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Bundespräsident a.D. Wulff spricht an Friedrich-Wilhelm-Schule

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Sprach beim 9. FWS-Forum: Bundespräsident a.D. Christian Wulff.
Sprach beim 9. FWS-Forum: Bundespräsident a.D. Christian Wulff. © Lorenz Schöggl

DEr Bundespräsident a.D. Wulff spricht an Friedrich-Wilhelm-Schule und hält eine 80-minütige Rede.

Eschwege – „Demokratien sind nicht nur von Außen gefährdet, sondern auch von innen“, ist die Kernbotschaft des Abends. Ohne engagierte Demokraten droht die Freiheit in der Selbstverständlichkeit zu verblassen. In einer rund 80-minütigen Rede entführt der Staatsmann Christian Wulff das Publikum des neunten „FWS-Forums“ an der Friedrich-Wilhelm-Schule auf eine bewegende Weltreise, die vor den Gefahren der Demokratie warnt – und dabei an einen jeden appelliert.

Das Jahr 2022 nehme er bisher nur als schlechtes Jahr wahr: Der Einfall Russlands in die Ukraine, das Attentat auf Japans Ex-Regierungschef, der Tod Gorbatschows und Elisabeth II. sind historische Ereignisse. Begonnen habe das Jahr mit einer Gedenkrede durch Präsident Biden anlässlich der Erstürmung des Kapitols – ein Ereignis ausgelöst durch Populismus und Hass. Deutschland hatte in der Vergangenheit bis dato ungekannte Jahrzehnte des Friedens erlebt: „Nichts davon kam von allein und nichts davon ist auf Dauer“, so Wulff. Der Teil der Gesellschaft, der hinter der Verfassung steht, müsse stets stärker sein als der, welcher gegen sie ist. Dabei lebe eine Demokratie von der pluralistischen Meinungsbildung, die an Schulen beginne. Er sei sehr erfreut, an einer „besonders engagierten Kulturschule“ zu sein, die genau dieses Motto lebt, und dankt Oberstudienrat Reiner Herich für die federführende Organisation.

Durch Hass wie in Russland und durch aufkommenden Nationalismus wie in Ungarn, Schweden oder Italien seien Demokratien von außen gefährdet, aber gleichermaßen seien sie es von innen: Wenn sie zu selbstverständlich werden und es an Bürgern fehle, die sich aktiv für die Demokratie einbringen, beginnen sie schleichend zu vergehen. „Demokratien klingen nicht, wenn sie gehen“, warnt Wulff. Es beginne meist mit der Pressefreiheit und dem Recht auf freie Meinungsäußerung. Wenn eine Sängerin mit Dreadlocks bei Fridays for Future wegen des Vorwurfs kultureller Aneignung nicht+ auftreten dürfe oder ein Kolonialforscher nicht sprechen dürfe, weil er keine Kolonialerfahrung habe, sei das sehr bedenklich.

Zwei Herausforderungen arbeitet Wulff explizit heraus: die Digitalisierung und die Globalisierung. Durch den Buchdruck und Luthers Bibelübersetzung verlor die katholische Kirche ihr Deutungsmonopol; dasselbe drohe den Qualitätsmedien durch das Internet. Heute informieren sich zu viele Menschen über eine Flut ungeprüfter Beiträge, Bilder und Videos: „Gute, verlässliche Informationen von Redakteuren müssen wir uns auch etwas kosten lassen“, wirbt Wulff. Gleichzeitig gefährden Filteralgorithmen die Meinungsbildung, indem sie Nutzern nur anzeigen, was sie in der Vergangenheit gesucht haben: Umfassende Medienkompetenz sei die einzige Lösung.

Die Globalisierung und die entstehende Zuwanderung sei die zweite, zentrale Herausforderung, da sie Ängste schüre, die unberechtigt seien: Der Blick in die Statistik zeige, dass wir so sicher leben wie nie zuvor, die höchste Lebenserwartung und den größten Wohlstand haben. „Da wo es am wenigsten Muslime gibt, gibt es den meisten Hass gegen sie“, so Wulff, der mit Blick auf Lieferdienste, Pflegepersonal, Supermärkte, Krankenhäuser, Impfstoff-Forscher und auch den Fußball betont, wie viele erfolgreiche Einwanderungsgeschichten existieren, die Deutschland dringend benötige.

In der anschließenden Diskussionsrunde verdeutlicht Wulff, welches Ansehen Deutschland in der Welt genieße, aber auch, dass Deutschlands Rolle nur über Europa führe und weltweit „abnehmen muss“, da Asien und Afrika auch berechtigte Interessen haben. Mit Blick auf die Ukraine müsse man verstehen, dass Demokratien von außen angegriffen werden und sich wehren müssen, weshalb „ich dafür bin, schwere Waffen an die Ukraine zu liefern“. Seiner Auffassung nach führe die Lösung des Ukraine-Konflikts letztendlich „nur über Peking“, welches wie auch Ankara als Vermittler auftreten müsse.

Wulff lebt in der Diskussion demokratische Bürgernähe und meidet dabei betont Partei- und Tagespolitik. Für den gesamten Abend erhält er kein Honorar und hat den Schulchor der Friedrich-Wilhelm-Schule als Spendenempfänger der Eintrittsgelder ausgewählt. Von Lorenz Schöggl

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