Ermordet im Konzentrationslager

Zum Holocaust-Gedenktag: Erinnerung an Opfer aus Eschwege und Sontra

Eine Frau schaut in die Kamera. Das Bild ist schwarz-weiß.
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Von den Nationalsozialisten ermordet: Johanna Himmelstern, gebürtige Bernstein, die Frau von Markus Himmelstern.

Der heutige 27. Januar ist Holocaust-Gedenktag. An diesem Tag wurde 1945 das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau durch die Rote Armee befreit. Auch der Verein der „Freundinnen und Freunde jüdischen Lebens in der Region Werra-Meißner“ erinnert heute an den nationalsozialistischen Völkermord an bis zu 6,3 Millionen europäischen Juden.

Eschwege/Sontra – Eine Gedenkfeier wie im vergangenen Jahr in der Synagoge in Abterode oder auch nur ein Dorfrundgang kann aufgrund der Pandemie nicht stattfinden. Deshalb verlagert der Verein das Gedenken in diesem Jahr in den virtuellen Raum, mit einer Video-Podcast-Serie, die auf der YouTube-Seite der „Spuren jüdischen Lebens im Werra-Meißner-Kreis“ zu sehen und zu hören ist (youtube.com/channel/UCC0wa-hDxqIMD2xboAJ-DAA).

Die Opfer, die in den Konzentrationslagern umgebracht wurden, stammen auch aus Städten und Dörfern des heutigen Werra-Meißner-Kreises, etwa das Ehepaar Markus und Johanna Himmelstern aus Eschwege, Erich Narewczewitz aus Eschwege oder Gerda Plaut aus Sontra. „Die Erinnerung immer wieder in die Öffentlichkeit zu tragen, finde ich wichtig“, sagt Dr. Martin Arnold, der Vereinsvorsitzende und Dekan im Ruhestand.

„Heute ist Antisemitismus oftmals bei denen besonders stark zu beobachten, die am wenigsten mit jüdischen Menschen zu tun haben. Die Beschäftigung mit dem Thema erzeugt Respekt.“ Die ersten vier Videos auf der Seite sind nur ein Anfang. Der Verein möchte die Reihe in der Zukunft fortsetzen.

Markus und Johanna Himmelstern, geb. Bernstein:

Markus Himmelstern wurde am 12. Mai 1877 in Beverungen geboren. Mit 22 Jahren kam er nach Eschwege und wohnte in der Herrengasse 9, in der Aaron Plaut eine Stock- und Peitschenfabrik betrieb. Als Beruf wird „Prokurist“ genannt. Im Jahr 1910 gründete er gemeinsam mit Abraham Goldbach die Stock- und Peitschenfabrik Goldbach & Co., die ihre Niederlassung am Stad 46 hatte. Eschwege war zu dieser Zeit ein Zentrum der Stockindustrie. 1912 heiratete Maakus Himmelstern die 26-jährige Johanna Bernstein. Das Paar bezog gemeinsam eine Wohnung in der Friedrich-Wilhelm-Straße 48 in Eschwege. Anschließend war Markus Himmelstern von 1916 bis 1919 als Soldat im Ersten Weltkrieg.

Markus Himmelstern.

Während der Weltwirtschaftskrise scheint die Fabrik ihre Produktion eingestellt zu haben. Johanna Himmelstern wurde 1941 in das Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück gebracht. Knapp vier Monate später, im Oktober 1941, wurde Markus Himmelstern als politischer Gefangener verhaftet und in das KZ Dachau gebracht, beide wurden 1942 ermordet, Johanna in der Tötungsanstalt Bernburg.

Gerda Plaut, geb. Katzenstein:

Gerda Katzenstein wurde am 5. April 1910 in Wichmannshausen geboren. Ihre Eltern Isaak und Emma Katzenstein, geb. Heilbrunn, waren Kaufleute. Ende der 1920er-Jahre verlegte der Vater sein „Manufaktur-, Kurz- und Kolonialwarengeschäft“ von Wichmannshausen nach Sontra in die Niederstadt 33. Vermutlich arbeitete Gerda nach ihrem Schulbesuch im elterlichen Geschäft mit, ohne eine anderweitige Ausbildung zu machen.

Gerda Plaut aus Wichmannshausen mit ihrer Familie.

Als ihr Vater 1931 starb, führte Gerda gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrem Verlobten, Ludwig Plaut, das Geschäft weiter. Im gleichen Jahr heiratete das Paar. 1932 wurde Sohn Joachim geboren, 1935 Meinhard und 1936 Heinz. Trotz der zunehmenden Diskriminierung der Juden lief das Geschäft in Sontra gut. 1938 wurde als viertes Kind Tochter Betty Eva geboren. Das Mädchen wurde am 8. November Opfer der Reichspogromnacht. Ein Stein, der durch die Fensterscheibe im ersten Stock geworfen wurde, traf das Kind. Es starb drei Wochen später an den Verletzungen.

Die Familie machte Pläne zur Auswanderung, doch 1941 wurden sie von Berlin nach Riga deportiert und im Wald von Rumbula erschossen. Nur Mutter Emma Katzenstein konnte 1939 in die USA gelangen und überlebte.

Studienrat Erich Narewczewitz:

Erich Narewczewitz wurde 1893 als Sohn einer Kaufmannsfamilie in Eschwege geboren. Er besuchte das Friedrich-Wilhelm-Gymnasium und studierte nach dem Abitur Mathematik, Chemie und Physik in Berlin und Göttingen. Im Ersten Weltkrieg war er als Soldat an der Front.

Anschließend wurde er Lehrer und kehrte 1929 als Studienrat an die Friedrich-Wilhelm-Schule zurück. Er sagte: „Diese Eigenschaften eines charaktervollen, wirklich gebildeten Menschen sind in der jetzigen notbedrängten Gegenwart besonders wichtig, denn die Stände und natürlichen Schichten eines Volkes stehen sich in leidvoller Zerrissenheit gegenüber“.

Erich Narewczewitz aus Eschwege starb im Konzentrationslager Theresienstadt.

Eigentlich mussten jüdische Beamte 1933 aus ihrem Beruf ausscheiden, für Narewczewitz galt eine Ausnahmeregelung als ehemaliger Frontkämpfer, allerdings nur bis 1935. So zog er 1936 nach Frankfurt, um an einer jüdischen Schule zu unterrichten, und holte seine Familie nach. Er hatte die Opernsängerin Gertrud Dalberg geheiratet und mit ihr Sohn Robert bekommen. Die Familie wurde 1942 ins KZ Theresienstadt deportiert. Erich Narewczewitz starb dort, ebenso seine Mutter und Schwiegermutter, sein Bruder Albert mit dessen ganzer Familie und andere Verwandte wurden in Auschwitz ermordet. Seine Frau und Robert überlebten und wanderten nach Neuseeland aus.

Von Kristin Weber

Kommentar zum Holocaust-Gedenktag: Verantwortlich dafür, dass es nicht mehr geschieht

Die Welt gedenkt der über sechs Millionen ermordeten europäischen Juden sowie aller anderen Opfern des Nationalsozialismus. Schockierend ist, dass die Berichterstattung noch immer Reaktionen wie „Ach, schon wieder“ auslöst. Besonders im Internet bedarf es keiner großen Suche, um Aussagen wie „Irgendwann muss es doch gut sein“ zu finden. Nein, darf es nicht.

Um die Erinnerung durch Institutionen braucht man sich keine Sorgen machen – zumindest so lange nicht Politiker wie Alexander Gauland von der AfD in einer Regierung vertreten sind, für den „Hitler und die Nazis nur ein Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte“ sind.

Was bröckelt, das ist die individuelle Erinnerung. Irgendwann werden alle Zeitzeugen tot sein. Ihre Erinnerung muss digital bewahrt werden. Jeder Schüler sollte eine KZ-Gedenkstätte besucht haben – dieses Gefühl wirkt nach. Der Verein „Freundinnen und Freunde jüdischen Lebens in der Region Werra-Meißner“ ist einer von vielen, der das begriffen hat. Denn wie sagte der 2016 gestorbene Holocaust-Überlebende Max Mannheimer: „Ihr seid nicht schuld an dem, was war, aber verantwortlich dafür, dass es nicht mehr geschieht.“

Von Maurice Morth

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