Gehetzt und getötet

Corona-Lockdown: Mehr Wild denn je von Hunden gerissen – Jagdverein bittet um Rücksicht

Gehetzt und getötet: Ein wildernder Hund hat eine Ricke gerissen. Die weiblichen Rehe sind jetzt trächtig.
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Gehetzt und getötet: Ein wildernder Hund hat eine Ricke gerissen. Die weiblichen Rehe sind jetzt trächtig.

Der Corona-Lockdown wird zur Gefahr von Wildtieren. Mehr Wild denn je wird von Hunden gerissen. Der Jagdverein bittet Hundehalter nun um Rücksicht.

Eschwege – Naturschützer und Jäger sorgen sich um das Wild. „Fast täglich erreichen uns Anrufe besorgter Jäger, die über eine zunehmende rücksichtslose Nutzung der freien Landschaft durch Hundehalter und Erholungssuchende berichten“, erklärt Rainer Stelzner, Vorsitzender des Jagdvereins Hubertus Kreis Eschwege.

Das Problem sei zwar seit Langem bekannt, hat sich aber seit Beginn der Corona-pandemie, und hier wiederum mit dem Lockdown, massiv verschärft. Wegen Einschränkungen verbringen viele ihre Freizeit in Wald und Feld, oft in Begleitung ihrer Hunde.

„Natürlich ist es absolut verständlich , unter medizinischen Gesichtspunkten sogar wünschenswert, dass die Menschen sich möglichst viel an der frischen Luft bewegen“, sagt Dr. Jörg Brauneis, Schriftführer des Jagdvereins Eschwege. „Dabei ist es aber im gegenseitigen Interesse und im Interesse der Natur unverzichtbar, dass man sich an gewisse Regeln hält.“ Im Lockdown merke man erst mal, was es bedeutet, in einem übervölkerten Land mit mehr als 80 Millionen Menschen zu leben.

Jagdpächter: So viele Tiere von Hunden gerissen wie nie zuvor

Inzwischen würden auch die entlegensten Teile der Feldgemarkungen und Wälder von der ersten Morgendämmerung bis weit in die Nacht von Erholungssuchenden und Hundehaltern genutzt. Dabei würden gesperrte Feld- und Waldwege befahren und die Lebensräume der Wildtiere abseits der Wege betreten und beunruhigt. „Leider überschätzen viele Hundehalter ihre Fähigkeiten, auf ihren vierbeinigen Gefährten einzuwirken, dramatisch“, sagt Brauneis.

„Frei laufende Hunde außerhalb des Einwirkungsbereichs ihres Hundeführers sind eine Geißel für die frei lebenden Tiere“, fasst Stelzner die Sorgen vieler Jäger zusammen. Nicht selten passiere es, dass unkontrolliert frei laufende Hunde Wild aufstöbern und hetzen. „Vor allem die Rehe werden jetzt im Winter ein leichtes Opfer von wildernden Hunden“, beklagt Stelzner. „Dabei werden oft trächtige Ricken von Hunden gerissen, da sie in ihrer Fluchtfähigkeit beeinträchtigt sind.“

Aus den stadtnahen Revieren rund um Eschwege mussten die Jagdpächter feststellen, dass in diesem Jahr der Pandemie so viele Rehe von wildernden Hunden gerissen wurden wie nie zuvor.

Ein Jagdpächter aus dem östliche Meißnervorland berichtet, dass das empfindliche Rotwild, das sonst ganzjährig in seinem Revier lebt, seit August nicht mehr beobachtet wurde, weil selbst die steilen Waldhänge, sonst stets ein Rückzugsort für die Tiere, jetzt regelmäßig von frei laufenden Hunden beunruhigt werden. Manchmal könnten sogar die sonst so robusten und scheuen Wildschweine beobachtet werden, wie sie am helllichten Tag vor Störungen aus ihren Rückzugsgebieten flüchten und dann orientierungslos im Feld herumirren.

Jagdverein: Ständige Störungen des Wildes und seines Nachwuchses

Schlimmer aber sei, dass in diesen Tagen die Zeit begonnen hat, in der die Wildschweinmütter ihren Nachwuchs zur Welt bringen. Die neugeborenen Frischlinge benötigen in den ersten Lebenswochen relativ hohe Umgebungstemperaturen, um am Leben zu bleiben. Dies ist nur gewährleistet, wenn die Bache ihre Frischlinge wärmen kann. Wird sie aber gestört und muss den Wurfkessel mit den Frischlingen verlassen, um vor Hunden zu flüchten oder sich mit ihnen auseinanderzusetzen, können die Frischlinge leicht unterkühlen und sterben.

Die ständigen Störungen des Wildes besonders im Winter, wenn die Tiere versuchen, ihren Stoffwechsel mit wenig Bewegung in einem Energiesparmodus zu halten, führen zu einem stark steigenden Energie- und Nahrungsbedarf. Die Folge seien steigende Wildschäden, besonders an Forstpflanzen. Hinzu komme, dass die gehetzten Wildtiere in ihrer panischen Flucht vor Hunden auf Straßen laufen und dort schwere Verkehrsunfälle verursachen.

Stelzner weist nachdrücklich darauf hin, dass es nach dem hessischen Jagdgesetz ausdrücklich verboten ist, Hunde unbeaufsichtigt in Wald und Flur laufen zu lassen. Hundehalter müssen bei Verstößen mit Bußgeldverfahren rechnen. Außerdem wird der Jagdpächter von dem Hundebesitzer Schadensersatz für das getötete Wild verlangen. Darüber hinaus sind Jagdpächter und Jagdaufseher befugt, wildernde Hunde zu töten. „Dies ist aber wirklich die allerletzte Möglichkeit!“, betont Stelzner. Das Problem läge immer beim Hundehalter.

Die Jäger im Werra-Meißner-Kreis bitten die Hundehalter in Wald und Feld um freiwillige Rücksichtnahme auf die Lebensinteressen der Wildtiere. (Salzmann/Brauneis)

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