150 Meter vom Tatort entfernt

Eschweger erlebt Angriff in Halle hautnah mit: "Das war wie im Kino"

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Einsatzkräfte legen sich ihre Ausrüstung an: Dieses Foto entstand nach dem Angriff am Mittwoch in der Innenstadt von Halle/Saale in Sachsen-Anhalt.

Rafal Klajnszmit aus Eschwege war am Mittwoch nur 150 Meter vom Tatort in Halle/Saale entfernt, als ein schwer bewaffneter Täter zwei Menschen erschossen hat.

„Ich war zur falschen Zeit am falschen Ort. Das war schon ein sehr komisches Gefühl. Ich bin heute noch aufgewühlt“, sagte der 48-Jährige gestern. Eigentlich wollte Rafal Klajnszmit nur einen Arzttermin beim Orthopäden seines Vertrauens in der Innenstadt von Halle wahrnehmen.

Doch schon kurz vor der Einfahrt in die Stadt hörte er die Erstmeldung über den Angriff im Radio. „Da dachte ich das erste Mal, dass ich im falschen Film bin und habe mich gefragt, wo ich hier gerade rein gerate.“

Erlebte den Angriff in Halle hautnah mit: Rafal Klajnszmit aus Eschwege.

In der Innenstadt angekommen, stand Klajnszmit vor der ersten Straßensperre durch die Polizei. „Reihenweise kleinere oder größere Fahrzeuge mit Blaulicht und Martinshorn sind vorbeigefahren, schwer bewaffnete Sondereinsatzkommandos und Anti-Terror-Einheiten ausgestiegen. So etwas habe ich noch nie gesehen, das war wie im Kino“, berichtet der Eschweger. 

Rafal Klajnszmit war nur 150 Meter vom Tatort entfernt

Zu diesem Zeitpunkt befand er sich nach seinen Angaben gerade mal 150 Meter vom Tatort entfernt. „Gesehen habe ich von der Tat nichts, aber den ganzen Trubel mit den Sicherheitskräften“, so Klajnszmit.

Infolgedessen musste der 48-Jährige, der vielen als Fußballer und Trainer von Vereinen wie Eschwege, Weidenhausen und jetzt Reichensachsen bekannt ist, sich den Weg zur Klinik durch Nebenstraßen bahnen. Doch ins Krankenhaus ist niemand rein- oder rausgekommen. „Es war überall Alarmstufe Rot, das hat die Polizei so angewiesen“, sagt Klajnszmit.

Infos aus dem Radio - Angst war da

Auch zu diesem Zeitpunkt war der Eschweger nur 300 bis 500 Meter vom Tatort entfernt. Und hat übers Radio neue Details erfahren. „Wir hatten mittlerweile wirklich Angst. Es hieß, es gibt mehrere Täter und die seien auf der Flucht. Die beiden Opfer wurden ja auch wahllos erschossen. Es hätte jeden treffen können, der Pech hat“, erzählt Rafal Klajnszmit, der jetzt auch etliche Polizeihubschrauber am Himmel über Halle beobachtete. 

Rafal Klajnszmit: „In jedem Auto könnte ein Täter sein“

Jetzt also stand Rafal Klajnszmit aus Eschwege vor der abgeriegelten Klinik in der Innenstadt von Halle – nur wenige Hundert Meter vom Tatort entfernt, wo ein Attentäter kurz zuvor einen Mann und eine Frau erschossen hatte. „Man dachte ja bei jedem Auto, das vorbeifuhr, dass dort ein flüchtiger Täter drinsitzen könnte, von denen das Radio berichtete. Deswegen bin ich erst mal zurück in mein Auto gestiegen und auf einen kleinen Parkplatz hinter dem Krankenhaus gefahren, wo ich mich sicher fühlte.“ 

Eigentlich sollte es ein Besuch beim Orthopäden werden

Klajnszmit war am Mittwoch nach Halle gekommen, um zu einem Orthopäden zu gehen, den er persönlich kennt. „Nach kurzer Überlegung habe ich den dann angerufen, woraufhin er mir eine Schwester schickte, die mich in die Klinik ließ“, sagt der 48-Jährige. Es sei gespenstisch gewesen, wie leer gefegt die Straßen mittlerweile waren. „Nachdem die Nachricht die Runde gemacht hat, war nach wenigen Minuten kein Auto und kein Mensch mehr zu sehen“, so Klajnszmit. Dann konnte er tatsächlich noch seinen Arzttermin wahrnehmen. 

Täter noch auf Flucht - Niemand durfte die Klinik verlassen

Doch das nächste Problem ließ nicht lange auf sich warten. Es durfte noch immer niemand die Klinik verlassen, da der Täter nicht gefasst war und es keine Entwarnung von der Polizei gab. „Im Krankenhaus haben alle Menschen zusammen die Ereignisse vor den laut gestellten Fernsehern mitverfolgt. Das war schon eine seltsame Situation, in der ich ein mulmiges Gefühl hatte“, erinnert er sich. 

Am Abend durfte Klajnszmit dann nach Hause

Gegen Abend dann durfte Rafal Klajnszmit mit vielen anderen Leuten die Klinik verlassen. „Ich habe einen Umweg genommen, um nicht noch mal durch die Gefahrenzone zu fahren. Da hat mir geholfen, dass ich mich in Halle ein bisschen auskenne.“ Abends um 21 Uhr war Klajnszmit endlich wieder zu Hause in der Kreisstadt Eschwege. Doch abschalten konnte er nach diesem Tag natürlich nicht. „Ich hatte Radio und Fernseher parallel laufen. Auf MDR Jump gab es eine Live-Berichterstattung. Ich war mittendrin in der Sache, da hat mich natürlich interessiert, wie sich das alles weiter entwickelt“, sagt Rafal Klajnszmit. 

Das war ein Erlebnis, dass dem Eschweger noch lange in Erinnerung bleiben wird 

Aber: „So etwas möchte ich nie wieder mitmachen“, meint er. Was für ihn hängen bleibt, ist: „Jeder hätte ein Opfer dieser furchtbaren Gewalttat sein können, der einfach zur falschen Zeit am falschen Ort ist. Das gibt einem wirklich ein unsicheres Gefühl“.

Hintergrund: Zwei Tote bei Angriff auf Synagoge und Imbiss

In Halle/Saale hat ein schwer bewaffneter Täter vor einer Synagoge und in einem Döner-Imbiss am Mittwoch eine Frau und einen Mann erschossen. Der mutmaßliche Täter wurde am Nachmittag gefasst.

 Es soll sich um einen 27-jährigen Deutschen handeln. Laut Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) gibt es Anhaltspunkte für einen „möglichen rechtsextremistischen Hintergrund“. Auch soll es ein Bekennervideo geben. Der Generalbundesanwalt ermittelt.

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