalter ein adliges Anwesen und eine Vorgängerkirche standen. Und noch eine Anekdote: Der erste Pfarrer wollte nicht, dass die Emporen (rechtes Bild) bis ganz nach vorne reichen, denn er fürchtete, durch gestört zu werden. Landrat von Keudell war dafür – aber nur, weil der Pfarrer dagegen war.
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Die Kirche von Oberrieden wurde 1786 neu erbaut. Sie steht auf einem Hügel, auf dem im Mittelalter ein adliges Anwesen und eine Vorgängerkirche standen. Und noch eine Anekdote: Der erste Pfarrer wollte nicht, dass die Emporen (rechtes Bild) bis ganz nach vorne reichen, denn er fürchtete, durch gestört zu werden. Landrat von Keudell war dafür – aber nur, weil der Pfarrer dagegen war.

„Die Kirche im Dorf lassen“ (Folge 12): 47 Gotteshäuser der evangelischen Kirche gibt es im ehemaligen Kirchenkreis Witzenhausen. Jede Kirche hat mindestens eine spannende Geschichte zu erzählen. Heute: Die Kirche Oberriden

Oberrieden – Auf einem Hügel am Ortseingang von Oberrieden thront die von dem Soodener Baumeister Johann Reutel entworfene und 1786 errichtete Kirche. Landrat von Keudell hatte damals eigentlich sparen wollen und für eine Fachwerkkirche in der Dorfmitte plädiert, doch auf Oberriedener Kirchenland wurde ein Steinbruch entdeckt, was den Preis halbierte. Und so stand der massiven Errichtung nichts mehr im Wege. Allerdings wurde die Kirche an einem anderen Platz errichtet, als vom Landrat beabsichtigt. Auf dem Hügel nämlich. Dort hatte im Mittelalter ein adeliges Anwesen gestanden, möglicherweise ein befestigtes Haus, das um 1450 im Konflikt der Herren von Dörnberg mit denen von Hanstein zerstört worden war. Die Mauerreste wurden – vermutlich– zu einer Kirche umgebaut, indem ein Fachwerkgeschoss aufgesetzt wurde. Diese 20 x 8,5 Meter große Kirche war dem Hl. Georg geweiht.

Die Orgel von 1799 besteht noch zu 90 Prozent im Original, wie Rainer Driehorst vom Kirchenvorstand erklärt

Allerdings muss es schon vorher eine Kirche gegeben haben. So wurde für das Jahr 1271 erwähnt, dass es am Ort einen Plebanus, einen Leut- oder Weltpriester mit Pfarrauftrag gegeben habe. Und: 1347 übertrug Landgraf Hermann dem Sohn Eckhardts von Rieden das Kirchlehen (beneficium ecclesiasticum) zu Oberrieden.

Ende des 18. Jh. jedenfalls war der Kirchenbau oberhalb des Steilufers des Riedbachs so baufällig, dass die neue Kirche geplant wurde. „Sie hat einen rechteckigen Grundriss und ist im sogenannten ‚Zopfstil’ errichtet, im Übergang vom Rokoko zum Klassizismus“, erläutert Rainer Driehorst vom Kirchenvorstand, der sich intensiv mit den Aufzeichnungen zur Geschichte von Wolfgang Koch beschäftigt hat. „Der Eingang auf der Südseite ist etwas nach vorn angesetzt. Das nennt man Risalit. Sie ist außen verputzt und die Gebäudeecken mit Sandstein optisch aufgewertet.“

Der zur damaligen Zeit neue Kirchentyp sei wegweisend gewesen für andere Kirchen in der Region. Der Innenraum ist hell aufgrund der großen Fenster.

Die Empore an beiden Seiten wird durch die Orgelempore verbunden und von säulenartigen Vierkanthölzern „toskanischer Ordnung“ getragen. 1908 nahm die Kirche schweren Schaden durch einen Blitzeinschlag, 1917 und 1941 mussten Glocken abgeliefert werden, damit daraus Kriegsgerät hergestellt werden konnte. 1953 wurde der Holzaltar ausgemustert und stattdessen ein Steinaltar auf einem Sandsteinsockel von 1848 aufgesetzt. 1980 stiftete die Familie Wolfgang Koch die der Kirche sehr verbunden war, das moderne Taufbecken.

Kirchenserie Kirche im Dorf lassen (12)

Ein besonderes Stück ist die Orgel von 1799. „Mit ihren 14 Registern hat sie für eine Dorfkirche eine unerwartet umfangreiche Klangfülle“, erklärt Rainer Driehorst. „Und sie befindet sich noch zu 90 Prozent im Originalzustand.“ 1998/99 wurde nicht nur die Orgel, sondern die gesamte Kirche grundlegend restauriert, tragende Dachbalken wurden wegen Fäulnis ausgetauscht, da der Glockenturm drohte, herunterzustürzen. Heute ist die Kirche, die am Radweg liegt, von April bis Oktober täglich geöffnet. Bei Betreten des Kirchenraums werden Aufnahmen der Orgel abgespielt.

Musik spielt überhaupt eine große Rolle in der Kirche, deren Altarraum wie die Bühne eines Globe-Theaters wirkt. „Es fanden schon mehrere Shanty-Gottesdienste statt aber auch Kino-Abende“, sagt Pfarrerin Jennifer Keomanee. „Die Gemeinde hat immer viele Ideen.“

So wurde der Kuchen der gut angenommen Kaffee-Tafel für die Senioren während der Corona-Zeit direkt nach Hause geliefert. (Kristin Weber)

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